Kenntnisprüfung Zahnmedizin · Kraniofaziale Fehlbildungen

Lippen-Kiefer-Gaumen-Fehlbildungen, kraniofaziale Fehlbildungen und Syndrome

Embryologie, Spaltformen, Atemweg, Ernährung, interdisziplinäre Therapie, Primärrekonstruktion, Hören, Sprache, Kieferspaltosteoplastik und Syndrome.

KP NiedersachsenLKG & Kraniofazial20 LernabschnitteStand August 2026
01 · Anatomie

Begriffe und anatomische Abgrenzung

Embryologie, Diagnostik und interdisziplinäre Therapie für Kenntnisprüfung und klinische Praxis

Einleitung

Lippen-Kiefer-Gaumen-Fehlbildungen, kurz LKGF, sind angeborene Fehlbildungen von Oberlippe, Nase, Alveolarfortsatz sowie hartem und/oder weichem Gaumen. Das sichtbare Spaltbild ist nur ein Teil des Krankheitsbildes. Je nach Ausprägung können Ernährung, Atmung, Tubenfunktion, Hören, Sprechen, Zahnentwicklung, Okklusion, Mittelgesichtswachstum und psychosoziale Lebensqualität betroffen sein.

Die Versorgung beginnt gegebenenfalls bereits pränatal und reicht häufig bis ins Erwachsenenalter. Sie gehört in ein erfahrenes, multidisziplinäres Spaltzentrum. Für die Kenntnisprüfung ist deshalb nicht das Auswendiglernen eines starren Operationskalenders entscheidend. Geprüft wird, ob Sie:

1
primären und sekundären Gaumen embryologisch unterscheiden,
2
die Fehlbildung anatomisch vollständig beschreiben,
3
funktionelle Probleme priorisieren,
4
den alters- und entwicklungsabhängigen Therapieablauf erklären,
5
die Aufgaben von MKG-Chirurgie, Kieferorthopädie, HNO/Pädaudiologie, Sprachtherapie und Zahnmedizin verknüpfen.

Leitgedanke: Bei einem Neugeborenen stehen Atemweg, sichere Ernährung und das Erkennen begleitender Fehlbildungen vor Ästhetik und Operationsdetails. Langfristig werden Funktion, Wachstum, Okklusion, Hören, Sprache und Lebensqualität gemeinsam beurteilt.

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie:

  • primären und sekundären Gaumen definieren,
  • typische Spaltformen und Mikroformen beschreiben,
  • pränatale und postnatale Diagnostik einordnen,
  • Ernährungshilfen und prächirurgische Kieferorthopädie differenzieren,
  • Prinzipien und Grenzen der primären Rekonstruktion erklären,
  • den Zeitpunkt der sekundären Kieferspaltosteoplastik funktionell begründen,
  • Paukenergüsse, Hörstörung und velopharyngeale Insuffizienz sicher beurteilen,
  • typische Zahn- und Kieferanomalien in die Langzeitplanung integrieren,
  • syndromale Warnzeichen erkennen und eine humangenetische Mitbeurteilung veranlassen.

1.1 Orofaciale Spaltfehlbildung

Der Begriff umfasst unterschiedliche angeborene Kontinuitätsstörungen im Lippen-, Kiefer-, Nasen- und Gaumenbereich. Nicht jede betroffene Person hat eine vollständige Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Möglich sind isolierte und kombinierte Fehlbildungen.

1.2 Primärer Gaumen

Der primäre Gaumen liegt vor dem Foramen incisivum. Zum intermaxillären Segment gehören der mittlere Anteil der Oberlippe mit dem Philtrum, die Prämaxilla beziehungsweise der vordere Alveolarfortsatz und der vorderste Gaumenanteil.

Fehlbildungen dieses Bereichs betreffen typischerweise:

  • Oberlippe,
  • Naseneingang und Nasenboden,
  • Alveolarfortsatz im Bereich der seitlichen Schneidezähne,
  • gegebenenfalls den vorderen Gaumen.

1.3 Sekundärer Gaumen

Der sekundäre Gaumen liegt hinter dem Foramen incisivum und umfasst den überwiegenden harten Gaumen sowie den weichen Gaumen mit Uvula. Eine isolierte Gaumenspalte kann deshalb ohne Lippenspalte auftreten.

1.4 Wichtige Abgrenzungen

BegriffBedeutungKlinische Konsequenz
Lippenspalte Lippe, gegebenenfalls Naseneingang betroffen sichtbare Formabweichung; Ernährung häufig weniger beeinträchtigt als bei Gaumenbeteiligung
Lippen-Kieferspalte Lippe und Alveolarfortsatz betroffen Zahnentwicklung, Kieferbogen und Nasenboden müssen mitbeurteilt werden
Lippen-Kiefer-Gaumenspalte primärer und sekundärer Gaumen in unterschiedlicher Ausprägung betroffen langfristige interdisziplinäre Komplextherapie
isolierte Gaumenspalte harter und/oder weicher Gaumen ohne Lippenspalte kann pränatal oder postnatal leichter übersehen werden; Ernährung, Hören und Sprache sind zentral
submuköse Gaumenspalte Schleimhaut geschlossen, Muskulatur und/oder Knochen darunter fehlerhaft mögliche Uvula bifida, hintere Hartgaumenkerbe, durchscheinende Mittelzone und VPI; Diagnose oft verzögert
oronasale Fistel persistierende oder postoperative Verbindung zwischen Mund und Nase nasale Regurgitation, Luftverlust, Sprache oder Hygiene können beeinträchtigt sein

Die veralteten Bezeichnungen „Hasenscharte“ und „Wolfsrachen“ sind stigmatisierend und werden nicht verwendet.

02 · Entwicklung

Embryologie

2.1 Bildung von Oberlippe und primärem Gaumen

Zwischen ungefähr der vierten und siebten Entwicklungswoche formieren sich die frontonasale Region sowie die paarigen medialen und lateralen Nasenfortsätze und Oberkieferfortsätze. Die medialen Nasenfortsätze bilden gemeinsam das intermaxilläre Segment. Die seitlichen Oberlippenanteile entstehen aus den Oberkieferfortsätzen.

