Lokalanästhesie – Diagnostische Fälle & Prüfungsfragen
Prüfungsnahes Training im Card-Layout: Szenario → Fragen → Hinweis → Lösung (ohne JS, mit Accordion).
A) Basis/Technik
Technikwahl im Unterkiefer + Entzündungsmilieu + Wirkmechanismus (ionisiert/nicht-ionisiert).
42-jähriger Patient, starke Schmerzen an Zahn 36. Perkussion stark positiv, vestibuläre Schwellung, Verdacht: akuter apikaler Abszess. Inzision geplant.
Fragen
Beantworte zuerst – dann Hinweis/Lösung öffnen
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KP-Satz: Bei Zahn 36 wähle ich eine Leitungsanästhesie des N. alveolaris inferior nach Halsted, da im Unterkiefer aufgrund der dichten Kortikalis eine reine Infiltration oft nicht ausreichend ist. Zusätzlich ergänze ich eine bukkale Infiltration.
- Unterkiefer: dichte Kortikalis → Diffusion des LA zur Nervstruktur eingeschränkt.
- Akute Entzündung: saures Milieu → Wirksamkeit des LA reduziert.
- Für Inzision/Drainage häufig ausreichende Analgesie + gezielte Ergänzung sinnvoll.
- Intraligamentär oder intraossär ergänzen.
- Gow-Gates-Blockade als Alternative/Erweiterung.
- Zu schnelle Injektion/fehlende Aspiration → intravasale Applikation/Intoxikationsrisiko.
- Bei stark entzündetem Gewebe nicht „nachspritzen bis es wirkt“, sondern Technik wechseln.
Du behandelst im entzündeten Gewebe. Warum kann die LA trotz korrekter Technik schlechter wirken?
Q2: Warum wirkt das Lokalanästhetikum im sauren Milieu schlechter?
Mechanismus (ionisiert vs nicht-ionisiert)
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KP-Satz: Lokalanästhetika sind schwache Basen; im sauren Milieu liegen sie vermehrt ionisiert vor, sodass weniger Wirkstoff als nicht-ionisierte Form in den Nerv gelangt.
- Saures Entzündungsmilieu → Gleichgewicht Richtung ionisierte Form.
- Nur die nicht-ionisierte, ungeladene Form diffundiert durch die Nervmembran.
- Weniger LA im Axon → Analgesie abgeschwächt.
- Bei Entzündung eher Technik/Ort anpassen (Blockade/IO/PDL) statt immer mehr Volumen.
Wenn nur die nicht-ionisierte Form in den Nerv gelangt – warum brauchen wir dann überhaupt die ionisierte Form?
Q3: Nicht-ionisiert vs ionisiert – wozu braucht man die geladene Form?
Membranpassage vs Kanalblockade
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KP-Satz: Die nicht-ionisierte Form ist nötig, um die lipophile Nervmembran zu durchdringen; intrazellulär wird sie protoniert zur ionisierten Form, die dann den spannungsabhängigen Natriumkanal von innen blockiert.
- Ungeladen → diffundiert durch Membran → gelangt ins Axon.
- Im Axon: Protonierung → geladen.
- Geladen bindet an Na-Kanal → Blockade → keine Erregungsleitung.
- Bei Entzündung verschiebt sich Gleichgewicht schon außerhalb – dadurch weniger „kommt rein“.
B) Risikopatienten
KHK/ASS, Schwangerschaft, DOAK, Leberinsuffizienz – Auswahl des LA, Adrenalin, Blutungs-/Hämatomrisiko.
68-jähriger Patient, Extraktion 47. Anamnese: KHK, Stent vor 2 Jahren, ASS 100 mg, RR gut eingestellt, keine Angina aktuell.
Fragen a–c
LA-Wahl · Adrenalin-Dosis · Risiken
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KP-Satz: Bei stabil eingestellter KHK führe ich eine Leitungsanästhesie mit Articain 1:200.000 durch und verwende Adrenalin nur in möglichst geringer Menge.
