Medikamente, Analgetika und Antibiotikatherapie
Vom Vorlesungsprinzip zur sicheren Prüfungsantwort: verständliche Wirkmechanismen, klinische Entscheidungen, Gedächtnisanker und laut lernbare Musterantworten – mit aktuellen Leitlinienkorrekturen.
Die sichere Entscheidung beginnt nicht beim Medikamentennamen
In der Kenntnisprüfung reicht es nicht, eine Substanz zu erkennen. Der Prüfer erwartet, dass aus Anamnese, Eingriff und Patientenrisiko ein nachvollziehbarer Behandlungsplan entsteht.
Strukturierte Medikamentenanamnese
Der Handelsname allein genügt nicht. Bei unklarem oder widersprüchlichem Medikationsplan werden Hausarzt, Kardiologie, betreuende Fachdisziplin oder Apotheke kontaktiert. Die Rücksprache und die vereinbarte Vorgehensweise gehören in die Dokumentation.
Pflichtangaben
- Wirkstoff und Handelsname, Dosis, Einnahmehäufigkeit und Zeitpunkt der letzten Dosis.
- Indikation und Therapiebeginn; bei antithrombotischer Therapie insbesondere Vorhofflimmern, venöse Thromboembolie, Schlaganfall, akutes Koronarsyndrom, Stent oder Herzklappenersatz.
- Mono-, duale oder kombinierte Therapie. Ein Antikoagulans plus Plättchenhemmer erzeugt ein anderes Risiko als eine Monotherapie.
- Nieren- und Leberfunktion, Thrombozytenzahl, bekannte Gerinnungsstörung und frühere spontane oder postoperative Blutungen.
- Allergie mit auslösendem Präparat, Reaktion, zeitlichem Verlauf, erforderlicher Behandlung und späterer erneuter Exposition.
- Selbstmedikation: Ibuprofen, Diclofenac, ASS, pflanzliche Mittel, Nahrungsergänzungen, Alkohol und Drogen.
- Adhärenz: ausgelassene, doppelte oder falsch terminierte Einnahmen können die Risikobeurteilung verändern.
Medikamentengruppen, die aktiv erfragt werden
| Gruppe | Zahnärztliche Bedeutung | Konkrete Nachfrage |
|---|---|---|
| Antikoagulanzien/Plättchenhemmer | Blutung und Thromboembolie | Indikation, letzte Dosis, Kombination, INR oder Nierenfunktion |
| Antiresorptiva/Antiangiogenese | MRONJ-Risiko | Substanz, onkologische oder osteologische Indikation, Applikationsweg, Dauer |
| Glukokortikoide/Immunsuppressiva | Infektion, Wundheilung, Nebenniereninsuffizienz | Dosis, Dauer, Transplantation, Chemotherapie, letzter Zyklus |
| Antidiabetika/Insulin | Hypoglykämie, Infektion, Wundheilung | Nahrungsaufnahme, Insulinplan, SGLT2-Hemmer, aktuelle Einstellung |
| Psychopharmaka | Interaktion, Blutung, QT-Zeit, Xerostomie | SSRI/SNRI, Trizyklika, Antipsychotika, Lithium |
| Antihypertensiva/Kardiaka | Synkope, Vasokonstriktorinteraktion, Xerostomie | Betablocker, Antiarrhythmika, Digoxin, Blutdruckkontrolle |
Primäre und sekundäre Hämostase
| Ebene | Funktion | Medikamente | Blutungsmuster | Laborgrenze |
|---|---|---|---|---|
| Primäre Hämostase | Thrombozytenadhäsion/-aggregation | ASS, Clopidogrel, Prasugrel, Ticagrelor | Frühe, flächige Schleimhautblutung | INR/aPTT bilden die Wirkung nicht ab |
| Sekundäre Hämostase | Fibrinbildung | VKA, DOAK, Heparine | Nachblutung und Hämatom | INR nur für VKA; Routineparameter quantifizieren DOAK nicht zuverlässig |
Prüfungsrelevant: Ein normaler INR schließt weder eine wirksame Plättchenhemmung noch eine klinisch relevante DOAK-Wirkung aus. Spezielle Tests gehören bei dringlicher komplexer Situation in spezialärztliche Hände.
Blutungswahrscheinlichkeit und Blutungsfolge getrennt bewerten
Eine kleine Wunde kann an einer nicht komprimierbaren Stelle gefährlicher sein als eine größere, gut zugängliche Extraktionsalveole. Deshalb entscheidet nicht allein die Zahl der Zähne.
| Kategorie | Beispiele | Planung |
|---|---|---|
| Minimale Blutung | Untersuchung, Röntgen, Prothese, supragingivale Maßnahmen, Infiltrationsanästhesie | Medikation unverändert |
| Niedriges Komplikationsrisiko | Einfache Extraktion von 1–3 Zähnen, oberflächliche Inzision, begrenztes subgingivales Debridement | Therapie meist fortführen; morgens, atraumatisch, lokale Hämostase |
| Höheres Risiko | Komplexe/mehrere Extraktionen, Lappenbildung, Osteotomie, Implantation, Parodontalchirurgie, größere Biopsie | Etappierung, konkreter DOAK-Plan, Naht und Packing |
| Hohe Blutungsfolge | Mundboden, retromaxillär, ausgedehnte nicht komprimierbare Region | Spezialisierte/stationäre Umgebung erwägen |
Risikoverstärker sind Nieren- oder Leberinsuffizienz, Thrombozytopenie, unkontrollierte Hypertonie, Kombinationstherapie, Alkoholabusus und frühere Blutung.