Bleibt die Verbindung zwischen Oberkieferfortsatz und medialem Nasenfortsatz aus oder unvollständig, kann eine ein- oder beidseitige Lippen- beziehungsweise Lippen-Kiefer-Fehlbildung entstehen.

2.2 Bildung des sekundären Gaumens

Aus den Oberkieferfortsätzen entwickeln sich paarige Gaumenfortsätze beziehungsweise Gaumenplatten. Sie stehen zunächst seitlich der Zunge, richten sich anschließend in eine horizontale Position auf und vereinigen sich:

  • miteinander in der Mittellinie,
  • nach vorn mit dem primären Gaumen,
  • nach kranial mit dem Nasenseptum.

Störungen von Wachstum, Aufrichtung oder Fusion können eine Spalte des harten und/oder weichen Gaumens verursachen. Die kritische Phase liegt schwerpunktmäßig etwa in der achten bis zehnten Woche nach der Konzeption, wobei Entwicklungsprozesse zeitlich überlappen.

Prüfungsfalle: Nicht die „Alveolarfortsätze richten sich auf“, sondern die lateralen Gaumenplatten. Das Foramen incisivum ist die anatomische Grenze zwischen primärem und sekundärem Gaumen.

2.3 Warum Lippen- und Gaumenspalten getrennt auftreten können

Primärer und sekundärer Gaumen entstehen aus unterschiedlichen embryologischen Teilprozessen zu teilweise verschiedenen Zeitpunkten. Deshalb kann eine Lippenspalte ohne Gaumenspalte und eine Gaumenspalte ohne Lippenspalte vorkommen.

03 · Morphologie

Formen und Klassifikation

Eine vollständige klinische Beschreibung nennt:

  • betroffene Strukturen,
  • Seite: rechts, links oder beidseits,
  • vollständige oder unvollständige Ausprägung,
  • offene oder submuköse Form,
  • zusätzliche Nasen-, Zahn- und Kieferbefunde,
  • isoliertes oder syndromverdächtiges Auftreten.

3.1 Klinisch-anatomische Hauptformen

  • isolierte Lippenspalte,
  • Lippen-Kieferspalte,
  • durchgehende Lippen-Kiefer-Gaumenspalte,
  • isolierte Spalte des weichen Gaumens,
  • isolierte Spalte von hartem und weichem Gaumen,
  • submuköse oder okkulte Gaumenspalte,
  • seltene atypische kraniofaziale Spalten.

Mikroformen sind beispielsweise eine Lippenkerbe, eine diskrete Fehlorientierung des M. orbicularis oris oder eine Uvula bifida. Eine Uvula bifida allein beweist keine funktionell relevante submuköse Spalte, sollte aber bei Hypernasalität oder nasaler Regurgitation zu einer gezielten Untersuchung führen.

3.2 LAHSHAL-Dokumentation

Das LAHSHAL-Schema bildet die Anatomie vom rechten zum linken Patientensegment ab:

L A H S H A L
rechte Lippe rechter Alveolus rechter Hartgaumen Weichgaumen linker Hartgaumen linker Alveolus linke Lippe

Großbuchstaben kennzeichnen üblicherweise eine vollständige, Kleinbuchstaben eine unvollständige Beteiligung; weitere Zeichen können Mikroformen oder einen unauffälligen Abschnitt darstellen. Das Schema dokumentiert die Morphologie präziser als die unspezifische Bezeichnung „LKG-Spalte“.

04 · Entstehung

Epidemiologie, Ätiologie und Prävention

4.1 Häufigkeit

Die Häufigkeit variiert nach Population, Spaltform, Geschlecht und Erfassungsmethode. Für Deutschland wird für die Gesamtheit der LKGF häufig eine Größenordnung von ungefähr 1 : 500 Neugeborenen angegeben. Lippenfehlbildungen mit oder ohne Gaumenbeteiligung werden häufiger bei Jungen, isolierte Gaumenspalten häufiger bei Mädchen beobachtet. Einseitige Formen sind häufiger als beidseitige; bei einseitigen Lippenspalten ist links häufiger betroffen.

Diese Zahlen dienen der Orientierung und ersetzen keine aktuelle Registerauswertung.

4.2 Multifaktorielle Entstehung

Bei vielen nicht syndromalen Spaltfehlbildungen entsteht die Erkrankung aus einem Zusammenspiel genetischer Anfälligkeit und äußerer Einflüsse. Ein einzelner Auslöser lässt sich meistens nicht feststellen. Assoziationen bestehen unter anderem mit:

  • positiver Familienanamnese,
  • bestimmten chromosomalen oder monogenen Erkrankungen,
  • mütterlichem Rauchen,
  • schlecht eingestelltem präexistentem Diabetes,
  • einzelnen teratogenen Arzneimitteln oder Substanzen.

Eine statistische Assoziation beweist im Einzelfall keine Ursache. Eltern dürfen nicht mit spekulativen Schuldzuweisungen belastet werden.

4.3 Folsäure und Arzneimittel

Die allgemein empfohlene perikonzeptionelle Folsäuresupplementation dient vor allem der Prävention von Neuralrohrdefekten und gehört zur regulären Schwangerschaftsvorsorge. Sie garantiert nicht, dass keine LKGF entsteht. Medikamente in der Schwangerschaft werden nicht eigenständig begonnen, pausiert oder abgesetzt, sondern ärztlich hinsichtlich Nutzen und Risiko geprüft.

4.4 Syndromal oder nicht syndromal?

Eine pauschale „80/20-Regel“ ist nicht belastbar. Der Anteil begleitender genetischer Erkrankungen oder weiterer Fehlbildungen hängt stark vom Phänotyp und von der untersuchten Population ab. Besonders eine isolierte Gaumenspalte, eine Robin-Sequenz oder zusätzliche Organfehlbildungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer syndromalen beziehungsweise genetisch erklärbaren Konstellation.

05 · Funktionsfolgen

Klinische Probleme

5.1 Atemweg

Eine gewöhnliche LKGF verursacht nicht automatisch eine akute Atemwegsobstruktion. Besondere Aufmerksamkeit erfordern jedoch Mikro- oder Retrognathie, Glossoptose, syndromale Fehlbildungen und die Robin-Sequenz. Stridor, Einziehungen, Zyanose, Apnoen, lageabhängige Desaturation und Trinkschwäche sind Notfallzeichen.

