
Notfallmedizin
- Grundprinzip: Sicherheit, Team, Systematik
- Notfallkette in der Praxis (Alarmierung, Rollen, Dokumentation)
- Primary Survey: ABCDE in der Zahnarztpraxis
- Basismaßnahmen bei Bewusstlosigkeit (BLS) und AED
- Atemwegsmanagement: Freimachen, Absaugen, Beatmung
- Sauerstoffgabe & Monitoring (RR, Puls, SpO₂, BZ, EKG)
- Lagerungen im Notfall (Schock-, Seiten-, Oberkörperhochlagerung)
- Notfallausrüstung: Was muss wirklich in der Praxis vorhanden sein
- Notfallmedikamente: Kernset + Indikationen (praxisnah)
- Synkope (vasovagal) und Kollaps – häufigster Praxisnotfall
- Hypoglykämie / Diabetes-Notfall
- Krampfanfall (Epilepsie) & postiktaler Zustand
- Hyperventilationssyndrom (Angst/Stress)
- Asthma/COPD-Exazerbation – akute Dyspnoe
- Allergische Reaktion bis Anaphylaxie (Stadien, Therapie, Eskalation)
- Hypertensiver Notfall
- Akutes Koronarsyndrom / Herzinfarkt – „Brustschmerz-Alarm“
- Schlaganfall – Erkennen und richtig handeln
- Lokalanästhesie-Komplikationen (Toxizität, Adrenalinreaktion, Injektion i.v.)
- Aspiration/Fremdkörper/Atemwegsverlegung in der Behandlung
- Nachblutung / Blutungskomplikation als Notfall (kurz, praxisorientiert)
- Übergabe an Rettungsdienst/Notarzt (SBAR) + typische Fehler
- Fallbeispiele (Prüfungsstil)
- KP-Mündliche Prüfung: Musterantworten
1. Grundprinzip: Sicherheit, Team, Systematik
Notfallmedizin in der Praxis ist nicht „viel Wissen“, sondern schnelle, reproduzierbare Abläufe. Drei Leitideen:
- Sicherheit: Eigenschutz, Patientenschutz, Praxis-Team schützen.
- Systematik: Keine Panikdiagnosen – immer ABCDE (erst Lebensgefahr, dann Details).
- Ressourcen: Du arbeitest nicht wie im Krankenhaus – du stabilisierst und übergibst.
2. Notfallkette in der Praxis
Ablauf in 30 Sekunden (Prüfungs- und Praxisstandard):
- Stop Behandlung, Instrumente aus dem Mund, Absaugen.
- Rufen: „Notfall!“ – eine Person bleibt beim Patienten.
- Alarm: 112 (früh, nicht spät).
- Ausrüstung: O₂, Notfallkoffer, AED, BZ-Gerät.
- ABCDE + Basismaßnahmen.
- Dokumentation: parallel Uhrzeiten, Medikation, Vitalwerte, Verlauf.
Teamrollen (ideal in jeder Praxis trainiert):
- Teamlead: Arzt/Zahnarzt (entscheidet, delegiert)
- Airway/Atmung: Assistenz 1 (Absaugen, Maske, O₂)
- Kreislauf/Monitoring: Assistenz 2 (RR, Puls, SpO₂, BZ, Zugang)
- Runner/Telefon: Assistenz 3 (112, Material, Tür öffnen, Einweisung RD)
3. Primary Survey: ABCDE in der Zahnarztpraxis
ABCDE ist deine Prüfungs-Universalsprache:
A – Airway (Atemweg)
- Spricht der Patient? → Atemweg meist frei.
- Gurgeln, Stridor, keine Sprache → Gefahr!
- Mundhöhle prüfen, Prothesen/Fremdkörper entfernen, absaugen.
B – Breathing (Atmung)
- Atemfrequenz, Thoraxbewegung, SpO₂, Dyspnoezeichen
- Sofort Sauerstoff bei Luftnot, Zyanose, Schock, Bewusstseinsstörung
C – Circulation (Kreislauf)
- Puls, RR, Haut (kalt/feucht?), Rekap-Zeit
- Schockzeichen: Tachykardie, Hypotonie, Kaltschweißigkeit
Schock-Konzept (Missverhältnis zwischen Gefäßfüllung und -kapazität/Gewebeperfusion)
D – Disability (Neurologie)
- Bewusstsein (AVPU: Alert/Voice/Pain/Unresponsive)
- Pupillen, Krampf? FAST? BZ messen!
