Notfallmedizin Zahnmedizin – Akute Notfälle, Therapie

Notfallmedizin

1. Grundprinzip: Sicherheit, Team, Systematik

Notfallmedizin in der Praxis ist nicht „viel Wissen“, sondern schnelle, reproduzierbare Abläufe. Drei Leitideen:

  • Sicherheit: Eigenschutz, Patientenschutz, Praxis-Team schützen.
  • Systematik: Keine Panikdiagnosen – immer ABCDE (erst Lebensgefahr, dann Details).
  • Ressourcen: Du arbeitest nicht wie im Krankenhaus – du stabilisierst und übergibst.

2. Notfallkette in der Praxis

Ablauf in 30 Sekunden (Prüfungs- und Praxisstandard):

  1. Stop Behandlung, Instrumente aus dem Mund, Absaugen.
  2. Rufen: „Notfall!“ – eine Person bleibt beim Patienten.
  3. Alarm: 112 (früh, nicht spät).
  4. Ausrüstung: O₂, Notfallkoffer, AED, BZ-Gerät.
  5. ABCDE + Basismaßnahmen.
  6. Dokumentation: parallel Uhrzeiten, Medikation, Vitalwerte, Verlauf.

Teamrollen (ideal in jeder Praxis trainiert):

  • Teamlead: Arzt/Zahnarzt (entscheidet, delegiert)
  • Airway/Atmung: Assistenz 1 (Absaugen, Maske, O₂)
  • Kreislauf/Monitoring: Assistenz 2 (RR, Puls, SpO₂, BZ, Zugang)
  • Runner/Telefon: Assistenz 3 (112, Material, Tür öffnen, Einweisung RD)

3. Primary Survey: ABCDE in der Zahnarztpraxis

ABCDE ist deine Prüfungs-Universalsprache:

A – Airway (Atemweg)

  • Spricht der Patient? → Atemweg meist frei.
  • Gurgeln, Stridor, keine Sprache → Gefahr!
  • Mundhöhle prüfen, Prothesen/Fremdkörper entfernen, absaugen.

B – Breathing (Atmung)

  • Atemfrequenz, Thoraxbewegung, SpO₂, Dyspnoezeichen
  • Sofort Sauerstoff bei Luftnot, Zyanose, Schock, Bewusstseinsstörung

C – Circulation (Kreislauf)

  • Puls, RR, Haut (kalt/feucht?), Rekap-Zeit
  • Schockzeichen: Tachykardie, Hypotonie, Kaltschweißigkeit
    Schock-Konzept (Missverhältnis zwischen Gefäßfüllung und -kapazität/Gewebeperfusion)

D – Disability (Neurologie)

  • Bewusstsein (AVPU: Alert/Voice/Pain/Unresponsive)
  • Pupillen, Krampf? FAST? BZ messen!

E – Exposure/Environment

  • Allergiezeichen (Urtikaria, Schwellung), Blutung, Trauma
  • Wärmeerhalt (Schock)

4. Basismaßnahmen bei Bewusstlosigkeit (BLS) und AED

Wenn nicht ansprechbar:

  1. Hilfe holen + 112
  2. Atmung prüfen (max 10 s)
  3. Keine normale Atmung → CPR + AED

Prüfungssatz (C1):
„Bei Bewusstlosigkeit prüfe ich Atmung maximal 10 Sekunden. Fehlt eine normale Atmung, beginne ich sofort mit Thoraxkompressionen und setze den AED ein.“

AED als Option/Empfehlung ist in der Ausrüstungsliste klar genannt. Zahnarztliche Notfalle

5. Atemwegsmanagement: Freimachen, Absaugen, Beatmung

Zahnärztliche Besonderheit: Atemweg wird oft im Mundraum gefährdet (Speichel, Blut, Fremdkörper).

Schlüsselmaßnahmen:

  • Mundhöhle freimachen, Sauger nutzen
  • Kopf überstrecken (sofern kein Trauma)
  • Oropharyngeal-/Nasopharyngealtubus bei fehlendem Schutzreflex möglich (wenn geübt) Zahnarztliche Notfalle
  • Beatmung mit Beutel-Maske + Reservoir (O₂) – praktisch trainieren!