5.2 Ernährung und Wachstum

Bei isolierter Lippenspalte kann Stillen häufig möglich sein. Bei Gaumenbeteiligung fehlt dagegen oft die Fähigkeit, einen ausreichenden intraoralen Unterdruck aufzubauen. Mögliche Folgen sind:

  • lange und erschöpfende Mahlzeiten,
  • nasale Regurgitation,
  • Husten oder Verschlucken,
  • unzureichende Energieaufnahme,
  • Gedeihstörung.

Das Kind muss nicht grundsätzlich sondiert werden. Stillposition, spezielle Sauger, komprimierbare Flaschen, abgepumpte Muttermilch, Mund-Nasen-Trennplatte oder vorübergehende Sondenernährung werden individuell ausgewählt. Gewicht, Länge, Kopfumfang, Fütterungsdauer, Atemkoordination und elterliche Belastung werden kontrolliert.

5.3 Hören und Mittelohr

Bei Gaumenbeteiligung ist die Funktion der Tubenmuskulatur häufig gestört. Paukenergüsse und fluktuierende Schallleitungsschwerhörigkeit können die Sprachentwicklung beeinträchtigen. Deshalb gehören HNO, Pädaudiologie und wiederholte Hörkontrollen in das Behandlungskonzept.

5.4 Sprechen und velopharyngealer Abschluss

Der weiche Gaumen muss beim Sprechen gemeinsam mit den Pharynxwänden den Nasopharynx funktionell vom Oropharynx trennen. Bei unzureichendem Abschluss können auftreten:

  • Hypernasalität,
  • hörbare nasale Luftemission,
  • verminderter intraoraler Luftdruck,
  • kompensatorische Artikulation, etwa glottale oder pharyngeale Ersatzlaute,
  • eingeschränkte Verständlichkeit.

Eine strukturelle velopharyngeale Insuffizienz wird nicht allein durch Artikulationstraining verschlossen. Sprachtherapie behandelt fehlerhafte Sprechmuster; ein relevanter anatomischer Funktionsdefekt kann zusätzlich eine operative oder in ausgewählten Fällen prothetische Behandlung benötigen.

5.5 Zähne, Kiefer und Gesichtswachstum

Im Spaltbereich treten vermehrt auf:

  • Nichtanlage, Doppelanlage oder Fehlform des lateralen Schneidezahns,
  • überzählige oder verlagerte Zähne,
  • Schmelzhypoplasien,
  • verzögerter oder ektopischer Durchbruch,
  • Engstände und Kreuzbisse,
  • transversale Maxillaenge und maxilläre Retrognathie,
  • gingivale und parodontale Defizite.

Fehlbildung, Operationsnarben, Muskelfunktion und individuelle Wachstumsanlage wirken zusammen. Eine maxilläre Wachstumshemmung darf deshalb nicht monokausal nur der Operation zugeschrieben werden.

5.6 Psychosoziale Auswirkungen

Sichtbare Unterschiede, lange Behandlungsverläufe, Sprechauffälligkeiten und wiederholte Operationen können Familie, Selbstbild, Schule, soziale Teilhabe und Lebensqualität belasten. Belastung wird aktiv erfragt; psychologische Unterstützung ist ein Angebot, keine Stigmatisierung.

06 · Befunderhebung

Diagnostik

6.1 Pränatale Diagnostik

Lippen- und Lippen-Kiefer-Fehlbildungen können sonographisch häufig erkannt werden; isolierte Gaumenspalten sind schwieriger darzustellen. Bei erhöhtem Risiko, positiver Familienanamnese oder auffälligem Routineultraschall empfiehlt die deutsche S3-Leitlinie eine gezielte Ultraschalldiagnostik im zweiten oder dritten Trimenon, möglichst unter Nutzung dreidimensionaler Technik. Bei unklarem Ultraschall oder Verdacht auf weitere kraniofaziale Fehlbildungen kann eine fetale MRT ergänzen.

Nach pränatalem Verdacht sind wichtig:

  • wertfreie Aufklärung über Befund und diagnostische Grenzen,
  • Suche nach weiteren Organfehlbildungen,
  • frühzeitiger Kontakt zu einem Spaltzentrum,
  • Beratung zu Geburt, Atemweg und Ernährung,
  • bei Zusatzfehlbildungen humangenetische Beratung und gegebenenfalls Diagnostik.

6.2 Postnatale Erstuntersuchung

Untersucht werden:

  1. Atemweg und Atmung,
  2. Trinkfähigkeit, Schluckkoordination und Hydratation,
  3. Lippe, Nase, Alveolarfortsatz, harter und weicher Gaumen,
  4. Unterkiefergröße, Zungenlage und mögliche Glossoptose,
  5. Ohren, Augen, Extremitäten, Herz und weitere Organsysteme,
  6. neurologischer und entwicklungsbezogener Status,
  7. Familienanamnese.

Der Gaumen wird bei guter Beleuchtung systematisch inspiziert und vorsichtig palpiert. Eine scheinbar intakte Schleimhaut schließt eine submuköse Spalte nicht aus.

6.3 Humangenetische Abklärung

Eine humangenetische Mitbeurteilung ist besonders wichtig bei:

  • zusätzlichen Fehlbildungen,
  • Entwicklungsauffälligkeit,
  • positiver Familienanamnese,
  • ungewöhnlicher oder symmetrischer Dysmorphie,
  • Robin-Sequenz,
  • Verdacht auf 22q11.2-Deletionssyndrom, Van-der-Woude-Syndrom oder andere definierte Syndrome.

Ein unauffälliger Gentest beweist nicht endgültig, dass eine Fehlbildung nicht syndromal ist. Umgekehrt ist nicht bei jeder isoliert erscheinenden Spalte eine spezifische Mutation nachweisbar.

