Mittelgesichtsfrakturen: LeFort, Orbita, Jochbein

1 Anatomie & Biomechanik des Mittelgesichts

1.1 Knochen des Mittelgesichts (1–7)

Zum Mittelgesicht gehören:

  1. Oberkiefer
  2. Siebbein
  3. Jochbein
  4. Nasenbein
  5. Tränenbein
  6. Keilbein
  7. Vomer

1.2 Komplexes Hohlraumsystem

Das Mittelgesicht ist ein Hohlraumsystem aus:

  • Nasenhaupthöhle
  • Nasennebenhöhlen
  • Augenhöhlen

1.3 Pfeiler (Trajektorien) vs. fragile Lamellen

  • Stabile Pfeiler (Trajektorien): vertikal und horizontal.
  • Fragile Knochenlamellen: frakturgefährdet.

1.4 Frakturmuster: Schwachpunkte & wiederkehrende Linien

  • Mittelgesichtsfrakturen verlaufen typischerweise senkrecht zu den Trajektorien.
  • Frakturen entstehen bevorzugt an Schwachpunkten (locus minoris resistentiae).
  • Dadurch ergeben sich wiederkehrende Muster.

1.5 Drei Pfeiler

  • Nasomaxillärer Pfeiler
  • Zygomatikomaxillärer Pfeiler
  • Pterygomaxillärer Pfeiler

1.6 Biomechanischer Hinweis (Experimente) & Dislokationsmechanik

  • Historisch/biomechanisch: 35 Experimente an Leichen, Dekapitation, Krafteinwirkung über „Holzblöcke“. Ergebnis: Hauptfrakturlinien.
  • Dislokation wird überwiegend durch primäre Gewalt bestimmt.
  • Später kommt es häufig zur Dorsal- und dorsokaudalen Verlagerung durch Zug der Mm. pterygoidei.

2 Einteilung: Regionen & Frakturtypen

2.1 Zentrales Mittelgesicht

  • Nasenskelettfrakturen (naso-orbito-ethmoidal / naso-maxillär)
  • LeFort I
  • LeFort II
  • Alveolarfortsatzfraktur

2.2 Zentrolaterales Mittelgesicht: LeFort III (Verlauf exakt)

LeFort III entspricht der Absprengung des gesamten Gesichtsskelettes vom Gehirnschädel:

  • durch Sutura nasofrontalis und frontomaxillaris
  • durch die mediale Orbitawand (meist Ethmoid)
  • über den Orbitaboden (Maxilla) zur Fissura orbitalis inferior
  • durch die laterale Orbitawand (großer Keilbeinflügel oder Jochbein) zur Sutura frontozygomatica

2.3 Laterales Mittelgesicht

  • Jochbeinfraktur
  • Jochbogenfraktur
  • Orbitawandfraktur

3. Typische Probleme bei Mittelgesichtsfrakturen

Typische funktionelle/strukturelle Folgen:

  • Verlust der vertikalen und transversalen Mittelgesichtsdimension
  • Veränderung des Orbitavolumens
  • Veränderung der Kieferposition

4. Klinik: Anamnese & Untersuchung (strukturiert)

4.1 Anamnese

Erfragen:

  • Aktuelle Beschwerden
  • Unfallhergang
  • Allgemeinanamnese
  • Vor- und Allgemeinerkrankungen
  • Allergien
  • Medikamentenanamnese

4.2 Klinische Untersuchung: Inspektion (extraoral/intraoral)

Inspektion (eo/io), mit Einordnung in sichere/unsichere Zeichen. Dokumentiere gezielt:

  • Dislokation, Schwellung
  • Stufenbildung (Diastase), Hämatom
  • Abnorme Beweglichkeit, Schmerzen
  • Krepitation
  • Functio laesa (Schonhaltung)
  • Offene/sichtbare Fraktur
  • Okklusionsstörung
  • Brillen- oder Monokelhämatom
  • Hyposphagma

Hyposphagma (Definition): ungefährliche, scharf begrenzte Blutung aus konjunktivalen Gefäßen unter die Bindehaut (Konjunktiva).

