Kapitel 3: Strukturierte Anamnese in der FSP
3.1 Ziel der Anamnese im Prüfungssetting
In der Fachsprachprüfung sollen Sie zeigen, dass Sie ein zahnmedizinisches Gespräch nicht nur fachlich richtig, sondern auch sprachlich strukturiert führen können. Sie müssen:
- das Anliegen des Patienten klären
- eine gezielte spezielle Anamnese erheben
- eine relevante allgemeine Anamnese erfassen
- aktiv nachfragen, zusammenfassen und Rückversicherung einholen
Die Prüfer achten besonders darauf, ob Sie:
- logisch vorgehen (roter Faden)
- verständlich sprechen (für medizinische Laien)
- fachlich sinnvolle Prioritäten setzen (z.B. Notfall zuerst, dann Details)
3.2 Grundstruktur eines FSP-Anamnesegesprächs
In der Prüfung hat sich ein klarer Ablauf bewährt:
- Begrüßung und Vorstellung
- Klärung des Anliegens („Was führt Sie zu mir?“)
- Spezielle Anamnese passend zum Hauptproblem
- Relevante allgemeine Anamnese
- Familien‑ und Sozialanamnese (kurz und zielgerichtet)
- Zusammenfassung und Überleitung zur Untersuchung
Beispiel-Formulierungen (aktiv verwendbar):
- „Guten Tag, mein Name ist …, ich bin der zuständige Zahnarzt heute. Wie kann ich Ihnen helfen?“
- „Damit ich mir ein vollständiges Bild machen kann, stelle ich Ihnen jetzt noch ein paar Fragen zu Ihrer allgemeinen Gesundheit.“
- „Ich fasse kurz zusammen, was Sie gesagt haben, und Sie sagen mir bitte, ob das so stimmt.“
3.3 Begrüßung und Aufbau von Vertrauen
Bereits in den ersten Sekunden entscheidet sich, wie offen der Patient antwortet. In der FSP wirkt sich das direkt auf Ihre Bewertung aus.
Geeignete Einstiegssätze:
- „Guten Tag, Frau/Herr …, nehmen Sie bitte Platz.“
- „Wie soll ich Sie ansprechen? Frau/Herr …? Ist das in Ordnung für Sie?“
- „Wenn Sie etwas nicht verstehen, sagen Sie bitte sofort Bescheid, dann erkläre ich es anders.“
Damit zeigen Sie Empathie, Kommunikationskompetenz und Patientenorientierung.
3.4 Das Anliegen klären: offene Einstiegsfrage
Eine typische Prüfererwartung ist, dass Sie am Anfang eine offene Frage stellen und den Patienten nicht sofort unterbrechen.
Standardfrage:
- „Was führt Sie heute zu mir?“
- „Was kann ich für Sie tun?“
Typische Patientenantwort (Beispiel):
„Ich habe seit zwei Tagen starke Schmerzen unten rechts, ich konnte heute Nacht kaum schlafen.“
Geeignete Reaktion:
- „Unten rechts, seit zwei Tagen – gut, das schaue ich mir gleich genauer an. Damit ich den Schmerz besser einschätzen kann, stelle ich Ihnen ein paar gezielte Fragen dazu.“
Damit leiten Sie elegant von der offenen zur speziellen Anamnese über.
3.5 Spezielle Schmerzanamnese – Musterdialog (Prüfungsniveau)
Situation: Akuter Schmerzpatient, endodontischer Verdacht.
