4. Allgemeine Anamnese – internistische Risiken erkennen
4.1 Rolle der allgemeinen Anamnese in der Zahnmedizin
Die allgemeine Anamnese ist im zahnärztlichen Alltag kein „Formular-Thema“, sondern ein zentrales Instrument zur Risikoeinschätzung. Sie hat drei Hauptziele:
- Sicherheit des Patienten: Komplikationen vermeiden (z.B. Blutungen, Kreislaufprobleme, Infektionen).
- Sicherheit des Teams: Schutz vor Ansteckungen, Vorbereitung auf Notfälle.
- Therapieplanung: Art, Umfang und Reihenfolge der Behandlung anpassen.
In der FSP möchten Prüfer sehen, dass Sie:
- internistische Risiken erkennen
- relevante Nachfragen stellen
- die Konsequenzen für Ihre Behandlung benennen können („Was heißt das konkret für mein Vorgehen?“).
4.2 Strukturierter Frageblock – von grob zu spezifisch
Bewährt hat sich ein systematisches Vorgehen nach Organsystemen. Wichtig ist, dass Sie nicht einfach eine Liste „herunterbeten“, sondern in zusammenhängenden Frageblöcken sprechen.
Grundprinzip:
- Herz-Kreislauf-System
- Blutgerinnung
- Atmung / Lunge
- Stoffwechsel (v.a. Diabetes)
- Leber und Niere
- Neurologische / psychische Erkrankungen
- Immunsystem, Medikamente, Bisphosphonate
- Infektionskrankheiten
- Allergien
- Schwangerschaft / Stillzeit
Typische Formulierung im Gespräch:
- „Ich stelle Ihnen jetzt einige Fragen zu Ihrer allgemeinen Gesundheit. Das ist wichtig, um mögliche Risiken bei der Behandlung zu erkennen.“
4.3 Herz‑Kreislauf-Erkrankungen – Sprache & Konsequenzen
Ziele:
- Bestehen relevante Herz‑ oder Gefäßerkrankungen?
- Gibt es eine eingeschränkte Belastbarkeit?
- Besteht ein erhöhtes Risiko für Komplikationen (z.B. Endokarditis, hypertensive Krise)?
Beispielfragen:
- „Haben Sie bekannte Herz‑Erkrankungen, zum Beispiel Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen oder einen Herzinfarkt in der Vorgeschichte?“
- „Wurde bei Ihnen einmal ein Herzklappenfehler oder ein künstlicher Herzklappenersatz diagnostiziert?“
- „Leiden Sie unter Angina‑pectoris‑Beschwerden, also Druck oder Engegefühl in der Brust bei Belastung?“
- „Wie gut sind Sie körperlich belastbar? Können Sie zum Beispiel zwei Stockwerke Treppen steigen, ohne dass Sie stehen bleiben müssen?“
FSP-relevante Konsequenzen, die Sie benennen können:
- „Bei instabilen Herz‑Kreislauf-Erkrankungen würde ich nur Notfallmaßnahmen durchführen und den Hausarzt oder Kardiologen einbeziehen.“
- „Bei bekannten Herzklappenerkrankungen oder Herzklappenersatz prüfe ich, ob eine Antibiotikaprophylaxe erforderlich ist und bespreche dies mit dem behandelnden Arzt.“
- „Bei starkem Bluthochdruck versuche ich Stress zu vermeiden, plane kurze Termine am Vormittag und vermeide starke Vasokonstriktoren in Retraktionsfäden.“
4.4 Blutgerinnung und Blutverdünner – gezielt nachfragen
Warum wichtig?
- Jeder invasive Eingriff kann zu verstärkten Blutungen führen.
- Sie müssen wissen, ob und wie gerinnungshemmende Medikamente pausiert oder angepasst werden.
Fragen:
- „Nehmen Sie Medikamente, die die Blutgerinnung beeinflussen, zum Beispiel Marcumar, NOAKs oder Aspirin?“
- „Wissen Sie, warum Sie dieses Medikament einnehmen? Zum Beispiel wegen eines Vorhofflimmerns, einer Thrombose oder eines Herzklappenersatzes?“
- „Wann wurde Ihr Gerinnungswert zuletzt kontrolliert?“
Mögliche mündliche Bewertung in der FSP:
- „Da Sie ein Blutverdünnungsmittel einnehmen, muss ich vor einem größeren Eingriff mit Ihrem Hausarzt oder Kardiologen Rücksprache halten. Je nach Wert und Eingriff werden wir das Medikament eventuell anpassen oder zusätzliche Maßnahmen zur Blutstillung einplanen.“
4.5 Atemwege und Lunge – praktische Relevanz
Typische Krankheitsbilder: Asthma, COPD, chronische Bronchitis, Tuberkulose in der Vorgeschichte, Schlafapnoe.