- 1:200.000 reduziert systemische Katecholaminspitzen im Vergleich zu 1:100.000.
- Adrenalin verbessert Anästhesietiefe/Blutungsarmut – aber bei KHK vorsichtig dosieren.
- Langsam injizieren, konsequent aspirieren → intravasal vermeiden.
- Max. 40 µg Adrenalin ≙ ca. 4–5 Karpulen (klinisch meist weniger).
- Blutdruckanstieg, Tachykardie
- Myokardischämie durch O₂-Bedarf ↑
- Arrhythmietrigger bei Katecholaminspitzen
- Unbedachte hohe Volumina 1:100.000 → unnötige Herzbelastung.
- Keine Aspiration → intravasale Injektion → akute Tachykardie/Angst.
Q5: ASS 100 mg – Leitungsanästhesie vermeiden?
Blutungsrisiko vs klinische Beherrschbarkeit
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KP-Satz: ASS 100 mg ist keine Kontraindikation für eine Leitungsanästhesie im Unterkiefer; das Blutungsrisiko ist moderat erhöht und klinisch beherrschbar.
- ASS 100 = Thrombozytenaggregationshemmung, aber meist keine relevanten tiefen Hämatome bei korrekter Technik.
- Wichtig: sorgfältige Aspiration und atraumatische Injektion.
- Bei zusätzlicher Antikoagulation/DOAK gelten andere Risiken (tiefe, nicht komprimierbare Räume).
29-jährige Patientin, 22. SSW (2. Trimenon), starke Schmerzen Zahn 26. Diagnose: irreversible Pulpitis. WKB notwendig.
Fragen a–c
LA-Wahl · Adrenalin ja/nein · Grundregeln
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KP-Satz: Im 2. Trimenon führe ich eine vestibuläre Infiltrationsanästhesie mit Articain 1:200.000 durch; es ist das sicherste Zeitfenster, da die Organogenese abgeschlossen ist und teratogene Risiken reduziert sind.
- OK: gute Diffusion → Infiltration meist ausreichend.
- 2. Trimenon: günstigster Zeitraum für notwendige Eingriffe.
- Schmerz/Stress vermeiden (mütterliche Katecholamine sind ebenfalls ungünstig).
- Keine lange Rückenlage im späteren Verlauf (Vena-cava-Syndrom).
- Unnötige Eingriffe verschieben – notwendige Behandlungen nicht aufschieben.
- Vasovagal vs Vena-cava-Kompression (siehe Fall 7).
Fall 7: Schwindel/Blässe in Rückenlage
Ursache + Sofortmaßnahme
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KP-Satz: Das spricht für ein Vena-cava-Kompressionssyndrom: Der Uterus komprimiert die V. cava inferior, der venöse Rückstrom sinkt und das Herzzeitvolumen nimmt ab.
- Patientin in Linksseitenlage bringen oder Oberkörper hochlagern.
- Beruhigen, Vitalparameter kontrollieren, kurze Pause.
- Abgrenzen gegen vasovagale Synkope (Trigger Angst/Schmerz) – Maßnahmen ähnlich: flach/Beine hoch, O₂ bei Bedarf.
74-jähriger Patient, Extraktion 36. Vorhofflimmern, Apixaban (DOAK), RR stabil, kein aktueller INR-Wert.
Fragen a–b
Technikwahl + DOAK pausieren?
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KP-Satz: Unter DOAK vermeide ich im Unterkiefer möglichst eine Leitungsanästhesie, weil ein Hämatom in tiefen, schlecht komprimierbaren Räumen entstehen kann. Ich bevorzuge eine vestibuläre Infiltrationsanästhesie mit Articain.
- IANB: Risiko eines tiefen Hämatoms (z. B. Pterygoidalraum) → im Extremfall Atemwegsgefährdung.
- Infiltration ist oberflächlicher/komprimierbarer.
- Bei kleineren oralchirurgischen Eingriffen in der Regel nicht pausieren; ggf. ärztliche Rücksprache.
