Kapitel 5: Spezielle Anamnese je nach Behandlungsanlass
5.1 Grundprinzipien der speziellen Anamnese
Die spezielle Anamnese:
- knüpft direkt an den Hauptwunsch oder die Hauptbeschwerde an
- vertieft die Information zum konkreten Problem
- liefert die Grundlage für Ihre Diagnose‑ und Therapieentscheidung
- zeigt im Prüfungsfall, dass Sie klinisch mitdenken
Standardüberleitung:
- „Damit ich Ihre Beschwerden besser einschätzen kann, stelle ich Ihnen jetzt ein paar gezielte Fragen dazu.“
Je nach Situation unterscheiden wir u.a.:
- Schmerzanamnese
- Prophylaxe‑Anamnese
- Parodontal‑Anamnese
- restaurative / ästhetische Anamnese (Füllungen, Bleaching)
- endodontische Schmerzanamnese
- chirurgische / Schwellungsanamnese
- prothetische Anamnese
- funktionelle Anamnese (CMD, Knirschen)
- Kinder‑Anamnese (Eltern + Kind)
5.2 Prophylaxe- und Mundhygiene-Anamnese
Ziel:
Karies‑ und Parodontitisrisiko, Mundhygienestatus und Motivation einschätzen.
Typische Fragen (aktiv verwendbar):
- „Wie oft putzen Sie Ihre Zähne am Tag?“
- „Welche Zahnbürste benutzen Sie – eine Handzahnbürste oder eine elektrische Zahnbürste?“
- „Reinigen Sie auch die Zahnzwischenräume? Zum Beispiel mit Zahnseide oder kleinen Bürstchen?“
- „Haben Sie manchmal Zahnfleischbluten beim Zähneputzen oder beim Essen?“
- „Haben Sie das Gefühl, dass Sie Mundgeruch haben oder einen unangenehmen Geschmack im Mund?“
- „Wann waren Sie das letzte Mal zur Kontrolle oder zur professionellen Zahnreinigung beim Zahnarzt?“
Kurz-Dialog für die FSP:
Arzt: „Wie pflegen Sie Ihre Zähne im Alltag?“
Patient: „Ich putze eigentlich einmal am Tag, abends.“
Arzt: „Benutzen Sie zusätzlich Zahnseide oder Zwischenraumbürstchen?“
Patient: „Nein, das mache ich nicht.“
Arzt: „Blutet Ihr Zahnfleisch manchmal beim Putzen?“
Patient: „Ja, das kommt öfter vor, besonders vorne.“
Arzt: „Gab es in den letzten Jahren häufiger neue Löcher oder Füllungen?“
Patient: „Ja, fast jedes Jahr musste etwas gemacht werden.“
Was der Prüfer erwartet, dass Sie im Kopf haben:
- erhöhtes Karies‑ und Parodontitisrisiko
- Bedarf an Prophylaxeprogramm und Instruktion
- mögliche Empfehlung: PZR, Fluoridierung, Interdentalreinigung, kürzere Kontrollintervalle
5.3 Parodontal-Anamnese
Ziel:
Parodontalerkrankung erkennen, Schweregrad und Risikofaktoren erfassen.
Fragen:
- „Blutet Ihr Zahnfleisch beim Zähneputzen, bei der Verwendung von Zahnseide oder manchmal auch von alleine?“
- „Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Zahnfleisch zurückgeht oder dass Zahnhälse freiliegen?“
- „Haben Sie bemerkt, dass Zähne locker geworden sind oder sich die Stellung der Zähne verändert hat?“
- „Gibt es in Ihrer Familie Personen, die früh viele Zähne verloren haben, zum Beispiel durch Lockerung?“
- „Rauchen Sie? Wenn ja, wie viele Zigaretten pro Tag und seit wie vielen Jahren?“
- „Ist bei Ihnen bereits einmal eine Parodontalbehandlung durchgeführt worden? Wenn ja, wann?“
Kurz-Dialog:
Arzt: „Sie haben erwähnt, dass Ihr Zahnfleisch manchmal blutet. Seit wann besteht das ungefähr?“
Patient: „Bestimmt seit ein, zwei Jahren.“
Arzt: „Haben Sie den Eindruck, dass sich Zähne bewegt haben oder Lücken entstanden sind?“
Patient: „Ja, oben vorne stehen die Zähne weiter auseinander als früher.“
Arzt: „Rauchen Sie?“
Patient: „Ja, etwa eine Schachtel pro Tag.“
Arzt: „Gab es in Ihrer Familie Probleme mit frühem Zahnverlust?“
Patient: „Mein Vater hat sein Gebiss schon mit Anfang fünfzig bekommen.“
FSP-kompatible Zusammenfassung:
„Der Patient berichtet über seit längerer Zeit bestehendes Zahnfleischbluten, Zahnwanderungen und familiäre Häufung. Zusätzlich besteht ein regelmäßiger Nikotinkonsum. Das spricht für ein erhöhtes Risiko bzw. bereits bestehende parodontale Erkrankungen, sodass eine ausführliche parodontale Befunderhebung notwendig ist.“
5.4 Restaurative und ästhetische Anamnese (Füllungen, Bleaching)
Ziel:
Erwartungen, Prioritäten und individuelle Risiken erfassen.