4.3 Palpation

  • Suche pathologische Knochenstufen.

4.4 Spezifisch: Nasenskelett (mediales Lidbändchen)

  • Bei Nasenskelettfraktur: Aussprengung des medialen Lidbändchens kann mit Telekantus einhergehen → Traktionstest.

5. Augenfunktion & Sehbahnverletzung (Visuskontrolle)

  • 5% aller Mittelgesichtsfrakturen zeigen eine Verletzung der Sehbahn.
  • Daher konsequent: Visuskontrolle mit
    • Visusbestimmung
    • Blitzvisuell evozierte Potentiale (VEP)
    • Lichtreaktion
    • Bulbusbeweglichkeit

Begriffe:

  • Monokelhämatom: einseitig periorbital (Unter- und Oberlid).
  • Brillenhämatom: beidseitig.

6 Spezielle Diagnostik & Bildgebung (rechtfertigende Indikation)

6.1 CT: typische Hinweise

Im CT können u. a. sichtbar werden:

  • Hämatosinus
  • Fett retrobulbär

6.2 Rechtfertigende Indikation (wann Bildgebung „muss“)

Rechtfertigende Indikation u. a. für:

  • Diagnostik Orbitawandfraktur
  • Diagnostik Augenbulbusschädigung / Muskelschädigung (MRT)
  • Diagnostik Retrobulbärhämatom
  • Diagnostik intrakranielle Verletzung
  • Diagnostik Ausdehnung ins obere Gesichtsdrittel
  • Diagnostik Schädelbasisfraktur

6.3 Radiologische Untersuchung (klassisch)

  • OPG: Crista zygomaticoalveolaris gut beurteilbar.
  • NNH okzipitomental: Jochbeinfraktur gut sichtbar.
  • Henkeltopfaufnahme: Spezialaufnahme bei Verdacht auf Jochbogenfraktur; Strahlengang von kaudal, Jochbögen erscheinen wie Topfhenkel.

7. Konservative Therapie: Indikationen

Konservativ, wenn kapitelgetreu indiziert:

  • Einfache Nasenpyramidenfraktur ohne Lidbändchenbeteiligung und ohne Orbitawandbeteiligung.
  • Regelversorgung: Mittelgesichtsfrakturen ohne Dislokation.
  • Zahnlosigkeit: Ausnahme (Therapieentscheidung wird dadurch besonders beeinflusst).

8. Zugangswege (RST-Linien) & OP-Prinzipien

8.1 RST-Linien

Planung der Schnitte entlang der Relaxed Skin Tension Lines (RST-Linien).

8.2 Zugangswege (vollständig)

  • Glabellaschnitt
  • Kilianschnitt
  • Transkonjunktival
  • Präaurikulär
  • Intraoral
  • Bicoronar / Bügelschnitt (im Skript als bicoronarer Zugang genannt)
  • Augenbrauenschnitt
  • Blepharoplastikzugang
  • Subciliar
  • Median palpebral (bevorzugter Zugang in Bonn) – Orbitabodenfraktur
  • Infraorbital
  • Stichinzisionen

9. Osteosynthese: Grundlagen, Vor-/Nachteile, Komplikationen

9.1 Winkelstabile Platten, Schraubenachse, Zugschrauben

  • Winkelstabil: nur ca. 10° Abweichung der Schraubenachse möglich.
  • Interfragmentäre Fixation durch Zugschrauben: für einfache, gut adaptierbare Frakturen; bei Medianfraktur: 2 Schrauben horizontal (in Bonn sehr selten).