07 · Versorgungssystem

Interdisziplinäres Behandlungsteam

Die Behandlung erfolgt über Entwicklungsphasen hinweg. Typische Aufgaben sind:

Disziplin Hauptaufgaben
Pädiatrie/Neonatologie Allgemeinzustand, Wachstum, Begleiterkrankungen, Entwicklungsverlauf
Still-, Laktations- und Fütterberatung sichere und ausreichend effiziente Ernährung
MKG-/plastische Spaltchirurgie primäre Rekonstruktion, Kieferspaltosteoplastik, Korrektureingriffe, Dysgnathiechirurgie
Kieferorthopädie Mund-Nasen-Trennplatte, Wachstums- und Okklusionskontrolle, Expansion, Zahnbewegung, perioperative Planung
HNO/Pädaudiologie/Phoniatrie Hörscreening, Mittelohr, Nasenatmung, Resonanz und velopharyngeale Funktion
Logopädie/Sprachtherapie Fütterfunktion, Sprech- und Sprachentwicklung, Artikulation und Resonanz
Kinderzahnheilkunde/Hauszahnarzt Prävention, Karies- und Parodontalkontrolle, Zahnerhalt und Langzeitbetreuung
Humangenetik Syndromdiagnostik, Erbgang und Wiederholungsrisiko
Psychologie/Sozialdienst/Selbsthilfe Krankheitsverarbeitung, Teilhabe und Unterstützung der Familie
Prothetik/Implantologie definitiver oder interimistischer Lückenschluss nach abgestimmter Gesamtplanung

Ein universeller Zeitplan existiert nicht. Spaltform, Begleiterkrankungen, Entwicklung, Zentrumskonzept und Familienpräferenzen bestimmen das konkrete Vorgehen.

08 · Frühe Versorgung

Ernährung und prächirurgische Kieferorthopädie

8.1 Ernährungsprinzipien

Die aktuelle Evidenz zeigt keine generelle Überlegenheit einer einzelnen Fütterungsmethode. Praktisch gilt:

  • Atemweg und Wachheit vor der Mahlzeit prüfen,
  • Kind möglichst aufrecht führen,
  • Sauger und Flaschensystem an Anatomie und Fähigkeiten anpassen,
  • regelmäßige Pausen und Aufstoßen ermöglichen,
  • Fütterungsdauer und Gewichtsentwicklung dokumentieren,
  • bei Husten, Zyanose, wiederkehrender Pneumonie oder Gedeihstörung Schluckdiagnostik und pädiatrische Abklärung veranlassen.

8.2 Mund-Nasen-Trennplatte

Bei Hartgaumenbeteiligung wird häufig in den ersten Lebenstagen eine individuell gefertigte Platte eingegliedert. Sie kann Mund- und Nasenraum funktionell trennen, die Zungenlage führen, den Kieferbogen beeinflussen und die präoperative Situation verbessern. Sie erzeugt jedoch nicht bei jedem Kind ein normales Saugvakuum und ersetzt keine qualifizierte Fütterberatung.

Erforderlich sind regelmäßige Passungskontrolle, Reinigung, Anpassung an das Wachstum und die Kontrolle auf Druckstellen.

8.3 Nasoalveolar Molding

Beim NAM werden Alveolarsegmente und bei Lippenbeteiligung auch nasale Weichteile vor der Operation geformt. Das Verfahren kann bei ausgewählten Kindern die nasolabiale Ausgangsform verbessern. Ein dauerhafter allgemeiner Vorteil ist jedoch nicht eindeutig belegt. NAM ist daher eine optionale Zentrumsbehandlung nach individueller Nutzen-Aufwand-Abwägung, kein obligater Standard für jedes Kind.

09 · Rekonstruktion

Operative Primärbehandlung

9.1 Grundziele

Die Operation soll nicht lediglich „ein Loch schließen“. Ziele sind:

  • anatomische Rekonstruktion von Haut, Schleimhaut und Muskelschlingen,
  • Wiederherstellung von Nasenboden und Naseneingang,
  • funktioneller M. orbicularis oris,
  • Trennung von Mund- und Nasenraum,
  • funktioneller, ausreichend langer Weichgaumen,
  • möglichst geringe Beeinträchtigung des Gesichtswachstums,
  • gute Voraussetzungen für Ernährung, Hören, Sprache und spätere Zahn-/Kieferentwicklung.

9.2 Lippen- und Nasenrekonstruktion

Nach der S3-Leitlinie kann die primäre Rekonstruktion von Oberlippe und Nase ab dem dritten Lebensmonat erfolgen; viele Zentren operieren zwischen dem dritten und sechsten Monat. Entscheidend sind Allgemeinzustand, Narkosefähigkeit, Anatomie und Zentrumskonzept. Starre Regeln wie ein bestimmter Hämoglobinwert oder ein universelles Gewicht ersetzen keine individuelle anästhesiologische Beurteilung.

Techniknamen wie Millard, Tennison-Randall oder Pfeifer können in der Prüfung genannt werden. Wichtiger sind die Prinzipien:

  • symmetrischer Amorbogen und Lippenrot,
  • korrekte Rekonstruktion des M. orbicularis oris,
  • anatomischer Nasenboden,
  • Formung von Nasenflügel und Columella,
  • spannungsarmer Verschluss.

Die Literatur belegt keine pauschale Überlegenheit einer einzelnen Lippenplastik. Technik und Modifikation richten sich nach Befund und Erfahrung des Spaltchirurgen.

9.3 Gaumenrekonstruktion

Bei isolierter Gaumenspalte wird die gemeinsame Rekonstruktion von hartem und weichem Gaumen in einer Operation bevorzugt. Bei durchgehenden Fehlbildungen sind ein- und mehrzeitige Protokolle möglich. Die S3-Leitlinie legt keine für alle Spaltformen universell überlegene Schnitttechnik oder Operationssequenz fest.

Unabhängig von der Technik sind zentral:

  • zweischichtiger Verschluss des harten Gaumens mit nasaler und oraler Schicht,
  • sorgfältige Rekonstruktion und funktionelle Neuorientierung der velaren Muskulatur,
  • ausreichende Länge und Beweglichkeit des Gaumensegels,
  • Vermeidung unnötiger Spannung und ausgedehnter Narbenbildung.

Frühe Rekonstruktion kann Sprache und Tubenfunktion unterstützen; Operation und Narben können gleichzeitig das maxilläre Wachstum beeinflussen. Deshalb werden Zeitpunkt und Stufung im Spaltzentrum individuell festgelegt.