ASS, P2Y12-Hemmer und DAPT
ASS hemmt COX-1 irreversibel. Clopidogrel und Prasugrel blockieren den P2Y12-Rezeptor irreversibel, Ticagrelor reversibel. Für übliche dentoalveoläre Eingriffe wird eine Monotherapie grundsätzlich fortgeführt und die Blutung lokal kontrolliert.
Bei dualer Plättchenhemmung, insbesondere nach akutem Koronarsyndrom oder Koronarstent, ist eine eigenmächtige Unterbrechung besonders gefährlich. Ein elektiver Eingriff mit höherem Blutungsrisiko wird – wenn klinisch vertretbar – verschoben oder gemeinsam mit der Kardiologie geplant.
Phenprocoumon und Warfarin
VKA vermindern die Synthese der Faktoren II, VII, IX und X sowie der Proteine C und S. Die Steuerung erfolgt über den INR; der therapeutische Zielbereich hängt von der Indikation ab.
- INR üblicherweise 24–48 Stunden präoperativ bestimmen; bei instabilen Werten kurzfristiger.
- Der INR soll im individuellen therapeutischen Bereich liegen, nicht künstlich normalisiert werden.
- Typische dentoalveoläre Eingriffe sind unter fortgeführtem VKA und lokaler Hämostase bei INR <4 grundsätzlich möglich.
- Bei INR ≥4 keinen elektiven chirurgischen Eingriff durchführen; Einstellung ärztlich klären.
- Keine eigenständige Dosisreduktion, kein eigenständiges Vitamin K, kein Routine-Bridging.
KP-Satz: „Ich benötige keinen normalen INR, sondern einen aktuellen Wert im therapeutischen Zielbereich. Bei INR ab 4 verschiebe ich den elektiven Eingriff.“
Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban und Dabigatran
| Wirkstoff | Wirkziel | Frequenz | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Apixaban | Faktor Xa | meist 2-mal täglich | Niere, CYP3A4/P-gp |
| Rivaroxaban | Faktor Xa | häufig 1-mal täglich | Morgen-/Abendeinnahme unterscheiden |
| Edoxaban | Faktor Xa | 1-mal täglich | Niere, P-gp |
| Dabigatran | Thrombin/Faktor IIa | meist 2-mal täglich | stark nierenabhängig |
Konkreter dentaler Algorithmus
| Situation | Vor dem Eingriff | Wiederaufnahme |
|---|---|---|
| Niedriges Risiko | DOAK in der Regel nicht unterbrechen; früh am Tag behandeln | Reguläres Schema bei stabiler Hämostase |
| Höheres Risiko: Apixaban/Dabigatran | Morgendosis auslassen | Abenddosis regulär, frühestens 4 Stunden nach sicherer Hämostase |
| Höheres Risiko: Rivaroxaban/Edoxaban morgens | Morgendosis verschieben | Frühestens 4 Stunden nach Hämostase; Folgetag regulär |
| Rivaroxaban/Edoxaban regulär abends | Präoperativ meist keine Änderung | Abends regulär, nicht früher als 4 Stunden nach Hämostase |
Dieses Schema gilt nicht blind bei eingeschränkter Nierenfunktion, unbekannter Einnahme, Kombinationstherapie, akuter Nierenschädigung oder großer Operation. Häufig ist die Kreatinin-Clearance nach Cockcroft-Gault maßgeblicher als ein unkritisch übernommener eGFR-Wert.
Heparin und Bridging
Unfraktioniertes Heparin wird therapeutisch häufig über aPTT oder Anti-Xa überwacht. Bei niedermolekularem Heparin müssen Dosis, Indikation, Nierenfunktion und letzter Injektionszeitpunkt bekannt sein.
Bridging ist keine routinemäßige Blutungsvermeidung. Für typische Extraktionen, Osteotomien, Implantationen und umschriebene Weichgewebseingriffe ist es im Regelfall nicht erforderlich und kann Blutungen erhöhen. Eine bei großem Eingriff und sehr hohem Thromboembolierisiko notwendige Umstellung wird von der zuständigen Fachdisziplin geführt.
Lokale Hämostase – geplant, gezielt und überprüft
- Morgentermin, begrenztes Operationsgebiet, ggf. Etappierung und erreichbare Nachsorge.
- Atraumatisch präparieren und Blutungsquelle unter Sicht identifizieren.
- Kollagen, Gelatine oder oxidierte Cellulose situationsgerecht verwenden; nicht blind überfüllen.
- Wundränder adaptierend ohne Spannung vernähen.
- Gezielte Kompression; Tranexamsäure nach lokalem Protokoll als getränkte Kompresse oder Mundspüllösung.
- Blutstillung vor Entlassung aktiv kontrollieren.
Leitungsanästhesien sind nicht pauschal verboten. Aspirierende Technik, geringe Traumatisierung und individuelle Blutungssituation beachten; bei tiefer nicht komprimierbarer Region eine gleichwertige Alternative prüfen.