9.2 Vorteile der Osteosynthese

  • Perfekte Adaptation der Fragmente → primäre Knochenheilung
  • Keine Immobilisation → funktionelle Übung
  • Geringere Beeinträchtigung → weiche Kost 4–6 Wochen möglich

9.3 Nachteile der Osteosynthese

  • Meist Intubationsnarkose erforderlich
  • Zweiteingriff zur Metallentfernung nach 6–9 Monaten
  • Risiko der therapieinduzierten Knocheninfektion

9.4 Warum Platten nach ~6 Monaten entfernen?

  • Wenn Schrauben wurzelnah liegen: spätere dentale Infekte (z. B. Karies/Parodontitis apicalis) können Platten infizieren.
  • Nach ca. 3 Jahren sind Platten tief eingewachsen.

9.5 Komplikationen der Miniplattenosteosynthese

  • Nervenschäden
  • Zahnwurzelverletzungen
  • Zahnkeimverletzungen
  • Osteomyelitis

10. Liquorrhoe: Nachweis & präklinischer Hinweis

  • Labornachweis: Beta-2-Transferrin oder Beta-Trace-Protein (BTRP) (sehr hohe Genauigkeit).
  • Präklinisch: Glukoseteststreifen (z. B. Harnzuckerselbstkontrolle) in Sekret → Glukosenachweis spricht mit hoher Wahrscheinlichkeit für Liquor cerebrospinalis.

11. Frakturspezifisch: Nasenskelettfrakturen

11.1 Klinik

  • Nasenatmungsbehinderung
  • Deviation
  • Mobilität
  • Epistaxis
  • Nasenseptumhämatom: Gefahr Drucknekrose des Knorpels → Deformation; daher rechtzeitig entlasten
  • Monokel-/Brillenhämatom
  • Wunden

11.2 Timing & Retention

  • Reposition nach Abschwellung.
  • Bei Instabilität: innere Stützung mit Tamponade 14 Tage.

11.3 Äußere Stützung/Schienung

  • Gipsverbände, thermoplastische oder metallverstärkte selbstklebende Verbände.
  • Fixierung mit Klebebändern oder elastischen Verbänden am Kopf.
  • Nach Abschwellung, häufig am 3. postoperativen Tag, Verbände erneuern bzw. unterfüttern.

11.4 Therapie

  • Geschlossene Reposition (ca. 99%)
  • Retention: Schichttamponade
  • Fixation: Nasengips

12. Frakturspezifisch: LeFort I

12.1 Definition

Absprengung des zahntragenden Teils der Maxilla und des harten Gaumens vom kranialeren Skelett.

12.2 Klinik

  • Epistaxis
  • Hämatome
  • Mobilität OK
  • Palpable Knochenstufen
  • Okklusionsstörung: frontoffener Biss, Dislokation des OK nach dorsokaudal
  • Möglicher Sensibilitätsverlust der Frontzähne

12.12.3 Therapie (ORIF)

  • Reposition mit Rowe-Zangen
  • Okklusionssicherung mittels MMF
  • Fixation mittels Miniosteosyntheseplatten auf den Pfeilern: naso- und zygomatikomaxillär

13. LeFort I + Sagittalfraktur (selten)

13.1 Therapie (ORIF, Reihenfolge)

  1. Manuelle Reposition / MMF
  2. Zuerst Osteosynthese der Sagittalfraktur vestibulär (nicht am Gaumen!)

14. Frakturspezifisch: LeFort II

14.1 Definition

Absprengung der Maxilla, der Nasenbeine und des Nasenseptums vom kranialeren Schädelskelett und lateralen Mittelgesicht.

14.2 Klinik

  • Epistaxis
  • Brillenhämatom
  • Mobilität OK
  • Palpable Knochenstufen:
    • Nasengerüst / Nasenwurzel
    • Margo inferior orbitae
    • Crista zygomaticoalveolaris
  • Okklusionsstörung: frontoffener Biss
  • Dish face (Tellergesicht) durch Verlagerung des Mittelgesichts
  • Hypästhesie N. infraorbitalis

14.3 Therapie (ORIF)

  • Reposition mit Rowe-Zangen
  • Okklusionssicherung mittels MMF
  • Fixation mit Miniplatten auf den Pfeilern
  • Hinweis: Fixation im Nasenwurzelbereich nicht notwendig, da dafür ein Bügelschnitt erforderlich wäre.

