Das Kauorgan – Diagnostische Fälle & Prüfungsfragen
Klinisch orientierte Kurzfälle zur funktionellen Anatomie, Okklusion, Kieferrelation, Muskelphysiologie, Prothesenstabilität und neurophysiologischen Steuerung des Kauorgans.
Schmerzen nach neuer Krone
Ein 45-jähriger Patient kommt zwei Tage nach Eingliederung einer Krone an Zahn 36. Er berichtet über Schmerzen beim Zubeißen, das Gefühl eines „zu hohen Zahns“ und Verspannungen im Kieferbereich.
- Welche Ursache ist am wahrscheinlichsten?
- Welche Struktur erkennt diesen Fehlkontakt zuerst?
- Warum entstehen Muskelverspannungen?
Ursache: Zu hohe Okklusion durch eine überhöhte Krone.
Erste Wahrnehmung: Parodontale Mechanorezeptoren im Desmodontium.
Warum Verspannung? Fehlkontakt verändert die neuromuskuläre Steuerung → Muskelhyperaktivität → Schmerzen.
Patient spürt kleinste Störung
Ein Patient berichtet: „Seit der Füllung fühlt sich mein Biss minimal anders an.“ Klinisch erscheint die Okklusion fast unauffällig.
Warum kann der Patient dennoch einen minimalen Fehler wahrnehmen?
Parodontale Mechanorezeptoren besitzen eine sehr hohe Sensitivität. Der Patient kann Fehlkontakte oder Fremdkörper bereits im Bereich von etwa 20–30 µm wahrnehmen.
CMD nach prothetischer Versorgung
Nach mehreren Kronen im Seitenzahnbereich treten Kiefergelenkschmerzen, Kopfschmerzen und Gelenkknacken auf.
- Welcher funktionelle Zusammenhang erklärt diese Beschwerden?
- Welche Achse ist hier gestört?
Fehlerhafte Okklusion → Muskelhyperaktivität → Gelenkfehlbelastung → CMD.
Gestört ist die Kiefergelenk-Zahn-Muskel-Achse.
Unterschied IKP und Zentrik
Ein Patient hat durch Abrasion eine veränderte Bisslage.
- Welche Bisslage ist zahngeführt?
- Welche Bisslage ist gelenkgeführt?
IKP = zahngeführte Bisslage.
Zentrische Relation = gelenkgeführte Unterkieferposition.
Rekonstruktion bei starkem Zahnverschleiß
Ein Patient hat massive Abrasion. Der ursprüngliche Biss ist nicht mehr sicher erkennbar.
Auf welcher Referenz sollte die prothetische Rekonstruktion aufgebaut werden?
Auf der zentrischen Relation, da sie unabhängig von Zahnkontakten ist und deshalb als stabile Referenz gilt.
Kaubewegung beim Mundöffnen
Ein Student fragt, welche Bewegung beim Mundöffnen zuerst passiert.
Welche Gelenkbewegung erfolgt initial?
Zuerst erfolgt die Rotation im unteren Gelenkraum. Erst später kommt die Translation im oberen Gelenkraum hinzu.
Laterale Bewegung
Ein Patient bewegt den Unterkiefer nach rechts.
Wie nennt man diese Bewegung?
Laterotrusion.
Überhöhte Bisshöhe
Ein Patient erhält eine prothetische Versorgung mit zu hoher vertikaler Dimension.
Welche Symptome können entstehen?
- Muskelverspannungen
- Kiefergelenkschmerzen
- Sprechstörungen
- Kauprobleme
Unterhöhe
Bei einem älteren Patienten ist die Bisshöhe stark reduziert.
Welche ästhetischen Veränderungen können auftreten?
- Verkürztes unteres Gesichtsdrittel
- Eingefallene Lippen
- Verstärkte Nasolabialfalten
Muskelaktivität
Ein Patient hat Bruxismus.
Welcher Muskel erzeugt die stärkste Kaubelastung?
M. masseter – er ist der Hauptkraftmuskel der Mastikation.
Öffnungsbewegung des Unterkiefers
Welcher Muskel ist entscheidend für das Öffnen des Unterkiefers?
M. pterygoideus lateralis.
Sensorische Steuerung
„Woher weiß der Patient, wie stark er zubeißt?“
Durch sensorische Rückmeldung von:
- Parodontalen Mechanorezeptoren
- Muskelspindeln
- Golgi-Sehnenorganen
Die Signale werden über den Nervus trigeminus verarbeitet.
Fehlkontakt und Ausweichbewegung
Ein Patient hat eine minimal zu hohe Füllung. Beim Zubeißen bewegt sich der Unterkiefer leicht zur Seite.
Warum entsteht diese Ausweichbewegung?