Nachblutung: vom lokalen Befund bis zum Notfall
Antidote und Gerinnungsfaktoren
| Medikament | Reversion bei schwerer Blutung | Konsequenz |
|---|---|---|
| VKA | Vitamin K + 4-Faktor-PCC je nach Schwere | Notfallklinisch; nicht zur elektiven Praxiskorrektur |
| Dabigatran | Idarucizumab | Klinik/Notfallmedizin |
| Apixaban/Rivaroxaban | Andexanet alfa ausgewählt; ggf. PCC nach Fachstandard | Spezialärztliche Entscheidung |
| Unfraktioniertes Heparin | Protamin | Klinisches Management |
| LMWH | Protamin nur teilweise wirksam | Klinisches Management |
Patientenanweisung: 30–60 Minuten fest auf Kompresse beißen; nicht spülen, saugen oder rauchen; kein Alkohol, Sport, Sauna oder heiße Speisen am Behandlungstag. Bei erneuter starker Blutung sofort Praxis/Notdienst.
Source control ist die kausale Therapie
Odontogene Infektionen sind meist polymikrobiell. Im avaskulären Abszesszentrum wirkt eine Antibiose eingeschränkt. Sie ersetzt weder Inzision und Drainage noch die Beseitigung der Ursache.
| Kategorie | Befund | Therapie |
|---|---|---|
| Lokal ohne Ausbreitung | Umschrieben, zugänglich, kein relevanter AZ-Verlust | Chirurgische Entlastung + Herdsanierung; meist keine systemische Antibiose |
| Mit Ausbreitungstendenz | Progredient/diffus, Kieferklemme, Dysphagie, angehobener Mundboden, kloßige Sprache | Umgehend chirurgisch + systemische Antibiose; ambulant/stationär nach Risiko |
| Komplikation | Atemweg, Orbita, Sepsis, Mediastinum, nekrotisierende Fasziitis | Sofortige interdisziplinäre stationäre Notfallversorgung |
Die Ursache wird wenn möglich gleichzeitig oder im Therapieverlauf endodontisch behandelt oder extrahiert. Ein Drain ersetzt keine Herdsanierung.
Red Flags, Bildgebung und Mikrobiologie
Sofortige Klinikeinweisung
- Dyspnoe, Stridor, Zyanose oder Speichel kann nicht geschluckt werden.
- Angehobener/brettharter Mundboden, kloßige Sprache, beidseitige submandibuläre/sublinguale Ausbreitung.
- Ausgeprägte Kieferklemme, tiefe Halslogen oder nicht durchtastbarer Unterkieferrand.
- Tachykardie, Tachypnoe, Hypotonie, Verwirrtheit, Dehydratation oder rasche Verschlechterung.
- Orbitazeichen, neurologische Symptome, Mediastinitisverdacht oder relevante Immunsuppression.
Bei Atemwegsgefährdung stehen Atemweg, Rettungsdienst und Alarmierung von MKG/HNO/Anästhesie vor Routinebildgebung.
Bildgebung
Dentalröntgen dient der Herdsuche; Ultraschall kann oberflächliche Einschmelzung zeigen. Bei tiefer Halsraumausbreitung oder Komplikation ist häufig Kontrastmittel-CT entscheidend. DVT zeigt knöcherne Strukturen gut, ersetzt aber nicht automatisch die Weichteildiagnostik.
Mikrobiologie
Bei Ausbreitung, Komplikation, Immunsuppression oder Therapieversagen Material für Erreger und Resistenz gewinnen; Punktat/intraoperatives Gewebe ist einem Oberflächenabstrich vorzuziehen. Bei Sepsisverdacht Blutkulturen vor Antibiose, sofern die Therapie nicht verzögert wird.
Erst Herd sanieren, dann begründet antibiotisch behandeln
1. Gezielt oder kalkuliert?
| Therapieform | Wie entscheide ich? | Was folgt? |
|---|---|---|
| Gezielt | Erreger plus Empfindlichkeit sind bekannt: Kultur, Identifizierung und Antibiogramm/Agar-Diffusionstest. | Das schmalste sicher wirksame Antibiotikum wählen. |
| Kalkuliert | Behandlungsbeginn vor dem mikrobiologischen Ergebnis anhand von Klinik, typischer aerob-anaerober Mischflora, Resistenzlage, Leitlinie und Patientenrisiko. | Engmaschig kontrollieren; nach Befund gezielt anpassen oder deeskalieren. |
Für dentale Mikrobiologie sind tiefes Punktat oder intraoperatives Gewebe geeigneter als ein oberflächlicher Abstrich. Ein Ergebnis braucht meist mehrere Tage; bei Anaerobiern kann es länger dauern.
2. Antibiotikagruppen nach Angriffspunkt
| Angriffspunkt | Gruppe und Beispiele | Merkwirkung |
|---|---|---|
| Zellwand | β-Laktame: Penicilline wie Amoxicillin/Ampicillin; Cephalosporine wie Cefalexin, Cefazolin, Ceftriaxon | Bakterizid – die Bakterienzelle verliert ihre stabile Wand. |
| Ribosom/Proteinbiosynthese | Tetracycline: Doxycyclin; Makrolide: Azithromycin, Roxithromycin, Clarithromycin; Lincosamide: Clindamycin | Überwiegend bakteriostatisch – Vermehrung wird gebremst. |
| Nukleinsäuren | Fluorchinolone: Moxifloxacin; Nitroimidazole: Metronidazol | Bakterizid. Metronidazol wirkt vor allem gegen obligate Anaerobier. |
„Bakterizid“ bedeutet Abtötung, „bakteriostatisch“ Wachstumshemmung. Die Einteilung allein bestimmt aber nicht die Auswahl: Infektionsort, Mischflora, Resistenz, Herdsanierung und Patient sind wichtiger.