15. Frakturspezifisch: LeFort III

15.1 Definition/Verlauf

Siehe 12.2.2 (Verlauf entlang nasofrontal/frontomaxillär, Orbitawände/-boden bis frontozygomatisch).

15.2 Klinik

  • Epistaxis
  • Hämatome
  • Mobilität Mittelgesicht
  • Palpable/pathologische Knochenstufen
  • Okklusionsstörung: offener Biss
  • Dish face
  • Diplopie

15.3 Therapie (ORIF)

  • Darstellung der Fraktur:
    • lateraler Augenbrauenzugang
    • nasofrontaler Übergang und laterale Orbitapfeiler über bicoronaren Zugang (Bügelschnitt)
  • Reposition mit Rowe-Zange (CAVE: N. opticus kann abreißen)
  • Okklusionssicherung mittels MMF
  • Fixation mit Miniplatten
  • Orbitabodenrevision

16. Frakturspezifisch: Orbitawandfrakturen

16.1 Häufigkeit/Verteilung

  • Orbitaboden häufig, ggf. kombiniert mit medialer Orbitawand
  • Laterale Orbitawand selten
  • Orbitadach (als Region genannt)

16.2 Klinikzeichen

  • Monokelhämatom
  • Hyposphagma
  • Epistaxis
  • Diplopie
  • Bulbusmotilitätsstörung
  • Sensibilitätsstörung NV2
  • Sensibilitätsstörung Seitenzähne

16.3 CT-Hinweis & Gefahren

  • CT: „hängender Tropfen“ bei Herniation von Orbitagewebe in die Kieferhöhle.
  • Knochenwand kann gebrochen sein und den N. opticus komprimieren.
  • Begleitbefunde: Luftemphysem, Hämatosinus, retrobulbäres Hämatom.

17. Retrobulbäres Hämatom (RBH): Red Flag

17.1 Definition & Zeitkritik

RBH ist selten, aber potenziell visusbedrohend (nach Trauma oder auch nach chirurgischem Eingriff). Entscheidend ist die rasche Diagnose:

  • Nur eine chirurgische Intervention innerhalb von 20 Minuten kann irreversible Visusminderung adäquat verhindern.
  • Nach 1 Stunde bleibt das Auge „für immer blind“ (kapitelgetreue Formulierung/Zeitaussage).

17.2 Pathomechanismus

  • Durch die knöcherne Orbitabegrenzung besteht kaum Ausweichraum.
  • Zunehmendes intraorbitales Volumen → Druckanstieg → Kompression des N. opticus.
  • Kompressionsreihenfolge: Venae ophthalmicae → Arteria ophthalmica → N. opticus.

17.3 Mögliche Symptome (kapitelgetreu)

  • Motilitätsstörungen bis Ophthalmoplegie
  • Diplopie
  • Bindehautchemose
  • Subkonjunktivale Blutungen
  • Exophthalmus
  • Erhöhter intraokulärer Druck
  • Verschlechterung der Sehschärfe
  • Reduzierte direkte Lichtreaktion
  • Relatives afferentes Pupillendefizit
  • Zusätzlich (als Warnzeichen): plötzlicher Visusverlust, Vernichtungsschmerz, Exophthalmus, palpatorisch harter Bulbus

17.4 Therapie (Sofortmaßnahme)

  • Bei traumatischer/iatrogener Ursache: laterale Kanthotomie + Kantholyse als Mittel der Wahl.
  • Durchführung häufig erfolgreich zur Druckentlastung.
  • Kann in der Notaufnahme durch den Augenarzt erfolgen.
  • Ggf. sogar ohne vorherige Bildgebung indiziert.
  • Empfehlung: Durchführung bereits bei hochgradigem klinischem Verdacht.
  • Wenn unzureichend: chirurgische Orbitadekompression.
  • Begleitend immer Steroide (Verweis im Skript: „Cortison S.9“).