Fragen bei Füllungsplanung:
- „Ist Ihnen die Zahnfarbe besonders wichtig oder steht die Haltbarkeit im Vordergrund?“
- „Hatten Sie in der Vergangenheit Probleme mit Füllungen, zum Beispiel Abplatzungen oder Empfindlichkeiten?“
- „Gibt es bekannte Allergien oder Unverträglichkeiten gegenüber Materialien?“
- „Wie wichtig ist Ihnen eine möglichst schonende, minimalinvasive Behandlung?“
Fragen bei Bleaching:
- „Was stört Sie genau an der aktuellen Zahnfarbe – eher einzelne Zähne oder das gesamte Gebiss?“
- „Trinken Sie regelmäßig färbende Getränke wie Kaffee, schwarzen Tee oder Rotwein?“
- „Rauchen Sie? Wenn ja, wie viel?“
- „Sind Ihre Zähne empfindlich auf Kälte oder Luftzug?“
- „Wurden schon einmal Zähne gebleicht oder intern aufgehellt?“
Dialog-Beispiel Bleaching:
Arzt: „Was wünschen Sie sich genau von der Zahnaufhellung?“
Patient: „Ich hätte gerne deutlich hellere Zähne, so wie in der Werbung.“
Arzt: „Möchten Sie vor allem die oberen Frontzähne aufhellen oder stört Sie die Farbe insgesamt?“
Patient: „Eigentlich nur die oberen Vorderzähne.“
Arzt: „Rauchen Sie oder trinken Sie häufig Kaffee oder Tee?“
Patient: „Beides, täglich.“
Arzt: „Gut zu wissen, denn diese Faktoren beeinflussen, wie lange das Ergebnis sichtbar bleibt.“
5.5 Endodontische Schmerzanamnese – vertieft
Die Schmerzanamnese bei endodontischem Verdacht ist für die FSP besonders wichtig. Sie haben diese bereits in Kapitel 3 angeteasert, hier der Fokus speziell auf die fachliche Differenzierung.
Zentrale Parameter:
- Lokalisation (genau / unklar / ausstrahlend)
- Schmerzqualität (stechend, dumpf, pochend)
- Auslöser (Kälte, Wärme, Biss, spontan)
- Dauer nach Reiz (Sekunden / Minuten / anhaltend)
- Nacht- und Liegeschmerz
- Linderung durch Kälte / Wärme / Schmerzmittel
Typische Zusatzfragen:
- „Haben Sie das Gefühl, dass der Zahn beim Aufbeißen höher oder ‚länger‘ ist?“
- „Hatten Sie an diesem Zahn schon einmal eine tiefere Füllung oder eine Wurzelbehandlung?“
- „Haben Sie Schwellungen bemerkt oder eine Fistel (kleine Blase am Zahnfleisch)?“
Beispielantwort, wie Sie Ihren Eindruck formulieren könnten:
„Der Patient beschreibt seit drei Tagen zunehmende, pulsierende Schmerzen an einem unteren rechten Molaren, die vor allem nachts auftreten und sich durch Wärme verstärken. Kälte bringt kurzfristig Linderung. Das spricht in Kombination mit der Vorgeschichte für eine irreversible pulpitische Symptomatik mit möglicher Beteiligung des periapikalen Gewebes.“
Solche Sätze beeindrucken Prüfer, weil sie klinisches Denken sprachlich widerspiegeln.
5.6 Chirurgische / Schwellungsanamnese
Ziel:
Ausbreitung, Schweregrad und systemische Gefährdung einschätzen.
Kernfragen:
- „Seit wann besteht die Schwellung?“
- „Ist die Schwellung größer geworden, gleich geblieben oder zurückgegangen?“
- „Haben Sie Schmerzen? Wenn ja, eher dumpf oder stark pochend?“
- „Haben Sie Fieber, Schüttelfrost, Nachtschweiß oder ein allgemeines Krankheitsgefühl bemerkt?“
- „Ist das Schlucken, Sprechen oder Atmen beeinträchtigt?“
- „Gab es bereits ähnliche Episoden an dieser Stelle?“
- „Nehmen Sie aktuell Antibiotika und wenn ja, welche?“
Kurz-Dialog:
Arzt: „Seit wann ist Ihre Wange geschwollen?“
Patient: „Seit gestern Nachmittag, heute ist es deutlich schlimmer.“
Arzt: „Fühlen Sie sich insgesamt krank – haben Sie Fieber oder Schüttelfrost?“
Patient: „Ja, ich habe mich heute Morgen richtig fiebrig gefühlt.“
Arzt: „Haben Sie Probleme beim Schlucken oder beim Atmen?“
Patient: „Schlucken tut weh, aber Luft bekomme ich gut.“
FSP-relevante Bewertung:
- lokale Infektion mit möglicher Ausbreitungstendenz
- bei Fieber und Allgemeinsymptomen hohes Risiko → ggf. Kliniküberweisung
5.7 Prothetische Anamnese – Erwartungen & Vorgeschichte
Ziel:
Herausfinden, was der Patient vom neuen Zahnersatz erwartet und warum der alte nicht mehr zufriedenstellend ist.