9.4 Mögliche Komplikationen

  • Wunddehiszenz und oronasale Fistel,
  • Infektion oder Blutung,
  • auffällige Narben und Lippenasymmetrie,
  • persistierende Nasendeformität,
  • velopharyngeale Insuffizienz,
  • maxilläre Wachstumshemmung und Kreuzbiss,
  • Bedarf an späteren funktionellen oder ästhetischen Korrekturen.
10 · HNO

Hören, Mittelohr und HNO-Behandlung

10.1 Audiologische Kontrolle

Jedes Kind nimmt am Neugeborenen-Hörscreening teil. Bei auffälligem Ergebnis folgt die reguläre pädaudiologische Bestätigungsdiagnostik. Auch bei unauffälligem Screening empfiehlt die S3-Leitlinie bei LKGF eine audiologische Kontrolle spätestens bis zum neunten Lebensmonat. Danach erfolgen risikoadaptierte Verlaufskontrollen.

10.2 Paukenröhrchen

Paukenröhrchen werden nicht prophylaktisch bei jedem Kind gelegt. Bei nachgewiesenem Paukenerguss beziehungsweise relevanter Hörminderung können sie vor oder im Rahmen der primären Rekonstruktion eingesetzt werden. Ohne Erguss und ohne Hörminderung soll auf eine Einlage verzichtet werden. Wiederholte Befunde können andere Röhrchentypen oder ein langfristigeres Konzept erforderlich machen.

10.3 Adenotomie und Tonsillenchirurgie

Der Satz „bei Spaltpatienten niemals Tonsillen entfernen“ ist falsch. Entscheidend ist die velopharyngeale Funktion. Eine Adenotomie kann den velopharyngealen Abschluss verschlechtern, weil adenoides Gewebe teilweise als Kontaktfläche dient. Bei rezidivierenden Paukenergüssen mit Hörminderung kann in Ausnahmefällen eine schonende partielle Adenotomie erwogen werden – nach HNO-, phoniatrisch-sprachlicher und spaltchirurgischer Abwägung.

Auch eine Tonsillenoperation ist keine automatische Kontraindikation, darf aber bei auffälliger Resonanz, VPI oder geplanter sprechverbessernder Operation nicht unreflektiert erfolgen. Indikation, Atemweg, Tonsillengröße und velopharyngeale Funktion müssen gemeinsam bewertet werden.

11 · Velopharynx

Sprache und velopharyngeale Insuffizienz

11.1 Diagnostik

Bei auffälliger Sprache werden unterschieden:

  • strukturell bedingte Hypernasalität oder Luftemission,
  • kompensatorisch erlernte Artikulationsfehler,
  • Hörverlust als Mitursache,
  • primäre Sprachentwicklungsstörung,
  • neuromotorische oder syndromale Faktoren.

Die Basis ist eine standardisierte auditiv-perzeptive Beurteilung durch erfahrene Sprachtherapie/Phoniatrie. Zur Sicherung einer VPI empfiehlt die S3-Leitlinie ergänzend eine Video-Nasopharyngoskopie. Nasometrie oder Multiview-Videofluoroskopie können je nach Fragestellung ergänzen.

11.2 Therapie

Sprachtherapie ist angezeigt bei fehlerhafter Artikulation, kompensatorischen Lautmustern sowie sprachlichen und funktionellen Störungen. Sie kann eine anatomisch zu große velopharyngeale Lücke nicht wegtrainieren.

Bei struktureller VPI kommen abhängig von Anatomie und Verschlussmuster beispielsweise infrage:

  • sekundäre Veloplastik,
  • Furlow-Z-Plastik,
  • Pharynxlappen,
  • Sphinkterpharyngoplastik,
  • selten prothetische Hilfen.

Die Auswahl erfolgt nach instrumenteller Funktionsdiagnostik. „Sprechverbessernde Operation“ bedeutet nicht, dass die Verständlichkeit sofort normal ist; häufig bleibt eine postoperative sprachtherapeutische Umlernphase notwendig.

12 · Wechselgebiss

Kieferorthopädie und sekundäre Kieferspaltosteoplastik

12.1 Kieferorthopädische Langzeitbetreuung

Kontrollen erfolgen über Milchgebiss, Wechselgebiss und permanente Dentition. Zu beurteilen sind:

  • Oberkieferbreite und Kreuzbiss,
  • sagittales Mittelgesichtswachstum,
  • Zahnzahl, Zahnform und Eruptionsweg,
  • Mittellinien und Zahnbogenkoordination,
  • parodontale Knochenhülle,
  • Notwendigkeit späterer Dysgnathiechirurgie.

Bei transversaler Enge wird der Oberkiefer vor einer geplanten Kieferspaltosteoplastik kieferorthopädisch ausgeformt. Wenn eine Erweiterung erforderlich ist, sollte sie nach der S3-Leitlinie mindestens sechs Monate vor der Osteoplastik begonnen werden.

12.2 Ziele der Kieferspaltosteoplastik

Die sekundäre Osteoplastik soll:

  • die Kontinuität des Alveolarfortsatzes herstellen,
  • den Durchbruch beziehungsweise die orthodontische Bewegung spaltnaher Zähne ermöglichen,
  • parodontale Knochenunterstützung schaffen,
  • Nasenboden und Nasenflügelbasis stabilisieren,
  • oronasale Restverbindungen verschließen,
  • spätere prothetische Optionen verbessern.

12.3 Richtiger Zeitpunkt

Ein starres Alter von „9 bis 11 Jahren“ ist nur eine grobe Orientierung. Maßgeblich ist die Zahnentwicklung. Die S3-Leitlinie empfiehlt die sekundäre Osteoplastik im Wechselgebiss zu einem Zeitpunkt, an dem der eingebrachte Knochen voraussichtlich innerhalb der folgenden 6 bis 18 Monate dental belastet wird – beispielsweise durch den Durchbruch eines spaltnahen permanenten Zahns oder seine orthodontische Bewegung in den Spaltbereich.

Der Entwicklungsstand von Eckzahn und gegebenenfalls lateralem Schneidezahn wird radiologisch beurteilt. Routinehafte primäre Knochenplastik im Säuglings- oder frühen Milchgebiss ist nicht das Standardkonzept.

12.4 Transplantat

Autologer Knochen, klassisch aus dem Beckenkamm, gilt in der deutschen S3-Leitlinie weiterhin als Referenzstandard. Andere Entnahmestellen oder Ersatzmaterialien können in ausgewählten Situationen eingesetzt werden; eine generelle Überlegenheit alternativer Materialien ist nicht belegt.