18. Orbitabodenfraktur („Blow-out“) & Rekonstruktion

18.1 Definition

Isolierte, dislozierte Fraktur des Orbitabodens, ohne Dislokation am Jochbein- oder Maxillakörper. Äußerer Orbitaring intakt.

18.2 Entstehung (Mechanismus)

  • Gezielte punktuelle Gewalt auf den Bulbus von frontal, Vektor okzipital.
  • Kompression des Orbitainhaltes (Faustschlag oder Ball).
  • Bruch an der schwächsten Stelle: dünne Lamelle am Orbitaboden.
  • Einbruch in die Kieferhöhle. Bulbus sinkt mit ein. Gefahr der Einklemmung von Augenweichteilen.
    Zusätzlich genannt: Überlastung der Elastizität des Orbitabodens; Rückstellung des verschobenen Jochbeins/Infraorbitalrandes; auch Impression des Orbitainhalts bei stumpfem Trauma möglich.

18.3 Klinik/Zeichen

  • Hautemphysem (Knistern Unterlid) / Luftemphysem aus Kieferhöhle → Schwellung; Luft wird resorbiert
  • Enophthalmus (Augapfel in den Gesichtsschädel zurückgewichen)
  • Eingeschränkte/aufgehobene Blickwendung nach kaudal bei Inkarzeration M. rectus inferior
  • Monokelhämatom
  • Augenverletzungen: Einblutungen, Zerreißungen, Retinaablösung (Amotio retinae)
  • Doppelbilder beim Blick nach oben
  • Sensibilitätsausfälle/-störung im Innervationsgebiet N. infraorbitalis

18.4 Therapie: Timing & Schneuzverbot

  • OP erst, wenn Schwellung abgeklungen ist: nach 5–10 Tagen.
  • Bei Luftemphysem: abwarten, da Luft resorbiert wird.
  • Schneuzverbot zur Emphysemvermeidung (auch nach OP).

18.5 Rekonstruktionsmaterialien (Indikationen kapitelgetreu)

  • Autolog Tabula externa / Lamina externa: kompakte Knochenschicht außen an der Schädelkalotte; durch Diploë von Tabula interna getrennt.
  • PDS-Folie (Poly-p-dioxanon) 0,15 mm: für kleine Frakturen; trennt Frakturspalt vom Weichgewebe → sichere Frakturheilung.
  • Titan-Mesh (konfektioniert/individuell): Herstellungszeit ~14 Tage; sehr teuer, aber Kasse bezahlt; 0,3 mm dick; ab 1 cm Defekt oder wenn 2 Wände gebrochen sind; nach Heilung nicht entfernen (zusätzliche Traumatisierung). …

19 Jochbeinfraktur („Tripoidfraktur“) – Klinik (1–16) & Therapie

19.1 Definition & Grundsatz

  • „Tripoidfraktur“: 3 Suturen zygomaticofrontalis, -maxillaris, -temporalis.
  • Dislozierte Jochbeine zeigen Frakturlinien zu Stirnbein, Maxilla, Schläfenbein und Keilbein (meist an Nähten).
  • Eine dislozierte Jochbeinfraktur ist naturgemäß immer mit Orbitawanddislokation kombiniert.