Fragen:
- „Was ist Ihnen bei einem neuen Zahnersatz besonders wichtig – Aussehen, Kaukomfort, Stabilität, einfache Reinigung, Kosten?“
- „Wie kommen Sie mit Ihrem jetzigen Zahnersatz zurecht?“
- „Seit wann tragen Sie den aktuellen Zahnersatz?“
- „Was stört Sie genau – Druckstellen, Halt, Aussehen, Sprache?“
- „Gab es in der Vergangenheit mehrfach Reparaturen oder Brüche?“
Dialog-Beispiel:
Arzt: „Was wünschen Sie sich von dem neuen Zahnersatz?“
Patient: „Vor allem, dass er gut hält und ich wieder alles essen kann.“
Arzt: „Wie zufrieden waren Sie mit dem bisherigen Zahnersatz?“
Patient: „Eigentlich nie, er sitzt locker und ich habe ständig Druckstellen.“
Arzt: „Ist Ihnen die Ästhetik, also die Optik, auch wichtig?“
Patient: „Ja, aber wichtiger ist, dass ich wieder gut kauen kann.“
Interpretation (sprachlich):
„Der Patient legt den Schwerpunkt auf Funktion und Halt, hat aber auch ästhetische Wünsche. Mit dem bisherigen Zahnersatz war er unzufrieden aufgrund von Lockerung und Druckstellen. Das spricht für den Bedarf an einer stabileren, besser abgestützten Versorgung und einer ausführlichen Aufklärung über die verschiedenen Möglichkeiten.“
5.8 Funktionelle Anamnese (CMD, Kiefergelenk, Bruxismus)
Ziel:
Myofasziale Schmerzen, Gelenkprobleme und Parafunktionen erkennen.
Fragen:
- „Seit wann haben Sie Schmerzen im Bereich der Kiefergelenke oder der Kaumuskulatur?“
- „Sind die Schmerzen eher dumpf und drückend oder scharf und stechend?“
- „Treten die Beschwerden vor allem morgens, abends oder unter Stress auf?“
- „Knackt oder reibt es im Kiefergelenk, wenn Sie den Mund öffnen oder schließen?“
- „Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Mundöffnung eingeschränkt ist?“
- „Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie mit den Zähnen knirschen, zum Beispiel nachts?“
- „Hatten Sie in letzter Zeit besonderen Stress oder größere Veränderungen im Alltag?“
FSP-kompatible Zusammenfassung:
„Die Patientin berichtet über seit Monaten bestehende, belastungsabhängige, dumpfe Schmerzen im Bereich der Kaumuskulatur, morgendliche Verspannungen und Gelenkknacken. Zusätzlich bestehen Stressfaktoren im Beruf. Das spricht für eine funktionelle Ursache mit möglichem Bruxismus und myofaszialer Symptomatik, sodass eine Funktionsanalyse und ggf. Schienentherapie sinnvoll sind.“
5.9 Kinder-Anamnese – Eltern und Kind gemeinsam
Ziel:
Ernährung, Mundhygiene, Fluoridstatus, Kariesrisiko und Kooperation einschätzen.
Fragen (an die Eltern):
- „Wer putzt Ihrem Kind die Zähne – Sie, Ihr Kind selbst oder beide?“
- „Wie oft am Tag werden die Zähne geputzt und benutzen Sie eine fluoridhaltige Zahnpasta?“
- „Bekommt Ihr Kind süße Getränke aus der Flasche oder aus dem Becher, insbesondere nachts?“
- „Wie häufig isst Ihr Kind Süßigkeiten am Tag?“
- „War Ihr Kind bereits beim Zahnarzt und wenn ja, wie waren die Erfahrungen?“
Fragen (kindgerecht, wenn das Alter es erlaubt):
- „Zeigst du mir mal, wie du zu Hause die Zähne putzt?“
- „Hast du manchmal Zahnweh?“
5.10 Red Flags & typische Fehler in der Prüfung bei der speziellen Anamnese
Red Flags, die Sie immer ernst nehmen und ggf. laut benennen sollten:
- starke Schmerzen + Fieber + Schwellung + Schluck‑/Atemprobleme
- instabile Herz‑ oder Kreislaufsituation
- unklar eingestellte Gerinnung mit geplanter Chirurgie
- schlecht eingestellter Diabetes vor großen Eingriffen
- ausgedehnte Schwellungen im Kiefer‑/Halsbereich
Typische Fehler in der FSP:
- nur allgemeine Anamnese, aber keine echte spezielle Anamnese
- wichtige Nachfragen fehlen (z.B. keine Skala 0–10 bei Schmerzen)
- keine Verbindung der Angaben zur geplanten Therapie („Was heißt das jetzt konkret für die Behandlung?“)
- der Prüfling springt unstrukturiert zwischen Themen