E – Exposure/Environment
- Allergiezeichen (Urtikaria, Schwellung), Blutung, Trauma
- Wärmeerhalt (Schock)
4. Basismaßnahmen bei Bewusstlosigkeit (BLS) und AED
Wenn nicht ansprechbar:
- Hilfe holen + 112
- Atmung prüfen (max 10 s)
- Keine normale Atmung → CPR + AED
Prüfungssatz (C1):
„Bei Bewusstlosigkeit prüfe ich Atmung maximal 10 Sekunden. Fehlt eine normale Atmung, beginne ich sofort mit Thoraxkompressionen und setze den AED ein.“
AED als Option/Empfehlung ist in der Ausrüstungsliste klar genannt. Zahnarztliche Notfalle
5. Atemwegsmanagement: Freimachen, Absaugen, Beatmung
Zahnärztliche Besonderheit: Atemweg wird oft im Mundraum gefährdet (Speichel, Blut, Fremdkörper).
Schlüsselmaßnahmen:
- Mundhöhle freimachen, Sauger nutzen
- Kopf überstrecken (sofern kein Trauma)
- Oropharyngeal-/Nasopharyngealtubus bei fehlendem Schutzreflex möglich (wenn geübt) Zahnarztliche Notfalle
- Beatmung mit Beutel-Maske + Reservoir (O₂) – praktisch trainieren!
6. Sauerstoffgabe & Monitoring
Minimum-Monitoring in jedem Notfall:
- RR, Puls, SpO₂, ggf. BZ
- Bewusstseinslage, Atemfrequenz
7. Lagerungen im Notfall
- Synkope/Kollaps: flach + Beine hoch (venöser Rückstrom ↑)
- Atemnot/Asthma: Oberkörper hoch, beengende Kleidung öffnen
- Bewusstlos, normale Atmung: stabile Seitenlage
- Anaphylaxie: je nach Situation
- Kreislaufprobleme → Schocklagerung
- Atemnot → Oberkörper hoch
(wichtig: Atemweg priorisieren!)
8. Notfallausrüstung: Was muss wirklich in der Praxis vorhanden sein
Atemweg/Atmung
- O₂-Einheit mobil
- Beatmungsbeutel + Maske + Reservoir
- Absaugung
- Oropharyngealtubus/Nasopharyngealtubus
- Magill-Zange (Fremdkörper)
Kreislauf
- RR-Manschette, Stethoskop
- Venenverweilkanülen + Infusionsbestecke
- Spritzen/Nadeln, Fixierung
- Blutzucker-Messgerät
- AED (stark empfohlen)
9. Notfallmedikamente: Kernset + Indikationen (praxisnah)
indikationsbasierte Logik:
- Anaphylaxie: Adrenalin + Antihistaminikum + Steroid + Volumen + O₂ (Eskalation)
- Asthma: Beta-2-Spray/bronchodilatatorisch + O₂ Zahnarztliche Notfalle
- Bradykardie: Atropin (wenn symptomatisch, Team/112) Zahnarztliche Notfalle
- Hypotonie/Synkope: Lagerung, O₂, ggf. kreislaufstützend/Volumen
- Hypertensiver Notfall: vorsichtig, Monitoring, 112, ggf. antihypertensiv (praxisabhängig) Zahnarztliche Notfalle
SPEZIFISCHE NOTFÄLLE (prüfungsreif + praxisnah)
10. Synkope (vasovagal) und Kollaps
Erkennen
- Blässe, Kaltschweiß, Übelkeit, Schwindel
- RR-Abfall, ggf. kurzer Bewusstseinsverlust Zahnarztliche Notfalle
Sofortmaßnahmen (Prüfung!)
- Behandlung stoppen, Mund frei, flach lagern + Beine hoch
- Kleidung öffnen, Frischluft/O₂
- Kontrolle RR/Puls
- Wenn nicht rasch besser → 112/weiteres ABCDE
Fallbeispiel (KP):
Angstpatient nach LA-Injektion wird blass, schwitzt, sackt weg → vasovagal sehr wahrscheinlich. Differenzial: LA-Tox, Hypoglykämie, Anaphylaxie. → BZ + Hautzeichen + Atemweg prüfen.