3. Warum Amoxicillin plus Clavulansäure?
β-Laktamasebildner finden sich unter grampositiven und gramnegativen Keimen; Folienbeispiele sind Staphylococcus aureus/epidermidis, Bacteroides fragilis, Haemophilus influenzae und Escherichia coli. Für odontogene Infektionen zählt klinisch die polymikrobielle aerob-anaerobe Flora.
| Situation | Lernbeispiel Erwachsene | Prüfungsgrenze |
|---|---|---|
| Ausbreitende ambulante Infektion, orale Therapie möglich | Amoxicillin/Clavulansäure nach Präparat und Fachinformation; 875/125 mg häufig alle 12 Stunden, bei zugelassenem höherem Schema alle 8 Stunden | Keine Einheitsdosis: Schwere, Präparat, Nieren-/Leberfunktion, Allergie und Gewicht prüfen. |
| Schwere/stationäre Infektion | z. B. Ampicillin/Sulbactam i.v. nach Klinikstandard | Atemweg, Operation/Drainage, Flüssigkeit, Sepsisdiagnostik und Monitoring haben Vorrang. |
| Begründeter Verdacht auf echte Penicillinallergie | Clindamycin als kalkulierte Alternative nach aktueller S3, z. B. 300–600 mg alle 8 Stunden nach Fachinformation | Hohe Resistenz- und Nebenwirkungsbelastung; mikrobiologisch untersuchen und früh gezielt umstellen. |
| Anaerobe Ergänzung | Metronidazol in ausgewählten Kombinationen | Nicht als pauschale Monotherapie einer odontogenen Mischinfektion. |
4. Ausweichantibiotika: Clinda – Makrolid – Moxi
| Wirkstoff | Was aus der Vorlesung bleibt | Sicherheitsanker |
|---|---|---|
| Clindamycin | Wirkt gegen viele grampositive und anaerobe Erreger; ist nicht „außergewöhnlich knochengängig“. Nur bei begründetem Verdacht auf Penicillinallergie kalkuliert einsetzen. | Übelkeit/Diarrhö, hohes C.-difficile-Risiko und relevante Resistenz. Mit vollem Glas Wasser in aufrechter Haltung schlucken; nach Mikrobiologie früh gezielt umstellen. Für Endokarditis- und perioperative Prophylaxe nicht mehr Standard. |
| Azithro-/Roxithromycin | In älteren Lehrschemata Alternativen bei Penicillinunverträglichkeit; Präparat und aktuelle Leitlinie entscheiden. | QT-Verlängerung und Interaktionen beachten. Bei Amiodaron, Sotalol, Haloperidol, Citalopram/Escitalopram oder weiteren QT-Verlängerern keine unkritische Kombination. |
| Moxifloxacin | Fluorchinolon, nur begründete Reserve/Ausnahme – nicht für eine milde oder selbstlimitierende Infektion. | Sehnenentzündung/-ruptur, Muskeln/Gelenke, periphere Neuropathie und ZNS-Effekte, QT-Verlängerung sowie Aortenaneurysma/-dissektion. Besonders zurückhaltend bei älteren Menschen, Nierenerkrankung, Transplantation oder systemischen Glukokortikoiden. |
5. Antibiotikaassoziierte Diarrhö: harmlos oder gefährlich?
Besonders relevant sind Clindamycin, Aminopenicilline, Cephalosporine und Fluorchinolone. Probiotika werden in der Praxis verwendet, die Evidenz ist jedoch präparate- und situationsabhängig; sie ersetzen keine Diagnostik. Wenn sie eingesetzt werden, lautet der Folienmerker: etwa zwei Stunden Abstand zum Antibiotikum; zusätzlich die konkrete Produktinformation beachten. Bei Verdacht auf schwere infektiöse Kolitis keine Peristaltikhemmer eigenmächtig nehmen; das auslösende Antibiotikum und eine spezifische Therapie werden ärztlich neu bewertet.
6. Parodontitis und „modifizierter Van-Winkelhoff-Cocktail“
Systemische Antibiotika sind bei Parodontitis nur adjuvant zur konsequenten subgingivalen Instrumentierung, Mundhygiene und Kontrolle vorgesehen – nicht als Ersatz für die mechanische Therapie. Der Einsatz ist auf ausgewählte schwere, rasch progrediente Konstellationen zu begrenzen.
| Kursbegriff | In der Vorlesung genannte Antwort | Einordnung |
|---|---|---|
| Modifizierter Van-Winkelhoff-Cocktail | Amoxicillin 500 mg plus Metronidazol 400 mg, jeweils 3-mal täglich für 7 Tage | Klassische adjuvante Lernkombination; ursprüngliche niedrigere Kombination 375/250 mg wird nicht mehr gelehrt. Aktuelle parodontologische Leitlinie/Fachinformation und individuelle Indikation prüfen. |
| Penicillinallergie | Metronidazol 500 mg 2-mal täglich für 7–10 Tage als Folienalternative | Wirkt fast nur gegen Anaerobier; nicht auf odontogene Mischinfektionen übertragen. Metallgeschmack, Übelkeit, Neuropathie und relevante Interaktionen beachten. |
7. Antibiotika in der Schwangerschaft
| Priorität | Wirkstoffe | Prüfungsantwort |
|---|---|---|
| Bevorzugt | Penicilline, besonders Amoxicillin; je nach Indikation Cephalosporine | Beste und umfangreiche Erfahrungsbasis. Amoxicillin/Clavulansäure ist grundsätzlich möglich; Sonderkonstellationen wie vorzeitiger Blasensprung gesondert bewerten. |
| Wenn erforderlich | Azithromycin/Makrolid; Clindamycin zweite Wahl; Metronidazol nach kritisch geprüfter Indikation | Nicht pauschal „verboten“, aber bessere Alternativen und konkrete Indikation prüfen. |
| Möglichst vermeiden | Tetracycline, Fluorchinolone, Cotrimoxazol; Aminoglykoside nur bei schwerer Spezialindikation | Tetracycline: Zähne/Knochen; Fluorchinolone: Gelenkknorpel und Klassentoxizität; Cotrimoxazol: Folsäurestoffwechsel; Aminoglykoside: Ototoxizität. |
Bei jeder Schwangerschaft gelten: Infektion tatsächlich behandlungsbedürftig? Herdsanierung möglich? Trimenon, Dosis, Dauer, Allergie und Begleitmedikation prüfen. Für die aktuelle individuelle Bewertung ist Embryotox eine zentrale deutschsprachige Referenz.