6. Sauerstoffgabe & Monitoring

Minimum-Monitoring in jedem Notfall:

  • RR, Puls, SpO₂, ggf. BZ
  • Bewusstseinslage, Atemfrequenz

7. Lagerungen im Notfall

  • Synkope/Kollaps: flach + Beine hoch (venöser Rückstrom ↑)
  • Atemnot/Asthma: Oberkörper hoch, beengende Kleidung öffnen
  • Bewusstlos, normale Atmung: stabile Seitenlage
  • Anaphylaxie: je nach Situation
    • Kreislaufprobleme → Schocklagerung
    • Atemnot → Oberkörper hoch
      (wichtig: Atemweg priorisieren!)

8. Notfallausrüstung: Was muss wirklich in der Praxis vorhanden sein

Atemweg/Atmung

  • O₂-Einheit mobil
  • Beatmungsbeutel + Maske + Reservoir
  • Absaugung
  • Oropharyngealtubus/Nasopharyngealtubus
  • Magill-Zange (Fremdkörper)

Kreislauf

  • RR-Manschette, Stethoskop
  • Venenverweilkanülen + Infusionsbestecke
  • Spritzen/Nadeln, Fixierung
  • Blutzucker-Messgerät
  • AED (stark empfohlen)

9. Notfallmedikamente: Kernset + Indikationen (praxisnah)

indikationsbasierte Logik:

  • Anaphylaxie: Adrenalin + Antihistaminikum + Steroid + Volumen + O₂ (Eskalation)
  • Asthma: Beta-2-Spray/bronchodilatatorisch + O₂ Zahnarztliche Notfalle
  • Bradykardie: Atropin (wenn symptomatisch, Team/112) Zahnarztliche Notfalle
  • Hypotonie/Synkope: Lagerung, O₂, ggf. kreislaufstützend/Volumen
  • Hypertensiver Notfall: vorsichtig, Monitoring, 112, ggf. antihypertensiv (praxisabhängig) Zahnarztliche Notfalle

SPEZIFISCHE NOTFÄLLE (prüfungsreif + praxisnah)

10. Synkope (vasovagal) und Kollaps

Erkennen

  • Blässe, Kaltschweiß, Übelkeit, Schwindel
  • RR-Abfall, ggf. kurzer Bewusstseinsverlust Zahnarztliche Notfalle

Sofortmaßnahmen (Prüfung!)

  • Behandlung stoppen, Mund frei, flach lagern + Beine hoch
  • Kleidung öffnen, Frischluft/O₂
  • Kontrolle RR/Puls
  • Wenn nicht rasch besser → 112/weiteres ABCDE

Fallbeispiel (KP):
Angstpatient nach LA-Injektion wird blass, schwitzt, sackt weg → vasovagal sehr wahrscheinlich. Differenzial: LA-Tox, Hypoglykämie, Anaphylaxie. → BZ + Hautzeichen + Atemweg prüfen.

11. Hypoglykämie / Diabetes-Notfall

Erkennen

  • Zittern, Schwitzen, Unruhe, Aggressivität, Verwirrtheit
  • Später: Krampf/Bewusstlosigkeit

Vorgehen

  • BZ messen (sofort)
  • Wach + schluckfähig: schnelle Kohlenhydrate oral
  • Bewusstseinsstörung: keine orale Gabe → 112, Airway sichern, ggf. i.v.-Therapie (praxisabhängig)

Prüfungssatz:
„Bei unklarer Bewusstseinsstörung messe ich frühzeitig den Blutzucker, weil Hypoglykämie schnell reversibel ist.“

12. Krampfanfall (Epilepsie)

Sofortmaßnahmen

  • Nicht festhalten, Verletzungsschutz
  • Behandlungseinheit sichern, Instrumente weg
  • Zeit messen
  • Nach dem Anfall: stabile Seitenlage, O₂, Monitoring
  • Längerer Anfall / Serienanfälle / erste Anfälle → 112

Häufiger Fehler

  • „Etwas in den Mund stecken“ → vermeiden (Verletzungsgefahr)

13. Hyperventilationssyndrom

Oft stress-/angstgetriggert, kann dramatisch wirken.