11. Hypoglykämie / Diabetes-Notfall
Erkennen
- Zittern, Schwitzen, Unruhe, Aggressivität, Verwirrtheit
- Später: Krampf/Bewusstlosigkeit
Vorgehen
- BZ messen (sofort)
- Wach + schluckfähig: schnelle Kohlenhydrate oral
- Bewusstseinsstörung: keine orale Gabe → 112, Airway sichern, ggf. i.v.-Therapie (praxisabhängig)
Prüfungssatz:
„Bei unklarer Bewusstseinsstörung messe ich frühzeitig den Blutzucker, weil Hypoglykämie schnell reversibel ist.“
12. Krampfanfall (Epilepsie)
Sofortmaßnahmen
- Nicht festhalten, Verletzungsschutz
- Behandlungseinheit sichern, Instrumente weg
- Zeit messen
- Nach dem Anfall: stabile Seitenlage, O₂, Monitoring
- Längerer Anfall / Serienanfälle / erste Anfälle → 112
Häufiger Fehler
- „Etwas in den Mund stecken“ → vermeiden (Verletzungsgefahr)
13. Hyperventilationssyndrom
Oft stress-/angstgetriggert, kann dramatisch wirken.
Zeichen
- schnelle Atmung, Kribbeln, Pfötchenstellung, Schwindel
- SpO₂ meist normal
Management
- Ruhige Führung, erklären, langsames Atmen anleiten
- Sitzposition, beruhigende Umgebung
- DD: Asthma/Anaphylaxie (hier sind oft Bronchospasmus, Urtikaria, Hypotonie mit dabei)
14. Asthma/COPD-Exazerbation
Zeichen
- Dyspnoe, Giemen, verlängertes Exspirium
- Sprechen erschwert, Angst
Management
- Oberkörper hoch, O₂
- Bronchodilatator (inhalativ)
- Wenn schwer/keine Besserung → 112, ggf. Eskalation
15. Allergische Reaktion bis Anaphylaxie (Stadien, Therapie, Eskalation)
Frühzeichen (oft übersehen)
- generalisierte Hautreaktionen, Juckreiz, Flush
- Angioödem (Lippen/Zunge), Heiserkeit
- Unruhe, „komisches Gefühl“, schneller Puls
Stadien (prüfungsreif, vereinfacht)
- mild: Haut/Schleimhaut
- moderat: Kreislaufdysregulation, leichte Dyspnoe
- schwer: Schock, Bronchospasmus, Bewusstseinsverlust
- vital: Atem-/Kreislaufstillstand Zahnarztliche Notfalle
Therapieprinzip (in genau dieser Reihenfolge denken!)
- Allergen stoppen + 112
- Atemweg sichern, O₂
- Adrenalin früh bei systemischer Reaktion (nicht warten)
- Volumen (i.v.)
- Antihistaminikum + Steroid (wirken später, sind Ergänzung)
- Bei Atemstillstand/Kreislaufstillstand: Reanimation Zahnarztliche Notfalle
Prüfungssatz (C1):
„Bei Verdacht auf Anaphylaxie stoppe ich den Auslöser, alarmiere frühzeitig, priorisiere Atemweg und Kreislauf und gebe Adrenalin bei systemischer Reaktion ohne Verzögerung.“
16. Hypertensiver Notfall
Erkennen
- sehr hoher RR + Symptome (Kopfschmerz, neurologische Ausfälle, Brustschmerz, Dyspnoe)
Management (Praxis)
- Behandlung stoppen, ruhige Umgebung
- RR wiederholt messen, Monitoring
- 112 bei Symptomen/Organzeichen
- Keine „aggressive“ RR-Senkung in der Zahnarztpraxis ohne Konzept (Gefahr Minderdurchblutung)
17. Akutes Koronarsyndrom / Herzinfarkt
Erkennen
- Druck/Enge retrosternal, Ausstrahlung, Kaltschweiß, Übelkeit, Dyspnoe
- Achtung: atypisch bei Diabetikern/Älteren
Management
- 112, Oberkörper hoch
- O₂ bei Hypoxie/Dyspnoe
- Beruhigen, Monitoring, AED bereit
- Keine „Warten wir mal ab“-Mentalität
18. Schlaganfall
FAST-Schema
- Face: hängender Mundwinkel
- Arm: Armdrift
- Speech: verwaschene Sprache
- Time: Zeit = Gehirn → sofort 112
Praxis
- keine Verzögerung durch „Zuerst fertig behandeln“
- genaue Uhrzeit: „Last seen well“
19. Lokalanästhesie-Komplikationen
A) LA-Toxizität (z. B. i.v. Fehlinjektion/Überdosierung)
Früh: metallischer Geschmack, Unruhe, Übelkeit, Sehstörungen
Spät: Krampf, Bewusstlosigkeit, Kreislaufstillstand
Management:
- Stop, Hilfe, ABCDE
- O₂, ggf. Beatmung
- Krampfmanagement + 112
- Reanimation/AED wenn nötig
B) Adrenalinreaktion (Vasokonstriktor i.v.)