8. Kontrolle und Therapieversagen
Bei relevanter odontogener Infektion Kontrolle typischerweise innerhalb von 24–48 Stunden, bei schwerem Befund früher. Bei fehlender Besserung nicht reflexhaft nur das Antibiotikum wechseln oder verlängern: Diagnose, Drainage/Entlastung, Herdsanierung, Adhärenz, Dosisintervall, Resistenz, Fremdkörper, Immunsuppression und tiefe Ausbreitung erneut prüfen.
Dosierungen und Zusatzpunkte der Vorlesungsfolien
- Älteres Amoxicillin-Schema der Folie: je nach Schwere 500 mg, 750 mg oder 1 g dreimal täglich für 7 Tage; vor Verordnung Penicillinallergie und Organfunktion prüfen. Die aktuelle S3-Einordnung mit möglichem β-Laktamase-Inhibitor hat Vorrang.
- Amoxicillin/Clavulansäure: Folienbeispiel 875/125 mg zweimal täglich, Steigerung auf dreimal täglich möglich; häufig Diarrhö, außerdem mögliche Erhöhung von ALT/GPT und AST/GOT.
- Clindamycin: Folienbereich 1.200–1.800 mg/Tag auf 3–4 Dosen verteilt, z. B. 4-mal 300 mg oder 3-mal 600 mg. Nicht wegen angeblich außergewöhnlicher Knochengängigkeit wählen.
- Roxithromycin: Folienbeispiel 150 mg alle 12 Stunden; die angegebene Dauer von mindestens 7 Tagen bzw. länger bei Streptokokken ist kein universelles Dentalschema. Aktuelle Indikation, Fachinformation, QT- und Interaktionsrisiko entscheiden.
- Moxifloxacin: laut Folie nur Ausnahme; die Aktivität gegen Anaerobier ersetzt keine rationale Spektrumswahl und keine Herdsanierung.
- C.-difficile-Kolitis: ältere Folien nennen Metronidazol, Vancomycin oder Fidaxomicin. Aktuelle Leitlinien bevorzugen je nach Situation Fidaxomicin oder Vancomycin; Diagnostik und Therapie gehören ärztlich geführt, nicht als zahnärztliche Selbstbehandlung.
- Weitere Schwangerschaftspunkte der Folie: Fosfomycin wird als weitgehend unbedenklich genannt; Nitrofurantoin wird perinatal wegen Hämolyserisiko gemieden. Beide sind keine typischen Dentalantibiotika. Aminoglykoside sind schweren Spezialindikationen vorbehalten.
Erst Reaktion charakterisieren, dann Alternative wählen
| Anamnese | Einordnung | Konsequenz |
|---|---|---|
| Nur Übelkeit, Bauchschmerz oder Diarrhö | Eher Nebenwirkung als IgE-Allergie | Nicht automatisch alle β-Laktame sperren. |
| Urtikaria, Angioödem, Bronchospasmus oder Kreislaufreaktion kurz nach Einnahme | Unmittelbare Allergie möglich | Penicillin meiden; Kreuzreaktion/Alternative fachlich bewerten. |
| Schwere verzögerte Haut-, Schleimhaut- oder Organreaktion | Schwere T-Zell-Reaktion möglich | β-Laktame nicht unkritisch geben; allergologisch/fachärztlich abklären. |
Die S3-Leitlinie 2026 empfiehlt eine strukturierte Risikostratifizierung, zum Beispiel mit PEN-FAST, um falsche Allergieetiketten und unnötiges Clindamycin zu vermeiden. Für die kalkulierte Therapie odontogener Infektionen soll Clindamycin nur bei begründetem Verdacht auf Penicillinallergie eingesetzt und nach mikrobiologischer Diagnostik früh gezielt umgestellt werden.
Prophylaxe nur bei Hochrisikopatient plus Risikoeingriff
Für die deutsche KP ist die ESC/DGK-Systematik maßgeblich; keine allgemeine „Herzpatienten-Antibiose“.
Hochrisikokonstellationen
- Frühere infektiöse Endokarditis.
- Chirurgische/transkatheter Klappenprothese oder prothetisches Material zur Klappenrekonstruktion.
- Bestimmte angeborene Herzfehler, besonders unkorrigierte zyanotische Vitien sowie korrigierte Vitien mit prothetischem Material und Residualdefekt.
- Linksventrikuläres Unterstützungssystem nach aktueller europäischer Einordnung.