Fragen:
- „Haben Sie Erkrankungen der Lunge oder der Atemwege, zum Beispiel Asthma oder eine chronische Bronchitis?“
- „Haben Sie gelegentlich Atemnot in Ruhe oder bei geringer Belastung?“
- „Benötigen Sie ein Spray oder andere Medikamente für die Atmung? Haben Sie Ihr Spray heute dabei?“
Konsequenzen im Behandlungsplan (so sollten Sie es formulieren können):
- „Bei einem ausgeprägten Atemwegproblem behandle ich den Patienten möglichst in leicht aufrechter Position und verzichte auf Maßnahmen, die die Atmung zusätzlich erschweren, zum Beispiel einen Kofferdam, wenn der Patient dadurch Panik bekommt.“
4.6 Stoffwechsel – Schwerpunkt Diabetes
Kernfragen:
- „Haben Sie einen bekannten Diabetes?“
- „Wie wird Ihr Diabetes behandelt – mit Tabletten, Insulin oder Diät?“
- „Ist Ihr Blutzucker nach Ihrer Einschätzung gut eingestellt? Haben Sie regelmäßig Kontrollen beim Hausarzt?“
- „Kommt es bei Ihnen gelegentlich zu Unterzuckerungen? Merken Sie das rechtzeitig?“
Sprachliche Verknüpfung mit der Zahnmedizin:
- „Ein Diabetes kann die Wundheilung verlangsamen und das Risiko für Entzündungen am Zahnfleisch erhöhen. Deshalb ist es wichtig, dass wir Ihre Blutzuckereinstellung kennen und die Behandlung möglichst in stabilen Phasen planen.“
4.7 Leber und Niere – Medikamentenwahl & Blutung
Leber:
- „Gibt es bei Ihnen bekannte Lebererkrankungen, zum Beispiel eine Fettleber, Hepatitis oder eine Leberzirrhose?“
- „Trinken Sie regelmäßig Alkohol? Wenn ja, wie oft und wie viel ungefähr?“
Niere:
- „Sind bei Ihnen Probleme mit der Nierenfunktion bekannt? Waren Sie schon einmal in nephrologischer Behandlung oder sogar in Dialysebehandlung?“
Konsequenzen, die Prüfer hören möchten:
- „Bei einer fortgeschrittenen Leber- oder Nierenerkrankung wähle ich Schmerz‑ und Antibiotikamedikamente, die für dieses Organ möglichst wenig belastend sind, und stimme mich im Zweifel mit dem behandelnden Arzt ab.“
4.8 Neurologie, Psyche und Anfallsleiden
Relevante Erkrankungen: Epilepsie, Schlaganfall, Parkinson, Depressionen, Angststörungen.