Arzt-Patient-Dialog (gekürzt):
Arzt: „Sie haben gesagt, der Schmerz ist unten rechts. Können Sie mit dem Finger ungefähr zeigen, wo genau es weh tut?“
Patient: „Ja, hier, irgendwo in der Ecke.“
Arzt: „Ist der Schmerz auf einen bestimmten Zahn begrenzt oder tut die ganze Seite weh?“
Patient: „Ich habe das Gefühl, dass die ganze Seite wehtut.“
Arzt: „Seit wann haben Sie diese Schmerzen genau?“
Patient: „Vorgestern hat es angefangen, seit gestern wird es immer schlimmer.“
Arzt: „Wie würden Sie den Schmerz beschreiben – eher stechend, pochend, dumpf?“
Patient: „Eher pochend, besonders wenn ich liege.“
Arzt: „Ist der Schmerz die ganze Zeit da oder kommt er in Wellen?“
Patient: „Er kommt in Wellen, aber nachts ist er fast dauerhaft da.“
Arzt: „Wird der Schmerz durch etwas ausgelöst, zum Beispiel durch Kälte, Wärme oder beim Kauen?“
Patient: „Beim Kauen tut es sehr weh, und wenn ich etwas Warmes trinke, wird es schlimmer.“
Arzt: „Gibt es etwas, das den Schmerz lindert? Zum Beispiel kaltes Wasser oder Schmerzmittel?“
Patient: „Kaltes Wasser hilft kurz. Ich habe Ibuprofen genommen, das hilft aber nicht mehr richtig.“
Arzt: „Auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 0 keine Schmerzen bedeutet und 10 der stärkste vorstellbare Schmerz – wo würden Sie sich im Moment einordnen?“
Patient: „So bei 8.“
Damit haben Sie in kurzer Zeit alle wesentlichen Schmerzparameter erhoben (Lokalisation, Dauer, Qualität, Intensität, Trigger, Linderungsfaktoren, Tagesrhythmus).
3.6 Relevante allgemeine Anamnese – komprimierte FSP-Variante
Im Prüfungsfall haben Sie nur begrenzt Zeit. Entscheidend ist, dass Sie die für die Behandlung relevanten Risiken abdecken, z.B.:
- Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen
- Gerinnungsstörungen / Blutverdünner
- Diabetes
- Infektionskrankheiten
- Allergien
- Medikamente allgemein
- Schwangerschaft (bei Frauen im gebärfähigen Alter)
Musterblock (mündlich, flüssig):
- „Haben Sie Erkrankungen des Herzens oder des Kreislaufs, zum Beispiel Bluthochdruck, Herzschwäche, Herzinfarkt?“
- „Nehmen Sie Medikamente, die die Blutgerinnung beeinflussen, also Blutverdünner oder Mittel gegen Thrombose?“
- „Leiden Sie an Diabetes oder an einer anderen Stoffwechselerkrankung?“
- „Gibt es bei Ihnen bekannte Erkrankungen der Leber oder der Nieren?“
- „Haben Sie Allergien gegen Medikamente, Betäubungsmittel, Latex oder andere Stoffe?“
- „Besteht bei Ihnen eine ansteckende Erkrankung, zum Beispiel Hepatitis oder HIV?“
- „Nehmen Sie momentan noch andere regelmäßige Medikamente ein?“
Follow-up:
Wenn der Patient „ja“ sagt, immer nachfragen:
- „Seit wann?“,
- „Wer behandelt Sie?“,
- „Wie heißt das Medikament und in welcher Dosis?“
3.7 Kurze Familien- und Sozialanamnese
In der FSP reicht oft ein kurzer, aber strukturierter Block:
- „Gibt es in Ihrer Familie bekannte Erkrankungen, die für uns wichtig sein könnten, zum Beispiel Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen, Diabetes oder Krankheiten des Zahnhalteapparates?“
- „Mit wem leben Sie zusammen? Haben Sie Unterstützung im Alltag, falls wir eine größere Behandlung planen?“
Damit zeigen Sie, dass Sie über den zahnmedizinischen Tellerrand hinausschauen.
3.8 Zusammenfassung und Übergang zur Untersuchung
Bevor Sie mit dem Befund beginnen, sollten Sie kurz wiederholen, was Sie verstanden haben. Das wirkt professionell und wird von Prüfern ausdrücklich positiv bewertet.
Beispiel:
- „Ich fasse kurz zusammen: Sie haben seit zwei Tagen starke, pochende Schmerzen im rechten Unterkiefer, die besonders nachts und bei Wärme schlimmer werden. Kaltes Wasser hilft kurzzeitig. Sie nehmen regelmäßig ein Medikament zur Blutverdünnung und haben einen gut eingestellten Bluthochdruck. Haben Sie Ergänzungen oder habe ich etwas Wichtiges vergessen?“
- „Wenn für Sie alles passt, würde ich jetzt mit der Untersuchung beginnen und mir die Zähne und das Zahnfleisch genau ansehen.“