Koronarstent, Herzschrittmacher, isolierter Mitralklappenprolaps oder Gelenkprothese allein begründen keine Endokarditisprophylaxe. Bei Herztransplantation aktuellen kardialen Befund prüfen.
Risikoeingriffe
Manipulation an Gingiva/periapikaler Region oder Mukosaperforation, z. B. Extraktion, Parodontalchirurgie, subgingivales Scaling, Implantation, WSR oder Replantation. Keine Routineprophylaxe bei Röntgen, oberflächlicher Karies, KFO-Anpassung oder Injektion durch nicht infiziertes Gewebe.
| Situation | Erwachsene | Kinder | Zeitpunkt |
|---|---|---|---|
| Standard oral | Amoxicillin 2 g p.o. | 50 mg/kg, max. 2 g | 30–60 min vorher |
| Oral nicht möglich | Ampicillin 2 g i.m./i.v. | 50 mg/kg, max. 2 g | 30–60 min vorher |
| Weitere parenterale Alternative | Cefazolin oder Ceftriaxon 1 g i.m./i.v. | 50 mg/kg, max. 1 g | 30–60 min vorher |
| Allergie ohne Anaphylaxie/Angioödem/Urtikaria | Cephalexin 2 g p.o. möglich | 50 mg/kg, max. 2 g | 30–60 min vorher |
| Schwere unmittelbare β-Laktamallergie | Azithromycin/Clarithromycin 500 mg; alternativ Doxycyclin 100 mg nach Leitlinie | Makrolid 15 mg/kg, max. 500 mg; Doxy alters-/gewichtsabhängig | 30–60 min vorher |
Clindamycin ist keine bevorzugte Standardalternative mehr. Cephalosporine werden bei vorausgegangener Anaphylaxie, Angioödem oder Urtikaria nach Penicillin/Ampicillin nicht eingesetzt. Wurde eine notwendige Prophylaxe vergessen, kann sie nach bestimmten Empfehlungen bis zwei Stunden danach nachgeholt werden – Ausnahme, nicht Planung. Bei bereits laufendem Antibiotikum aus derselben Klasse Auswahl anpassen.
Was „Medikamente“ zusätzlich umfasst
Antiresorptiva und Antiangiogenese
Bisphosphonate, Denosumab und bestimmte Tumortherapien erhöhen das MRONJ-Risiko. Indikation, Dosis, Weg, Dauer, Begleittherapie, Infektion und Eingriffsumfang entscheiden. Einen „drug holiday“ nicht eigenständig verordnen; er verhindert MRONJ nicht sicher. Vor onkologischer Hochdosistherapie ist dentale Sanierung wichtig.
Glukokortikoide
Langfristige/hoch dosierte Steroide erhöhen Infektions- und Wundheilungsrisiko und können die Nebennierenachse supprimieren. Dosis, Dauer und Stressdosisplan erfragen; nicht abrupt absetzen.
Immunsuppression, Chemotherapie, Transplantation
Blutbild, Neutrophile, Thrombozyten, Organfunktion und Therapiezyklus können die Behandlungsfähigkeit bestimmen. Elektive invasive Maßnahmen abstimmen. Neutropenisches Fieber ist zeitkritisch; bei Immunsuppression kann Fieber trotz Gefahr fehlen.
Diabetesmedikation
Möglichst nach normaler Mahlzeit und regulärer Medikation behandeln, sofern kein geplantes Nüchternregime besteht. Bei Sedierung/Nüchternheit Plan ärztlich anpassen. SGLT2-Hemmer sind wegen euglykämischer Ketoazidose bei Fasten/Krankheit relevant.
Psychopharmaka und Kardiaka
SSRI/SNRI können mit Antithrombotika/NSAR Blutungen verstärken. Trizyklika, nichtselektive Betablocker, Antiarrhythmika und Antipsychotika sind für Vasokonstriktoren, Blutdruck oder QT relevant. Lithium interagiert mit NSAR und Dehydratation.
Vier Angriffspunkte, zwei Hauptgruppen, drei WHO-Stufen
Vier Möglichkeiten der medikamentösen Schmerzbeeinflussung
Systematik mit den Prüfungsbeispielen
| Hauptgruppe | Untergruppe | Beispiele |
|---|---|---|
| Nichtopioide | Salicylsäurederivat | Acetylsalicylsäure (ASS) |
| Essigsäurederivat | Diclofenac | |
| Propionsäurederivate | Ibuprofen, Naproxen, Flurbiprofen | |
| Coxibe | Celecoxib, Etoricoxib | |
| Andere Nichtopioide | Paracetamol, Metamizol-Natrium | |
| Opioide | Traditionell mittelstark/WHO II | Tilidin, Tramadol, Codein |
| Stark/WHO III | Morphin, Fentanyl, Oxycodon, Hydromorphon, Pethidin, Tapentadol, Buprenorphin, Piritramid |
WHO-Stufenplan
Das Schema wurde ursprünglich für Tumorschmerzen entwickelt. Es ordnet die medikamentöse Analgesie eskalierend; für akute dentale Schmerzen ist es ein Denkmodell, keine automatische Verordnungsschablone.
| Stufe | Prinzip | Beispiele |
|---|---|---|
| I | Nichtopioid | Ibuprofen, Naproxen, Paracetamol, Metamizol |
| II | Nichtopioid plus traditionell schwächeres Opioid | Tilidin, Tramadol oder Codein |
| III | Nichtopioid plus starkes Opioid | Morphin oder Fentanyl |
- Stufe II oder III wird mit einem Nichtopioid kombiniert, wenn dieses geeignet ist: synergistische bzw. opioidsparende Wirkung.