- Immer lokale Hämostase planen (Naht, Tamponade, Aufbiss, TXA je nach Schema).
60-jähriger Patient mit ausgeprägter Leberzirrhose (Child B) benötigt eine Extraktion.
Q13: Geeignetes LA – und warum?
Plasmaesterasen vs hepatischer Metabolismus
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KP-Satz: Bei Leberinsuffizienz bevorzuge ich Articain, da es trotz Amidgruppe überwiegend durch Plasmaesterasen metabolisiert wird und weniger von der Leberfunktion abhängt.
- Articain: Estergruppe → zusätzlicher Abbau via Plasmaesterasen.
- Lidocain/Bupivacain: primär hepatischer Metabolismus → Risiko bei Zirrhose ↑.
- Immer Gesamtdosis niedrig halten und langsam injizieren; Aspiration obligat.
C) Komplikationen/Notfall
Intravasale Injektion, Intoxikation, Krampfanfall, Epilepsie – Erkennen & Handeln (Step-by-step).
Du injizierst Articain 1:100.000. Nach 30 Sekunden: Herzklopfen, Zittern, Angst, RR steigt.
Fragen a–b
Ursache + Sofortreaktion
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KP-Satz: Am wahrscheinlichsten ist eine intravasale Adrenalinapplikation mit schnellem systemischem Effekt; differentialdiagnostisch kommt eine Stress-/Angstreaktion in Frage.
- Sehr schneller Beginn nach Injektion spricht für intravasal.
- Typisch: Palpitationen, Tremor, Angst, RR-Anstieg.
- Injektion sofort stoppen
- Patient beruhigen, hinsetzen/lagern
- Vitalparameter kontrollieren
- Sauerstoff bei Bedarf, beobachten
- Konsequente Aspiration + langsame Injektion zur Prävention.
Während einer Leitungsanästhesie: „Ich schmecke Metall… mir ist schwindelig.“
Fragen a–b
Was denken? Was sofort tun?
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KP-Satz: Das ist eine klassische Frühwarnung für eine Lokalanästhetika-Intoxikation, häufig durch intravasale Injektion.
- metallischer Geschmack, Tinnitus
- Schwindel, Unruhe
- Injektion stoppen
- Patient flach lagern, ggf. Beine hoch
- Sauerstoff, Vitalparameter
- Notfallbereitschaft
- Bei Krampf: Diazepam
- Bei Kreislaufstillstand: Reanimation + Lipidinfusion
- Nie weiter injizieren, wenn Frühzeichen auftreten.
32-jähriger Patient mit bekannter Epilepsie benötigt eine Wurzelspitzenresektion.
Fragen 1–2
LA wählen + was eher vermeiden?
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KP-Satz: Bei Epilepsie verwende ich ein LA in niedriger Dosierung, z. B. Articain 1:200.000, injiziere langsam mit Aspiration und halte Notfallmedikation wie Diazepam bereit.
- Reduzierte Dosis + langsame Injektion senkt systemische Spitzen.
- Aspiration verhindert intravasale Applikation.
- Notfallmanagement vorbereitet (Krampf).
- Bupivacain (höhere neuro-/kardiotoxische Potenz) – sofern Alternativen möglich.
- Stress/Hyperventilation können Krampf triggern → ruhige Atmosphäre, kurze Pausen.
Während einer Leitungsanästhesie: tonisch-klonische Krämpfe, Bewusstlosigkeit.
Fragen 1–2
Ursache + Sofortmaßnahmen Schritt-für-Schritt
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KP-Satz: Die wahrscheinlichste Ursache ist eine Lokalanästhetika-Intoxikation (meist intravasale Injektion, Überdosierung oder schnelle Resorption). Ich stoppe sofort, sichere den Patienten, gebe Sauerstoff und rufe den Notarzt.