19.2 Klinik: vollständig (Punkte 1–16)

  1. Dislokation, Beweglichkeit, Krepitation; ggf. offene Fraktur (meist geschlossen).
  2. Stufenbildung bei Palpation: 4 Stufen
    • Sutura zygomaticofrontalis
    • Infraorbitalrand
    • Crista zygomaticoalveolaris
    • Sutura zygomaticotemporalis
  3. Schwellung + Cortison-Schema nach Trauma: Solu-Decortin (Prednisolon) i.v. 250 mg → 125 mg → 75 mg → 50 mg, jeweils 12 Stunden Abstand.
  4. Monokelhämatom.
  5. Hyposphagma (subkonjunktivale Blutung).
  6. Abflachung der Jochbeinprominenz / Jochbeinimpression (Beurteilung oft durch Weichteilschwellung erschwert).
  7. Diplopie (Doppelbilder), Ursachen:
    • Inkarzeration eines äußeren Augenmuskels
    • Muskelverletzung durch Knochenfragmente
    • Bulbusverlagerung
    • Intraorbitales Hämatom
    • Besonderheit Kinder: Fragment „federt“ häufig zurück, Muskel bleibt eingeklemmt → nur 12 Stunden, sonst Nekrose.
  8. Bulbusverlagerung: Ex-/Enophthalmus (abnorme Tieflage des Augapfels in der Augenhöhle).
  9. Bulbusmotilitätsstörung: Patient kann nicht nach oben schauen.
  10. Verlagerung des lateralen Lidbändchens: Ansatz wird mitdisloziert; Lidspalte lateral abfallend.
  11. Pseudoptosis: Störung der Lidhaltung durch relativ zu große Augenlider; kann auch durch Hypotropie bedingt sein.
  12. Mydriasis (Weitstellung der Pupille), selten.
  13. Sensibilitätsstörungen (einseitig): N. infraorbitalis (Schädigung im Canalis infraorbitalis in der Maxilla; Kompression v. a. bei Medialverlagerung). Areale: Wange, Oberlippe, Nasenflügel, Gingiva des anterioren Vestibulums. Subjektive, nicht objektivierbare Okklusionsstörungen durch Sensibilitätsausfall an Seitenzähnen. Zusätzlich möglich: Läsion Rr. zygomaticofacialis/-temporalis.
  14. Epistaxis („keine echte“): nach Einbluten in Kieferhöhle blutiger Ausfluss aus Ostium naturale in die Nase (mittlerer Nasengang). Abschwellende Nasentropfen: Otriven.
  15. Kieferklemme:
    • direktes Trauma des am Jochbein ansetzenden M. masseter, oder häufiger
    • Bewegungseinschränkung des Processus coronoideus mandibulae durch Medialverlagerung des Processus temporalis ossis zygomatici
    • Verlagerung Processus zygomaticus des Os temporale hemmt Ramusbewegung
    • Einklemmung M. temporalis
    • Einbeziehung/Dislokation von Fossa mandibularis und Tuberculum articulare möglich
  16. Motorische Ausfälle: direkte N.-facialis-Schädigung oder häufiger Hämatome der mimischen Muskulatur am Jochbein (z. B. M. zygomaticus major/minor) → hängende Oberlippe; fast immer vorübergehend.

19.3 Therapie

1) Geschlossene Reposition

  • Einzinkerhaken (Strohmeyerhaken)
  • Nur bei „einfachen Frakturen“
  • Nicht möglich bei Stückfraktur
  • Innerhalb 2–3 Tagen nach Trauma (später: Resorption im Frakturspalt → Halt nicht mehr möglich)

2) ORIF

  • Fraktur darstellen:
    • Orbitaunterrand: subciliar, subtarsal (Mid-eyelid-Incision = median palpebral, Bonn), infraorbital (nicht mehr), transkonjunktival
    • Lateraler Orbitarand: lateraler Augenbrauenzugang (Bonn), oberer Blepharoplastikzugang
    • ggf. intraoral + Bügelschnitt
  • Reposition unter Sicht
  • Fixation mit Miniplatten (meist 2–3)
  • Orbitabodenrevision

20. Jochbogenfrakturen

Betreffen:

  • Processus zygomaticus ossis temporalis
  • Processus temporalis ossis zygomatici

21. OP-Timing, Medikamente & Nachsorge (kapitelgetreu)

21.1 OP-Timing bei Mittelgesichtsfrakturen

  • Mittelgesichtsfrakturen werden nach einem Intervall zur Abschwellung operiert: ca. 5–10 Tage.
  • Luftemphysem: Luft wird resorbiert; OP erst nach Rückgang.