Das Nervensystem erkennt einen Fehlkontakt und verändert die Muskelaktivität, um diesen Kontakt zu vermeiden.
Stabilität einer Teilprothese
Ein Patient hat eine Teilprothese. Beim Kauen kippt sie leicht.
Welche funktionelle Zone ist hier wahrscheinlich unzureichend?
Stützzonen. Sie übertragen Kaubelastungen stabil auf die Pfeilerzähne.
Wirkung einer Aufbissschiene
Ein CMD-Patient erhält eine Aufbissschiene. Nach einigen Wochen verbessern sich Schmerzen und Muskelspannung.
Warum wirkt die Schiene?
Die Schiene verändert die Okklusion und damit die neuronale Rückmeldung. Dadurch entspannen sich die Muskeln, das Gelenk wird entlastet und das neuromuskuläre System stabilisiert sich.
Patient kann nicht bequem zubeißen
Ein 52-jähriger Patient erhält mehrere Kronen im Seitenzahnbereich. Seit der Eingliederung berichtet er über einen „wandernden Biss“ und findet keine bequeme Bissposition.
- Welcher funktionelle Parameter ist wahrscheinlich verändert?
- Welche Referenz sollte bei umfangreichen Rekonstruktionen verwendet werden?
Die Interkuspidation stimmt nicht mehr mit der Gelenkposition überein. Als stabile Referenz sollte die zentrische Relation verwendet werden.
Knacken im Kiefergelenk
Eine Patientin berichtet über Knacken beim Mundöffnen und gelegentliche Schmerzen.
Welche Struktur im Gelenk ist meist beteiligt?
Discus articularis. Das Knacken entsteht häufig durch eine Diskusverlagerung mit Reposition.
Schmerzen beim Kauen
Ein Patient hat eine neue Brücke erhalten und klagt über Schmerzen beim Kauen harter Nahrung.
Welche funktionelle Störung liegt wahrscheinlich vor?
Okklusale Frühkontakte oder Interferenzen mit Überbelastung einzelner Zähne.
Prothese kippt beim Kauen
Ein Patient mit Teilprothese berichtet über Bewegung beim Kauen und ein Gefühl von Instabilität.
Welcher prothetische Faktor ist wahrscheinlich unzureichend?
Retention und Abstützung.
Muskelermüdung
Ein Patient berichtet über Müdigkeit der Kaumuskulatur und morgendliche Schmerzen.
Welche Parafunktion ist wahrscheinlich vorhanden?
Bruxismus.
Fehlbelastung nach Krone
Eine Krone ist minimal zu hoch.
Welche Struktur erkennt den Fehlkontakt zuerst?
Parodontale Mechanorezeptoren im Desmodontium.
Eingeschränkte Mundöffnung
Ein Patient klagt nach längerer Fehlokklusion über eingeschränkte Mundöffnung.
Welche Muskelgruppe kann hier betroffen sein?
Die Kaumuskulatur, besonders M. masseter und M. pterygoideus medialis.
Protrusion
Welche Bewegung beschreibt das Vorschieben des Unterkiefers?
Protrusion.
Hauptkraftmuskel
Welcher Muskel erzeugt die größte Kaubelastung?
M. masseter.
Unterkieferführung
Ein Patient bewegt den Unterkiefer seitlich.
Welche Zahnart übernimmt dabei idealerweise die Führung?
Eckzähne – Caninusführung.
Abrasion
Ein Patient hat starken Zahnverschleiß.
Welche funktionelle Größe ist dadurch reduziert?
Vertikale Dimension der Okklusion (VDO).
Muskelspindeln
Welche Information messen Muskelspindeln?
Muskellänge und Dehnung.
Golgi-Sehnenorgane
Welche Funktion haben Golgi-Sehnenorgane?
Sie messen die Muskelkraft und schützen vor Überbelastung.
Unterkieferbewegung
Welche Bewegung erfolgt im oberen Gelenkraum?
Translation.
Stabilisierung der Prothese
Welche Strukturen stabilisieren eine Totalprothese zusätzlich?
Zunge, Lippen und Wangen.
Gelenkposition
Welche Bisslage ist unabhängig von Zahnkontakten?
Zentrische Relation.
Okklusionsstörung
Ein Patient hat Kopfschmerzen, Kiefergelenkschmerzen und Nackenverspannung.
Welche Erkrankung ist wahrscheinlich?
Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD).
Artikulator
Warum verwendet man einen Artikulator in der Prothetik?
Zur Simulation der Kieferbewegungen außerhalb des Mundes.
Fehlkontakt
Welche minimale Okklusionsabweichung kann der Patient wahrnehmen?
Bereits etwa 20–30 µm.
Neurophysiologische Steuerung
Welcher Nerv ist für die sensorische Steuerung des Kauorgans entscheidend?
Nervus trigeminus.