- Keine Kombination eines schwachen und eines starken Opioids nur wegen der Stufenzuordnung.
- Chronischer Schmerz: klassisch eskalierend. Nach großer Operation kann deeskaliert werden – in der Zahnmedizin startet man aber nicht routinemäßig mit WHO III.
- Supportiv: bei Opioiden Laxanzien zur Obstipationsprophylaxe/-therapie; bei neuropathischem Schmerz geeignete Koanalgetika.
Analgetische Potenz
Die Potenz beschreibt die Dosis, die im Verhältnis zu einer Referenz für eine äquianalgetische Wirkung nötig ist; Morphin wird traditionell mit 1 gesetzt. Sie hängt unter anderem von Rezeptoraffinität und intrinsischer Aktivität ab. Eine Potenz von 2 bedeutet vereinfacht: ungefähr die halbe Dosis für vergleichbare Wirkung – die reale Umrechnung ist aber abhängig von Applikationsweg, Patient, Dosis und unvollständiger Kreuztoleranz.
Potenzbeispiele der Vorlesungsfolie
Orientierungswerte relativ zu Morphin = 1: Oxycodon 2, Hydromorphon 7,5, Fentanyl etwa 120, Buprenorphin etwa 70, Sufentanil etwa 1.000; Piritramid 0,7, Tapentadol 0,6, Pethidin/Tilidin 0,2 und Tramadol 0,1. Die Folie nennt außerdem Metamizol 0,1, ASS 0,003 und Etorphin etwa 3.000 als veterinärmedizinisches Immobilisationsmittel.
Nicht zur selbständigen Umrechnung: Solche Tabellen variieren nach Quelle und Applikationsweg. Für Opioidwechsel braucht es validierte Äquivalenztabellen, Reduktion wegen unvollständiger Kreuztoleranz und klinische Überwachung.
COX-1 schützt – COX-2 schmerzt: nützlich, aber bewusst vereinfacht
Phospholipase A2 setzt Arachidonsäure aus Zellmembranen frei. Cyclooxygenasen bilden daraus Prostaglandine, Prostacyclin und Thromboxan. Die Hemmung erklärt gleichzeitig Wirkung und Nebenwirkung.
| Enzym/Produkt | Physiologische Rolle | Folge der Hemmung |
|---|---|---|
| COX-1 → gastroprotektive Prostaglandine | Schleimhaut-/Bikarbonatschutz und Durchblutung des Magens | Erosion, Ulkus, Blutung; Essen verhindert diese systemische Wirkung nicht. |
| COX-1 → renale Prostaglandine | Dilatation des Vas afferens, Nierendurchblutung, Natrium-/Wasserhaushalt | Nierenfunktionsstörung, Retention, Ödeme und Blutdruckanstieg. |
| COX-1 → Thromboxan A2 | Vasokonstriktion und Thrombozytenaggregation | Reversible Plättchenhemmung durch viele NSAR; irreversible Hemmung durch ASS. |
| Induzierte COX-2 am Entzündungsort | Prostaglandine sensibilisieren Nozizeptoren, fördern Fieber und Entzündung | Analgesie, Antipyrese und Antiphlogese. |
| Endotheliales Prostacyclin vs. Thromboxan | Gefäß- und Thrombozytenbalance | Selektive COX-2-Hemmung kann die Balance prothrombotisch verschieben. |
Warum Ibuprofen und Etoricoxib unterschiedliche Risiken haben
Ibuprofen hemmt COX-1 und COX-2: die COX-2-Hemmung lindert entzündlichen Schmerz, die COX-1-Hemmung vermindert Magen-, Nieren- und Plättchenschutz. Etoricoxib hemmt COX-2 selektiver: weniger COX-1-bedingte GI-/Plättchenwirkung, aber kein risikofreier Magen und ein ungünstigeres thrombotisch-kardiovaskuläres Profil bei prädisponierten Patienten.
| Wirkstoff | Rolle/Dosisanker | Was ich prüfen muss |
|---|---|---|
| Ibuprofen | Häufig erste Wahl bei entzündlichem Zahnschmerz; 400 mg als übliche analgetische Einzeldosis, Intervall mindestens 6 Stunden. Höhere Tagesdosen nur verordnet und kurz; 2.400 mg/Tag ist keine Routine-Selbstmedikation. | GI/Blutung, Niere, Herzinsuffizienz/Blutdruck, Antithrombotika, SSRI, Glukokortikoide, frühere NSAR-Reaktion, Schwangerschaft. |
| Ibuprofen-Lysin | Schnellere Resorption und möglicher schnellerer Wirkungseintritt. | Gleicher Wirkstoff, gleiche Höchstdosis und gleiche Risiken. |
| Etoricoxib | Spezielle dentale Zulassung: 90 mg einmal täglich, höchstens 3 Tage nach Zahnoperation. | KHK, Herzinsuffizienz, unkontrollierte/schwere Hypertonie und weitere kardiovaskuläre Risiken; Niere, GI und Schwangerschaft. PPI nur risikoadaptiert. |
| ASS | Nicht als zahnärztliches Analgetikum empfehlen. | Irreversible Thrombozytenhemmung erhöht die Blutungsneigung; eine kardiologisch verordnete Niedrigdosis-ASS trotzdem nie eigenmächtig absetzen. |
Analgetika-Asthma / NERD
COX-1-Hemmung kann bei disponierten Personen den Arachidonsäurestoffwechsel in Richtung Leukotriene verschieben. Das kann Bronchokonstriktion, Rhinitis und Urtikaria auslösen. Entscheidend ist eine frühere Reaktion auf ASS/NSAR oder die typische Kombination aus Asthma, chronischer Rhinosinusitis und Nasenpolypen; Asthma allein ist keine pauschale absolute Kontraindikation.