Zeichen

  • schnelle Atmung, Kribbeln, Pfötchenstellung, Schwindel
  • SpO₂ meist normal

Management

  • Ruhige Führung, erklären, langsames Atmen anleiten
  • Sitzposition, beruhigende Umgebung
  • DD: Asthma/Anaphylaxie (hier sind oft Bronchospasmus, Urtikaria, Hypotonie mit dabei)

14. Asthma/COPD-Exazerbation

Zeichen

  • Dyspnoe, Giemen, verlängertes Exspirium
  • Sprechen erschwert, Angst

Management

  • Oberkörper hoch, O₂
  • Bronchodilatator (inhalativ)
  • Wenn schwer/keine Besserung → 112, ggf. Eskalation

15. Allergische Reaktion bis Anaphylaxie (Stadien, Therapie, Eskalation)

Frühzeichen (oft übersehen)

  • generalisierte Hautreaktionen, Juckreiz, Flush
  • Angioödem (Lippen/Zunge), Heiserkeit
  • Unruhe, „komisches Gefühl“, schneller Puls

Stadien (prüfungsreif, vereinfacht)

  • mild: Haut/Schleimhaut
  • moderat: Kreislaufdysregulation, leichte Dyspnoe
  • schwer: Schock, Bronchospasmus, Bewusstseinsverlust
  • vital: Atem-/Kreislaufstillstand Zahnarztliche Notfalle

Therapieprinzip (in genau dieser Reihenfolge denken!)

  1. Allergen stoppen + 112
  2. Atemweg sichern, O₂
  3. Adrenalin früh bei systemischer Reaktion (nicht warten)
  4. Volumen (i.v.)
  5. Antihistaminikum + Steroid (wirken später, sind Ergänzung)
  6. Bei Atemstillstand/Kreislaufstillstand: Reanimation Zahnarztliche Notfalle

Prüfungssatz (C1):
„Bei Verdacht auf Anaphylaxie stoppe ich den Auslöser, alarmiere frühzeitig, priorisiere Atemweg und Kreislauf und gebe Adrenalin bei systemischer Reaktion ohne Verzögerung.“

16. Hypertensiver Notfall

Erkennen

  • sehr hoher RR + Symptome (Kopfschmerz, neurologische Ausfälle, Brustschmerz, Dyspnoe)

Management (Praxis)

  • Behandlung stoppen, ruhige Umgebung
  • RR wiederholt messen, Monitoring
  • 112 bei Symptomen/Organzeichen
  • Keine „aggressive“ RR-Senkung in der Zahnarztpraxis ohne Konzept (Gefahr Minderdurchblutung)

17. Akutes Koronarsyndrom / Herzinfarkt

Erkennen

  • Druck/Enge retrosternal, Ausstrahlung, Kaltschweiß, Übelkeit, Dyspnoe
  • Achtung: atypisch bei Diabetikern/Älteren

Management

  • 112, Oberkörper hoch
  • O₂ bei Hypoxie/Dyspnoe
  • Beruhigen, Monitoring, AED bereit
  • Keine „Warten wir mal ab“-Mentalität

18. Schlaganfall

FAST-Schema

  • Face: hängender Mundwinkel
  • Arm: Armdrift
  • Speech: verwaschene Sprache
  • Time: Zeit = Gehirn → sofort 112

Praxis

  • keine Verzögerung durch „Zuerst fertig behandeln“
  • genaue Uhrzeit: „Last seen well“

19. Lokalanästhesie-Komplikationen

A) LA-Toxizität (z. B. i.v. Fehlinjektion/Überdosierung)

Früh: metallischer Geschmack, Unruhe, Übelkeit, Sehstörungen
Spät: Krampf, Bewusstlosigkeit, Kreislaufstillstand

Management:

  • Stop, Hilfe, ABCDE
  • O₂, ggf. Beatmung
  • Krampfmanagement + 112
  • Reanimation/AED wenn nötig

B) Adrenalinreaktion (Vasokonstriktor i.v.)