21.2 Medikamente (akut/standardisiert)

  • Antibiotika i.v. bei großer Wunde, Hämatosinus oder Emphysem (bei Mittelgesichtsfrakturen).
  • Cortison-Schema: Solu-Decortin (Prednisolon) i.v. 250 → 125 → 75 → 50 mg, 12 Stunden Abstand (Abschwellung).
  • Ibuprofen 600 mg 1-1-1 (Schmerzmittel).
  • Pantoprazol 20 mg 1-0-1 (Magenschutz).
  • Otriven (abschwellende Nasentropfen) + Schneuzverbot bei Mittelgesichtsfrakturen.

21.3 Postoperative Nachsorge

Nach der OP:

  • 4–6 Wochen weiche Kost
  • Ibuprofen + Pantoprazol + Otriven weiterführen
  • Schneuzverbot (Luftemphysem der Orbita verhindern)
  • Nahtentfernung nach 10 Tagen
  • Plattenentfernung nach 6 Monaten

Merkkästen

KP-Merkkasten (Prüfungswissen komprimiert)

  • Mittelgesichtsknochen (1–7): Oberkiefer, Siebbein, Jochbein, Nasenbein, Tränenbein, Keilbein, Vomer.
  • Drei Pfeiler: nasomaxillär, zygomatikomaxillär, pterygomaxillär.
  • LeFort I: frontoffener Biss durch dorsokaudale OK-Dislokation; ORIF mit Rowe-Zange, MMF, Platten auf Pfeilern.
  • LeFort II: Dish face, Hypästhesie N. infraorbitalis; Nasenwurzelbereich oft nicht osteosynthetisch nötig (Bügelschnitt).
  • LeFort III: Absprengung gesamtes Gesicht vom Gehirnschädel; OP über lateralen Augenbrauenzugang + bicoronar; CAVE N. opticus.
  • Orbitawand: CT „hängender Tropfen“; N.-opticus-Kompression möglich.
  • RBH: 20-Minuten-Notfall, nach 1 h irreversible Blindheit; Kanthotomie + Kantholyse.

Klinik-Merkkasten (Akutmanagement/Red Flags)

  • Visuskontrolle immer, da 5% Sehbahnverletzung (Visus, VEP, Lichtreaktion, Bulbusbeweglichkeit).
  • RBH-Verdacht = sofort handeln: plötzlicher Visusverlust/Vernichtungsschmerz/Exophthalmus/harter Bulbus → Kanthotomie + Kantholyse auch ohne Bildgebung möglich.
  • Schneuzverbot bei Mittelgesichts-/Orbitaverletzungen (Emphysemrisiko).
  • Orbitaboden-OP typischerweise nach 5–10 Tagen (Abschwellung/Emphysemrückgang).
  • Kinder bei muskulärer Inkarzeration: Zeitfenster 12 Stunden (Nekroserisiko).

6) Tabellen

Tabelle A: LeFort I/II/III/Nasenskelett – typische Klinikzeichen

KlinikzeichenLeFort ILeFort IINasenskelettLeFort III
Brillenhämatom+++
Hyposphagma(im Skript nicht als + geführt)(im Skript nicht als + geführt)(im Skript nicht als + geführt)
Okklusionsstörung+++
Pathologische Knochenstufe+ (palpabel)+ (u. a. Nasenwurzel, Margo inf. orbitae, Crista zygomaticoalveolaris)möglich+
Mediales Lidbändchen ausgesprengt + Telekantus → Traktionstest(kontextbezogen bei Nasenskelett)(kontextbezogen)typisch/prüfrelevant(kontextbezogen)

Hinweis: Die Plus/Minus-Zuordnung folgt der kapitelinternen Übersicht; Telekantus/Traktionstest ist als spezifischer Hinweis bei Nasenskelettfraktur genannt.