Fragen:
- „Hatten Sie in der Vergangenheit einen Schlaganfall oder eine andere relevante neurologische Erkrankung?“
- „Leiden Sie an einer Epilepsie oder hatten Sie schon einmal einen Krampfanfall?“
- „Werden Sie wegen psychischer Beschwerden, zum Beispiel Depression oder Angststörung, behandelt?“
Wichtige Verbindung zur Zahnmedizin:
- „Bei einem Patienten mit Epilepsie achte ich darauf, dass die Behandlung möglichst stressarm abläuft und vermeide übermäßige Reize. Ich sorge dafür, dass scharfe Kanten und lose Instrumente nicht im Mund liegen bleiben, falls es zu einem Anfall kommt.“
4.9 Immunsystem, Immunsuppression, Bisphosphonate
Fragen:
- „Werden Sie mit Medikamenten behandelt, die das Immunsystem unterdrücken, zum Beispiel wegen einer Rheumaerkrankung, nach Organtransplantation oder wegen einer Krebserkrankung?“
- „Haben Sie schon einmal Medikamente gegen Knochenschwund oder Knochenmetastasen bekommen, zum Beispiel Bisphosphonate oder andere knochenwirksame Medikamente?“
Formulierung der Konsequenzen:
- „Bei immunsupprimierten Patienten achte ich besonders auf Infektionsrisiken und plane chirurgische Eingriffe sorgfältig. Bei Patienten mit einer Therapie, die den Knochenstoffwechsel beeinflusst, bespreche ich vor Extraktionen oder Implantaten das Vorgehen interdisziplinär, da ein erhöhtes Risiko für Knochennekrosen bestehen kann.“
4.10 Infektionskrankheiten – Schutz & Kommunikation
Fragen (neutral und nicht stigmatisierend):
- „Haben Sie eine ansteckende Erkrankung, die für die Behandlung wichtig sein könnte, zum Beispiel Hepatitis oder eine HIV-Infektion?“
Sprachliche Grundhaltung:
- sachlich
- nicht wertend
- Betonung des Infektionsschutzes für alle Beteiligten
Beispiel:
- „Unabhängig von Ihrer Vorgeschichte arbeiten wir grundsätzlich mit Schutzbrille, Mundschutz und Handschuhen. Wenn eine besondere Infektionsgefahr besteht, planen wir die Behandlung so, dass alle Beteiligten bestmöglich geschützt sind.“
4.11 Allergien – Betäubung, Antibiotika, Material
Standardfragen:
- „Haben Sie Allergien gegen Medikamente, zum Beispiel Antibiotika oder Schmerzmittel?“
- „Hatten Sie schon einmal Probleme mit einer örtlichen Betäubung beim Zahnarzt?“
- „Reagieren Sie auf Latex, Pflaster oder Metalle?“
Wichtige Ergänzung:
- „Wenn Sie einen Allergiepass haben, bringen Sie ihn bitte zum nächsten Termin mit.“
4.12 Schwangerschaft und Stillzeit
Fragen (bei Frauen im gebärfähigen Alter):
- „Darf ich fragen, ob Sie schwanger sind oder sein könnten?“
- „Stillen Sie zurzeit?“
Kurz formulierte Konsequenz:
- „In der Schwangerschaft und Stillzeit wählen wir Betäubungsmittel, Schmerzmittel und die Art der Röntgendiagnostik sehr sorgfältig. Notfälle behandeln wir natürlich, aber elektive Eingriffe versuchen wir, wenn möglich, auf einen geeigneten Zeitpunkt zu legen.“
4.13 Typische Prüferfragen zur allgemeinen Anamnese – Musterantworten
Frage 1:
„Der Patient gibt an, Marcumar einzunehmen. Wie gehen Sie vor, wenn eine Zahnextraktion geplant ist?“
Musterantwort (mündlich, C1):
„Zunächst kläre ich, warum der Patient Marcumar bekommt, und ob es aktuelle Gerinnungswerte gibt. Eine Extraktion würde ich nicht ohne Rücksprache mit dem Hausarzt oder Kardiologen planen. Je nach Indikation und Gerinnungswert entscheiden wir gemeinsam, ob eine Dosisanpassung notwendig ist oder ob wir die Extraktion mit lokaler Blutstillung unter laufender Therapie durchführen können.“
Frage 2:
„Eine Patientin mit schlecht eingestelltem Diabetes benötigt eine größere Parodontalbehandlung. Was beachten Sie?“
Musterantwort:
„Bei einem schlecht eingestellten Diabetes ist das Risiko für Infektionen und verzögerte Wundheilung erhöht. Ich würde den Allgemeinzustand und die Blutzuckereinstellung genau erfragen und gegebenenfalls den Hausarzt einbeziehen. Größere chirurgische oder parodonto‑chirurgische Eingriffe plane ich möglichst erst nach Stabilisierung des Diabetes. Gleichzeitig erkläre ich der Patientin, dass eine gute Blutzuckereinstellung und Mundhygiene für den Behandlungserfolg entscheidend sind.“
Frage 3:
„Warum ist eine strukturierte allgemeine Anamnese für den Zahnarzt so wichtig?“
Musterantwort:
„Die zahnärztliche Behandlung ist oft invasiv und mit Blutungen, Stress und Medikamentengabe verbunden. Eine strukturierte allgemeine Anamnese hilft mir, systemische Risiken frühzeitig zu erkennen, die Behandlung daran anzupassen und Komplikationen zu vermeiden. Damit schütze ich den Patienten, das Praxisteam und kann die Prognose der zahnärztlichen Therapie verbessern.“