13 · Zahnmedizin

Zahnärztliche Langzeitversorgung

13.1 Prävention und Zahnerhalt

Mit Durchbruch der ersten Zähne beginnen regelmäßige Kontrollen. Wichtige Schwerpunkte sind:

  • altersgerechtes Fluorid- und Mundhygienekonzept,
  • Kariesrisiko und Schmelzdefekte,
  • Reinigung an Narben, Nischen, Platten und KFO-Apparaturen,
  • Gingiva und Parodont,
  • Vitalität und Eruption spaltnaher Zähne,
  • zurückhaltende Extraktionsentscheidung im Spaltbereich.

Spaltnahe Zähne werden nicht allein wegen Formabweichung oder Lage entfernt. Ihre Bedeutung für Knochen, Zahnbogen und spätere Lückenplanung muss zuvor interdisziplinär geklärt werden.

13.2 Fehlender lateraler Schneidezahn

Bei Nichtanlage bestehen grundsätzlich zwei Wege:

  1. orthodontischer Lückenschluss mit Mesialisierung des Eckzahns,
  2. Lückenöffnung für späteren prothetischen Ersatz.

Beide können gute Ergebnisse liefern. Entscheidend sind Maxillawachstum, Profil, Zahnform, Okklusion, Knochenangebot, Patientenvorliebe und Gesamtbelastung. Eine definitive Entscheidung darf nicht isoliert durch den Hauszahnarzt getroffen werden.

13.3 Prothetik und Implantate

Eine Implantation wird erst nach abgeschlossenem Wachstum, stabiler Kieferrelation und Beurteilung des rekonstruierten Knochenlagers geplant. Ist eine erneute Augmentation notwendig, werden Zeitpunkt von Graft, Implantat und prothetischer Belastung abgestimmt. Als substanzschonende Alternative können insbesondere einflügelige Adhäsivbrücken geeignet sein. Herausnehmbare Versorgungen dienen häufig als Interimslösung oder bei besonderen Defekten.

Bei ausgeprägter maxillärer Retrognathie hat die Dysgnathieplanung Vorrang vor definitiver Frontzahnprothetik oder Implantation.

14 · Kraniofaziale Medizin

Fehlbildungen, Sequenzen und Syndrome

14.1 Begriffe

Begriff Definition Beispiel
Fehlbildung angeborene strukturelle Abweichung eines Organs oder Körperteils Gaumenspalte
Sequenz eine primäre Störung löst eine Kette weiterer Veränderungen aus Robin-Sequenz
Syndrom charakteristische Kombination von Befunden mit gemeinsamer Ursache Van-der-Woude-Syndrom
Assoziation/Spektrum Befunde treten gehäuft zusammen auf, ohne dass jede Person alle Merkmale zeigt okulär-aurikulär-vertebrales Spektrum

14.2 Prüfungsrelevante Konstellationen

Erkrankung Leitbefunde Zahnärztlich-klinische Bedeutung
Robin-Sequenz Mikrognathie, Glossoptose und obere Atemwegsobstruktion; Gaumenspalte häufig, aber nicht zwingender Teil der Definition Atemweg und Ernährung zuerst; syndromale Ursache, besonders Stickler-Syndrom, abklären
Van-der-Woude-Syndrom meist paramediane Unterlippen-Grübchen/-Fisteln, Lippen- und/oder Gaumenspalte, mögliche Hypodontie; häufig IRF6-assoziiert Blickdiagnose kann Humangenetik auslösen; variable Ausprägung innerhalb einer Familie
22q11.2-Deletionssyndrom VPI, submuköse Gaumenspalte oder Uvula bifida; mögliche konotrunkale Herzfehler, Immundefizienz, Hypokalzämie und Entwicklungsprobleme vor Eingriffen Herz-, Immun- und Kalziumstatus beachten; Hypernasalität kann Leitsymptom sein
Treacher-Collins-Syndrom meist symmetrische Jochbein- und Unterkieferhypoplasie, Lid- und Ohrfehlbildungen, Schallleitungsschwerhörigkeit; möglicher Atemwegskonflikt Atemweg, Hören, Okklusion und Zahnentwicklung; Gaumenspalte möglich, aber nicht obligat
okulär-aurikulär-vertebrales Spektrum meist asymmetrische Unterkiefer-/Gesichtshypoplasie, Ohr- und gegebenenfalls Wirbelsäulenbefunde Asymmetrie, Kiefergelenk, Hören und Wachstum; LKGF nicht zwingend
Apert-Syndrom Kraniosynostose, Mittelgesichtshypoplasie und Syndaktylien Atemweg, Okklusion, Zahndurchbruch und komplexe kraniofaziale Therapie
Crouzon-Syndrom Kraniosynostose, Mittelgesichtshypoplasie und Exorbitismus ohne typische Extremitätenfehlbildung Augen- und Atemwegsrisiko, maxilläre Retrognathie
Pfeiffer-Syndrom Kraniosynostose, Mittelgesichtshypoplasie, breite Daumen und Großzehen variable Schwere; Atemweg und Hirndruck beachten

Oberarztlogik: Ein Syndromname darf nicht aus einem einzelnen Merkmal erraten werden. Beschreiben Sie den Phänotyp, priorisieren Sie Atemweg und Organrisiken und veranlassen Sie die fachärztliche sowie humangenetische Abklärung.

15 · Entscheidungswege

Klinische Entscheidungsalgorithmen

15.1 Neugeborenes mit Spaltfehlbildung

1
Atemweg, Sauerstoffsättigung und Zeichen einer Glossoptose prüfen.
2
Trinken, Schlucken, Hydratation und Gewicht beurteilen.
3
Lippe, Nase, Alveolus sowie harten und weichen Gaumen vollständig untersuchen.
4
Nach weiteren Fehlbildungen und syndromalen Hinweisen suchen.
5
Spaltzentrum, Pädiatrie, KFO sowie Ernährungsberatung einbinden.
6
Hörscreening sichern und Verlauf organisieren.
7
Eltern wertfrei informieren; keine Schuldzuweisung und keinen starren OP-Kalender versprechen.