Tabelle B: Diagnostik & Bildgebung – Verfahren und wofür

VerfahrenWofür laut Kapitel 12
CTHämatosinus, Fett retrobulbär; Diagnostik Orbitawandfraktur; Retrobulbärhämatom; intrakranielle Verletzung; Ausdehnung ins obere Gesichtsdrittel; Schädelbasisfraktur
MRTAbklärung Augenbulbusschädigung/Muskelschädigung
OPGCrista zygomaticoalveolaris gut beurteilbar
NNH okzipitomentalJochbeinfraktur gut sichtbar
HenkeltopfaufnahmeVerdacht auf Jochbogenfraktur; Strahlengang von kaudal, Jochbögen wie Topfhenkel

FAQ

1) Welche Knochen zählen im Skript zum Mittelgesicht?
Oberkiefer, Siebbein, Jochbein, Nasenbein, Tränenbein, Keilbein, Vomer.

2) Warum sind Mittelgesichtsfrakturen klinisch „komplex“?
Wegen Hohlraumsystem (Nasenhöhle/NNH/Orbita) und der Pfeilerstruktur; typische Muster verlaufen senkrecht zu Trajektorien.

3) Was bedeutet Hyposphagma?
Scharf begrenzte, ungefährliche Blutung unter die Bindehaut (Konjunktiva).

4) Welche Bildgebung ist bei Jochbogenverdacht typisch?
Henkeltopfaufnahme (kaudaler Strahlengang, Jochbögen wie Topfhenkel).

5) Wann wird eine Mittelgesichtsfraktur operiert (Timing)?
Nach Abschwellung, typischerweise nach ca. 5–10 Tagen; Luftemphysem erst abklingen lassen.

6) Was ist die wichtigste Red-Flag bei Orbitaverletzung?
Retrobulbäres Hämatom: 20-Minuten-Notfall, sonst irreversible Visusschädigung; Kanthotomie + Kantholyse.

7) Welche Rekonstruktionsmaterialien nennt das Skript für den Orbitaboden?
Autolog Tabula/Lamina externa, PDS-Folie 0,15 mm (kleine Defekte), Titan-Mesh 0,3 mm (ab 1 cm oder 2 Wände).

8) Welche Nachsorge ist nach Jochbogen-/Mittelgesichts-OP im Skript festgelegt?
4–6 Wochen weiche Kost, Schneuzverbot, Nahtentfernung nach 10 Tagen, Plattenentfernung nach 6 Monaten; Medikation weiter.

Zusammenfassung

  • Mittelgesichtsfrakturen folgen wiederkehrenden Linien an Schwachpunkten; entscheidend sind die drei Pfeiler.
  • Zentrale Frakturen umfassen Nasenskelett, LeFort I/II; LeFort III trennt das Gesichtsskelett vom Gehirnschädel.
  • Klinik: Okklusion, Knochenstufen, Hämatome (Monokel/Brille), Hyposphagma und Telekantus/Traktionstest gezielt prüfen.
  • Augenfunktion ist prüfungsrelevant: 5% Sehbahnverletzung → strukturierte Visuskontrolle (Visus, VEP, Lichtreaktion, Bulbusbeweglichkeit).
  • Orbitawand: CT „hängender Tropfen“, Gefahr N.-opticus-Kompression; RBH ist der 20-Minuten-Notfall.
  • Blow-out: OP typischerweise nach 5–10 Tagen; Rekonstruktion mit Tabula externa, PDS 0,15 mm oder Titan-Mesh 0,3 mm nach Indikation.
  • Nach OP: 4–6 Wochen weiche Kost, Schneuzverbot, Nahtentfernung nach 10 Tagen, Plattenentfernung nach 6 Monaten; Medikation kapitelgetreu.
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