Tachykardie, Blässe, Zittern, Angst – oft „Panikattacke ähnlich“.
→ beruhigen, lagern, O₂/Monitoring, DD Anaphylaxie (Haut/Atemweg!).
20. Aspiration/Fremdkörper/Atemwegsverlegung
Zahnärztlich kritisch, weil Ursache oft in der Behandlung liegt.
Erkennen: Husten, plötzliches Würgen, Stridor, Zyanose, keine Sprache
Sofort: Instrument entfernen, absaugen, Atemweg freimachen, ggf. Magill-Zange anwenden (bei sichtbarem Fremdkörper).
Bei vollständiger Verlegung → 112 + standardisierte Erste-Hilfe-Manöver (je nach Situation), Übergang zu BLS wenn bewusstlos.
21. Nachblutung / Blutungskomplikation (kurz, praxisorientiert)
- Druck, Tamponade, Naht/Koagelstabilisierung
- Vitalzeichen, Kreislauf, ggf. Volumen
- Bei starker Blutung/Antikoagulation/Schockzeichen → 112
22. Übergabe an Rettungsdienst/Notarzt (SBAR)
SBAR (kurz, perfekt für Prüfung):
- S Situation: „Anaphylaxie/Sturz/Synkope …“
- B Background: Vorerkrankungen, Medikation (Antikoagulation!), Allergien
- A Assessment: Vitalwerte, ABCDE-Befund, BZ, SpO₂
- R Recommendation: Was du brauchst (Transport/Monitoring/Intubation etc.), was schon gegeben wurde (O₂, Adrenalin, i.v. Zugang)
23. Fallbeispiele (Prüfungsstil)
Fall 1: Angstpatient, wird blass, RR 80/40, kurz bewusstlos → Synkope: Schocklagerung, O₂, RR/Puls, BZ, DD Anaphylaxie/LA-Tox.
Fall 2: Nach AB-Gabe: Urtikaria + Heiserkeit + Dyspnoe → Anaphylaxie: Auslöser stoppen, 112, O₂, Adrenalin früh, Volumen, Antihistaminikum/Steroid.
Fall 3: Diabetiker wirkt plötzlich verwirrt → BZ messen → Hypoglykämie behandeln.
24. KP-Mündliche Prüfung: Musterantworten + Merkkästen
Musterantwort: „Was tun Sie bei Bewusstlosigkeit?“
„Ich stoppe die Behandlung, mache den Mundraum frei, rufe Hilfe und überprüfe Atmung und Kreislauf. Bei fehlender normaler Atmung beginne ich sofort mit Reanimation und setze den AED ein. Parallel alarmiere ich den Rettungsdienst und dokumentiere Zeiten und Maßnahmen.“
Merkkasten: „ABCDE – in einem Satz“
Atemweg sichern, Atmung beurteilen, Kreislauf stabilisieren, Neurologie prüfen, Gesamtsituation erfassen.
Merkkasten: „Anaphylaxie – 4 Schritte“
Stop – O₂ – Adrenalin früh – Volumen/Überwachung.
Mini-Tabelle: Praxis-Notfallprotokolle (ultrakompakt)
| Notfall | Sofort erkennen | 1. Maßnahme | 2. Maßnahme | 112? |
|---|---|---|---|---|
| Synkope | Blässe, RR↓, kurz bewusstlos | flach + Beine hoch | O₂, Monitoring, BZ | wenn nicht rasch besser |
| Hypoglykämie | Schwitzen, Verwirrtheit | BZ messen | Glukose (oral/i.v. je nach Zustand) | bei Bewusstseinsstörung |
| Krampfanfall | tonisch-klonisch | Verletzungsschutz | Seitenlage nach Anfall + O₂ | bei >5 min / Serie / erster Anfall |
| Asthma | Giemen, Dyspnoe | Oberkörper hoch + O₂ | Bronchodilatator | bei schwer/keine Besserung |
| Anaphylaxie | Urtikaria + Dyspnoe/RR↓ | 112 + O₂ | Adrenalin früh + Volumen | immer bei systemisch |