15.2 Kind mit Hypernasalität

1
Hörstatus und Mittelohrbefund erheben.
2
Gaumen, Fistel und submuköse Spalte klinisch prüfen.
3
Auditiv-perzeptive Sprechbeurteilung durchführen.
4
Bei Verdacht auf VPI Video-Nasopharyngoskopie veranlassen.
5
Artikulationsfehler sprachtherapeutisch behandeln.
6
Bei strukturellem Defekt operative oder prothetische Option im Team planen.

15.3 Wechselgebiss mit Alveolarspalte

1
Zahnzahl, Entwicklungsstand und Durchbruchsweg spaltnaher Zähne feststellen.
2
Oberkieferbreite und Kreuzbiss analysieren.
3
Falls erforderlich, Expansion rechtzeitig vor der Osteoplastik beginnen.
4
Osteoplastik so planen, dass der Knochen innerhalb von 6 bis 18 Monaten dental belastet wird.
5
Danach Eruption beziehungsweise orthodontische Zahnbewegung kontrollieren.
6
Lückenschluss oder Lückenöffnung langfristig und interdisziplinär entscheiden.

Sofortige Red Flags: Apnoe, Zyanose, Stridor mit Einziehungen, rezidivierende Aspiration, Dehydratation, fehlende Gewichtszunahme, relevante Blutung nach Operation, rasch zunehmende Schwellung, schwere Infektion oder ein neu aufgetretener deutlicher Luft-/Nahrungsaustritt zwischen Mund und Nase erfordern unverzügliche ärztliche beziehungsweise klinische Abklärung.

16 · Prüfungsfallen

Typische Prüfungsfehler

  • „Jede Spalte ist eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte.“ – Falsch: Die anatomischen Komponenten müssen einzeln beschrieben werden.
  • „Primärer Gaumen bedeutet nur Lippe.“ – Falsch: Auch Prämaxilla und vorderer Alveolar-/Gaumenanteil gehören dazu.
  • „Die Alveolarfortsätze richten sich zur Gaumenbildung auf.“ – Falsch: Es sind die lateralen Gaumenplatten.
  • „Eine feste Altersliste gilt in jedem Zentrum.“ – Falsch: Spaltform, Entwicklung und Zentrumskonzept bestimmen die Sequenz.
  • „NAM verbessert sicher das Langzeitergebnis.“ – Nicht belegt; selektive Option.
  • „Eine Gaumenplatte normalisiert immer das Saugen.“ – Falsch; sie kann unterstützen, ersetzt aber keine Fütterdiagnostik.
  • „Paukenröhrchen bekommt jedes Kind prophylaktisch.“ – Falsch; Erguss und Hörbefund bestimmen die Indikation.
  • „Bei Spaltpatienten ist jede Tonsillenoperation verboten.“ – Falsch; interdisziplinäre Einzelfallentscheidung unter Beachtung der VPI.
  • „Kieferspaltosteoplastik immer mit neun Jahren.“ – Zu starr: Zahnentwicklung und zeitnahe dentale Belastung sind entscheidend.
  • „Logopädie schließt eine strukturelle VPI.“ – Falsch; sie korrigiert Sprechmuster, nicht den anatomischen Defekt.
  • „Der hypoplastische seitliche Schneidezahn muss entfernt werden.“ – Falsch; erst Gesamtplanung von KFO, Chirurgie und Prothetik.
17 · Prüfungsantwort

KP-Musterantwort in 90 Sekunden

„Lippen-Kiefer-Gaumen-Fehlbildungen sind angeborene Kontinuitätsstörungen von Lippe, Nase, Alveolarfortsatz sowie hartem und weichem Gaumen. Embryologisch trenne ich am Foramen incisivum den primären vom sekundären Gaumen. Lippen-Kiefer-Spalten entstehen durch eine gestörte Verbindung von Oberkiefer- und medialem Nasenfortsatz; Gaumenspalten durch gestörte Aufrichtung oder Fusion der lateralen Gaumenplatten.

Postnatal priorisiere ich Atemweg, Ernährung, Gewichtsentwicklung und die Suche nach Begleitfehlbildungen. Die Behandlung erfolgt langfristig im Spaltzentrum durch Pädiatrie, MKG-Chirurgie, Kieferorthopädie, HNO/Pädaudiologie, Logopädie und Zahnmedizin. Bei Hartgaumenbeteiligung kann früh eine Mund-Nasen-Trennplatte eingesetzt werden; NAM ist eine selektive Option.

Die Lippen- und Nasenrekonstruktion kann ab dem dritten Lebensmonat erfolgen. Für den Gaumen gibt es je nach Spaltform ein- oder mehrzeitige Konzepte; entscheidend sind der zweischichtige Hartgaumenverschluss und die Rekonstruktion der velaren Muskelschlinge. Hörkontrollen sind obligat, Paukenröhrchen aber nur bei entsprechender Indikation. Die sekundäre Kieferspaltosteoplastik erfolgt im Wechselgebiss so, dass der transplantierte Knochen innerhalb von sechs bis 18 Monaten durch Zahndurchbruch oder orthodontische Bewegung belastet wird. Langfristig sind Zahnerhalt, KFO, Sprachfunktion, Mittelgesichtswachstum und psychosoziale Betreuung entscheidend.“

18 · Prüfungstraining

KP-Prüferfragen mit präzisen Antworten

Was trennt primären und sekundären Gaumen?

Das Foramen incisivum. Der primäre Gaumen liegt anterior, der sekundäre Gaumen posterior davon.

Wie entsteht eine Lippenspalte?

Durch eine gestörte oder unvollständige Verbindung des Oberkieferfortsatzes mit dem medialen Nasenfortsatz auf der betroffenen Seite.

Wie entsteht eine Gaumenspalte?

Durch eine Störung von Wachstum, Aufrichtung oder Fusion der lateralen Gaumenplatten untereinander sowie ihrer Verbindung mit primärem Gaumen und Nasenseptum.

Welche Probleme sind bei Gaumenbeteiligung besonders relevant?

Erschwerte Unterdruckbildung beim Trinken, Tubenventilationsstörung mit Hörminderung, velopharyngeale Funktionsstörung, Sprechauffälligkeiten sowie spätere Zahn- und Kieferfehlstellungen.

Was ist die erste Priorität bei einer Robin-Sequenz?

Die Sicherung und Beurteilung des Atemwegs. Mikrognathie führt über Glossoptose zur möglichen oberen Atemwegsobstruktion; Ernährung und syndromale Abklärung folgen unmittelbar.