- Früh: metallischer Geschmack, Tinnitus, Unruhe
- Spät: tonisch-klonische Krämpfe, Atemstillstand, Kreislaufstillstand
- 1) Injektion sofort stoppen
- 2) Patient sichern: flach lagern, Kopf schützen, nichts in den Mund
- 3) Atemwege sichern: O₂ 4–6 L/min, Vitalparameter
- 4) Notruf
- 5) Bei anhaltenden Krämpfen: Diazepam i.v. oder Midazolam
- 6) Bei Kreislaufstillstand: Reanimation nach ERC, ggf. Lipid-Infusion (Intralipid®) („Lipid-Sink“)
- Prävention: Aspiration + langsame Injektion + Dosisberechnung.
Nach der Injektion wird der Patient plötzlich blass, schwitzt kalt, klagt über Übelkeit, Puls eher langsam, RR fällt.
Fragen
Was ist das wahrscheinlich? Was tun Sie?
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KP-Satz: Das passt am ehesten zu einer vasovagalen Synkope (Angst/Schmerztrigger). Ich lagere den Patienten flach, hebe die Beine an und überwache die Vitalparameter.
- Parasympathikusdominanz → RR↓, Puls↓, Übelkeit, Kaltschweiß.
- Flach lagern, Beine hoch, enge Kleidung lösen
- Beruhigen, frische Luft, ggf. O₂
- Vitalparameter kontrollieren, erst weiterbehandeln wenn stabil
- Abgrenzen gegen LA-Intox (neurologische Symptome) und Adrenalinreaktion (Tachykardie).
Nach Unterkiefer-Leitungsanästhesie berichtet der Patient 48 Stunden später weiterhin Taubheit der Unterlippe/Zunge.
Fragen
Woran denken? Vorgehen/Kommunikation?
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KP-Satz: Anhaltende Taubheit nach IANB spricht für eine Nervenirritation (z. B. N. lingualis / N. alveolaris inferior) durch Injektionstrauma oder Druck durch Hämatom. Ich dokumentiere, untersuche die Sensibilität und kontrolliere engmaschig.
- Nervenirritation/Neurapraxie durch Nadelkontakt oder intraneurale/para-neurale Injektion
- Druck durch Hämatom/Ödem
- DD: iatrogene Läsion durch chirurgischen Eingriff, Entzündung, Trauma
- Sensibilität prüfen/vergleichend dokumentieren
- Patient informieren (meist temporär), Verlaufskontrolle vereinbaren
- Bei fehlender Besserung/hochgradigen Symptomen: MKG/Neurologie
- Keine Bagatellisierung – klare Kommunikation und schriftliche Dokumentation.
D) Dosierung/Besonderheiten
Kinder-Dosierung, Sicherheit durch Aspiration & Maximaldosis – plus fehlende Nummerierung (Fall 14 ergänzt).
5-jähriges Kind (20 kg) benötigt eine Milchzahnextraktion.
Fragen a–b
Max. mg + max. Karpulen
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KP-Satz: Maximaldosis Articain beträgt 7 mg/kg. Bei 20 kg sind das 140 mg, entsprechend etwa 2 Karpulen.
- 7 mg/kg × 20 kg = 140 mg
- 1 Karpule ≈ 68 mg
- 140 ÷ 68 ≈ 2 Karpulen
- Immer langsam injizieren, aspirieren, Gesamtdosis dokumentieren.
Du planst eine umfangreiche Behandlung mit mehreren Injektionen. Der Patient ist gesund. Du willst Intoxikation und intravasale Applikation sicher vermeiden.
Fragen
Welche Sicherheitsregeln sind Pflicht?
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KP-Satz: Zur sicheren Lokalanästhesie aspirieren ich konsequent, injiziere langsam und fraktioniert, berechne und dokumentiere die Maximaldosis und beobachte den Patienten klinisch.
- Aspiration reduziert intravasale Applikation.
- Langsame Injektion senkt systemische Spitzen.
- Fraktioniert injizieren → Frühzeichen rechtzeitig bemerken.
- Dosisberechnung/Dokumentation verhindert Überdosierung.
- Bei Risikopatienten zusätzlich: kleinste effektive Adrenalindosis, kurze Termine, Monitoring.