Tachykardie, Blässe, Zittern, Angst – oft „Panikattacke ähnlich“.
→ beruhigen, lagern, O₂/Monitoring, DD Anaphylaxie (Haut/Atemweg!).

20. Aspiration/Fremdkörper/Atemwegsverlegung

Zahnärztlich kritisch, weil Ursache oft in der Behandlung liegt.

Erkennen: Husten, plötzliches Würgen, Stridor, Zyanose, keine Sprache
Sofort: Instrument entfernen, absaugen, Atemweg freimachen, ggf. Magill-Zange anwenden (bei sichtbarem Fremdkörper).
Bei vollständiger Verlegung → 112 + standardisierte Erste-Hilfe-Manöver (je nach Situation), Übergang zu BLS wenn bewusstlos.

21. Nachblutung / Blutungskomplikation (kurz, praxisorientiert)

  • Druck, Tamponade, Naht/Koagelstabilisierung
  • Vitalzeichen, Kreislauf, ggf. Volumen
  • Bei starker Blutung/Antikoagulation/Schockzeichen → 112

22. Übergabe an Rettungsdienst/Notarzt (SBAR)

SBAR (kurz, perfekt für Prüfung):

  • S Situation: „Anaphylaxie/Sturz/Synkope …“
  • B Background: Vorerkrankungen, Medikation (Antikoagulation!), Allergien
  • A Assessment: Vitalwerte, ABCDE-Befund, BZ, SpO₂
  • R Recommendation: Was du brauchst (Transport/Monitoring/Intubation etc.), was schon gegeben wurde (O₂, Adrenalin, i.v. Zugang)

23. Fallbeispiele (Prüfungsstil)

Fall 1: Angstpatient, wird blass, RR 80/40, kurz bewusstlos → Synkope: Schocklagerung, O₂, RR/Puls, BZ, DD Anaphylaxie/LA-Tox.

Fall 2: Nach AB-Gabe: Urtikaria + Heiserkeit + Dyspnoe → Anaphylaxie: Auslöser stoppen, 112, O₂, Adrenalin früh, Volumen, Antihistaminikum/Steroid.

Fall 3: Diabetiker wirkt plötzlich verwirrt → BZ messen → Hypoglykämie behandeln.

24. KP-Mündliche Prüfung: Musterantworten + Merkkästen

Musterantwort: „Was tun Sie bei Bewusstlosigkeit?“

„Ich stoppe die Behandlung, mache den Mundraum frei, rufe Hilfe und überprüfe Atmung und Kreislauf. Bei fehlender normaler Atmung beginne ich sofort mit Reanimation und setze den AED ein. Parallel alarmiere ich den Rettungsdienst und dokumentiere Zeiten und Maßnahmen.“

Merkkasten: „ABCDE – in einem Satz“

Atemweg sichern, Atmung beurteilen, Kreislauf stabilisieren, Neurologie prüfen, Gesamtsituation erfassen.

Merkkasten: „Anaphylaxie – 4 Schritte“

Stop – O₂ – Adrenalin früh – Volumen/Überwachung.

Mini-Tabelle: Praxis-Notfallprotokolle (ultrakompakt)

NotfallSofort erkennen1. Maßnahme2. Maßnahme112?
SynkopeBlässe, RR↓, kurz bewusstlosflach + Beine hochO₂, Monitoring, BZwenn nicht rasch besser
HypoglykämieSchwitzen, VerwirrtheitBZ messenGlukose (oral/i.v. je nach Zustand)bei Bewusstseinsstörung
Krampfanfalltonisch-klonischVerletzungsschutzSeitenlage nach Anfall + O₂bei >5 min / Serie / erster Anfall
AsthmaGiemen, DyspnoeOberkörper hoch + O₂Bronchodilatatorbei schwer/keine Besserung
AnaphylaxieUrtikaria + Dyspnoe/RR↓112 + O₂Adrenalin früh + Volumenimmer bei systemisch
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