Was leistet eine Mund-Nasen-Trennplatte?

Sie trennt funktionell Mund- und Nasenraum, führt die Zungenlage und kann Kiefersegmente beziehungsweise die präoperative Situation günstig beeinflussen. Sie garantiert aber kein normales Saugvakuum.

Ist NAM bei jedem Kind erforderlich?

Nein. Es ist eine selektive prächirurgische Formung von Alveolarsegmenten und Nase. Mögliche ästhetische Vorteile müssen gegen Aufwand und begrenzte Langzeitevidenz abgewogen werden.

Wann wird die Lippe operiert?

Die primäre Lippen- und Nasenrekonstruktion kann nach deutscher S3-Leitlinie ab dem dritten Lebensmonat erfolgen; das konkrete Timing richtet sich nach Allgemeinzustand, Anatomie und Zentrum.

Was ist bei der Gaumenplastik funktionell entscheidend?

Der sichere mehrschichtige Verschluss und besonders die anatomische Rekonstruktion der velaren Muskelschlinge für den velopharyngealen Abschluss.

Bekommt jedes Kind Paukenröhrchen?

Nein. Die Indikation richtet sich nach Mittelohrerguss und Hörbefund. Ohne Erguss oder Hörminderung soll keine prophylaktische Einlage erfolgen.

Wie wird eine velopharyngeale Insuffizienz diagnostiziert?

Durch auditiv-perzeptive Sprechbeurteilung und zur Sicherung ergänzend Video-Nasopharyngoskopie; weitere Verfahren sind abhängig von der Fragestellung.

Wann erfolgt die Kieferspaltosteoplastik?

Im Wechselgebiss, wenn zu erwarten ist, dass der transplantierte Knochen innerhalb von sechs bis 18 Monaten durch Zahndurchbruch oder orthodontische Bewegung belastet wird.

Welches Transplantat gilt als Referenz?

Autologer Knochen, klassisch vom Beckenkamm, gilt nach aktueller deutscher S3-Leitlinie weiterhin als Referenzstandard.

Was ist typisch für das Van-der-Woude-Syndrom?

Paramediane Unterlippen-Grübchen oder -Fisteln in Kombination mit Lippen- und/oder Gaumenspalte; Hypodontie kann hinzukommen.

Welche orale Auffälligkeit kann auf eine 22q11.2-Deletion hinweisen?

Eine submuköse Gaumenspalte, Uvula bifida oder velopharyngeale Insuffizienz mit Hypernasalität, besonders zusammen mit Herzfehler, Immundefizienz oder Hypokalzämie.

19 · Kernaussagen

Zusammenfassung

  • LKGF sind heterogene angeborene Fehlbildungen, keine einheitliche Diagnose.
  • Das Foramen incisivum trennt primären und sekundären Gaumen.
  • Lippen-Kiefer- und Gaumenfehlbildungen entstehen in teilweise getrennten embryologischen Prozessen.
  • Atemweg, Ernährung und Begleitfehlbildungen haben beim Neugeborenen Priorität.
  • Die Versorgung gehört in ein multidisziplinäres Spaltzentrum und reicht häufig bis ins Erwachsenenalter.
  • Ein starrer, für alle Zentren gültiger Operationskalender ist fachlich falsch.
  • Lippen- und Nasenrekonstruktion kann ab dem dritten Lebensmonat erfolgen.
  • Bei der Gaumenrekonstruktion sind mehrschichtiger Verschluss und velare Muskelrekonstruktion entscheidend.
  • Mund-Nasen-Trennplatte ist häufig sinnvoll; NAM bleibt eine selektive Option.
  • Hörkontrollen sind notwendig; Paukenröhrchen werden nicht ohne Befund prophylaktisch eingesetzt.
  • Sprachtherapie behandelt Sprechmuster, schließt aber keine strukturelle VPI.
  • Die sekundäre Kieferspaltosteoplastik richtet sich nach Zahnentwicklung und bevorstehender dentaler Belastung, nicht nur nach Lebensalter.
  • Zahnerhalt und früh abgestimmte Lückenplanung sind für das Langzeitergebnis zentral.
  • Zusätzliche Fehlbildungen, Robin-Sequenz, ungewöhnliche Dysmorphie oder positive Familienanamnese begründen eine humangenetische Mitbeurteilung.
20 · Evidenz

Leitlinien und Quellen

  1. DGMKG/DGZMK: S3-Leitlinie „Therapie der Lippen-Kiefer-Gaumen-Fehlbildungen“, AWMF 007-038. Stand Mai 2024, veröffentlicht Januar 2025, gültig bis Mai 2029.
  2. DGKFO/DGZMK: S2k-Leitlinie „Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik“, AWMF 083-050. Stand Juni 2025, gültig bis Juni 2030.
  3. McDonald-McGinn DM et al.: 22q11.2 Deletion Syndrome. GeneReviews, aktualisiert 2025.
  4. Leslie EJ, Saal HM: IRF6-Related Disorders. GeneReviews.
  5. Barbosa M et al.: Treacher Collins Syndrome. GeneReviews, aktualisiert 2024.
  6. Wenger TL et al.: FGFR Craniosynostosis Syndromes Overview. GeneReviews.

Redaktioneller Stand: 15. August 2026. Operationsabläufe, Nachsorge und konkrete Therapieentscheidungen richten sich nach individuellem Befund, erfahrenem Spaltzentrum, aktueller Leitlinienversion und lokalen Standards.

Urheberrechtliche Transparenz: Das Kapitel wurde vollständig eigenständig formuliert. Es übernimmt keine fremden Abbildungen, Tabellen oder längeren Originalpassagen. Medizinische Tatsachen und leitlinienbasierte Handlungskonzepte werden in neuer Struktur und eigener Sprache zusammengefasst; die fachlichen Grundlagen sind verlinkt. Eine absolute rechtliche Nichtverletzungsgarantie kann nur eine individuelle juristische Prüfung geben.

Kapitel abgeschlossen

Embryologie, Atemweg und Ernährung, Spaltchirurgie, Hören, Sprache, Kieferspaltosteoplastik und Syndrome sind jetzt in einem prüfungssicheren Versorgungspfad verbunden.

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