Kontraindikationen und Hochrisikokombinationen
- Aktives oder früheres rezidivierendes Ulkus, GI-Blutung oder Perforation; schwere entzündliche Darmerkrankung individuell bewerten.
- Gleichzeitige VKA/DOAK, zusätzliche ASS oder P2Y12-Hemmer: Blutungsrisiko deutlich erhöht.
- Systemische Glukokortikoide oder SSRI zusammen mit NSAR: oberes GI-Blutungsrisiko steigt.
- Schwere Nieren- oder Leberinsuffizienz, schwere Herzinsuffizienz, Dehydratation oder unkontrollierte Hypertonie.
- Frühere ASS-/NSAR-induzierte Reaktion.
- Schwangerschaft: ab Woche 20 nur nach strenger Indikation und kurz; im dritten Trimenon kontraindiziert. Die Folienformel „ab Woche 20 Ductusverschluss“ ist zu grob – Risiken betreffen insbesondere fetale Niere/Oligohydramnion und später den Ductus arteriosus.
Warum „nach dem Essen“ kein Magenschutz ist
Essen kann dyspeptische Beschwerden beeinflussen, verhindert aber nicht die systemische COX-1-Hemmung. Bei erhöhtem GI-Risiko braucht es eine andere Analgetikawahl oder eine echte Gastroprotektion; ein PPI hebt Nieren-, Herz- oder Blutungsrisiken nicht auf.
Paracetamol, Metamizol und Opioide – ein Nutzen, ein Hauptrisiko
| Wirkstoff | Nutzen und Dosisanker Erwachsene | Das darf ich nie vergessen |
|---|---|---|
| Paracetamol | Analgetisch und antipyretisch, praktisch nicht antiphlogistisch; 500–1.000 mg, frühestens alle 6 Stunden. 4 g/Tag ist nur die Obergrenze für geeignete Erwachsene, nicht für jeden Patienten. | Leber. Alle Kombipräparate mitzählen; geringere Grenze bei Lebererkrankung, Alkohol, Mangelernährung oder niedrigem Gewicht. Überdosierung → NAPQI → Lebernekrose; Antidot N-Acetylcystein. |
| Metamizol | Starkes Nichtopioid, zusätzlich antipyretisch und spasmolytisch; 500–1.000 mg bis zu 4-mal täglich, maximal 4 g/Tag. Prodrug mit peripheren und zentralen Effekten; Mechanismus nicht vollständig geklärt. | Agranulozytose. Selten, aber lebensbedrohlich, nicht dosisabhängig und jederzeit möglich – auch nach früherer guter Verträglichkeit. Außerdem Anaphylaxie und bei zu rascher i.v.-Gabe Hypotonie/Schock. |
| Tramadol | Kurzzeitige Ausnahme bei sehr starkem Schmerz: schwacher μ-Agonist plus Hemmung der Noradrenalin- und Serotonin-Wiederaufnahme; 50–100 mg alle 4–6 Stunden, maximal 400 mg/Tag. Kein BtM-Rezept. | Serotonin und Krampf. Übelkeit, Schwindel, Sedierung, Obstipation, Miosis, Krampfanfälle und bei Überdosierung Atemdepression; mit SSRI/SNRI/MAO-Hemmern Serotoninsyndrom. |
| Tilidin/Naloxon | Traditionell WHO II. Retardpräparate und nicht retardierte Tropfen unterscheiden; Dosis und BtM-Einstufung präparatabhängig. | Opioidrisiken. Sedierung, Abhängigkeit, Obstipation und Atemdepression; Nieren-, Leber- und geriatrische Situation anhand Fachinformation prüfen. |
| Codein | Kurzzeitige Kombination, z. B. Paracetamol 500 mg plus Codein 30 mg, entspricht gedanklich WHO I plus II und kann synergistisch wirken. | Unberechenbare Aktivierung. CYP2D6 macht Wirkung und Toxizität variabel; Atemdepression, Sedierung, Obstipation und Abhängigkeit. Nicht unter 12 Jahren; besondere Einschränkungen bei Jugendlichen, Schwangerschaft und Stillzeit. |
Metamizol: die Aufklärung ist Teil der Verordnung
Eine Rotfärbung des Urins kann durch den Metaboliten Rubazonsäure harmlos sein. Metamizol kann außerdem die plättchenhemmende Wirkung niedrig dosierter ASS beeinträchtigen; Kombination und Einnahmezeitpunkt individuell prüfen.
Paracetamol: Plus und Minus
| Spricht dafür | Spricht dagegen |
|---|---|
| Gute Magenverträglichkeit, keine klinisch relevante Thrombozytenhemmung, häufig Alternative bei NSAR-Kontraindikation; in der Schwangerschaft bei korrekter Indikation häufig Mittel der Wahl. | Keine relevante Antiphlogese bei entzündlichem Zahnschmerz; enge Sicherheitsreserve bei Überdosierung und Gefahr unbemerkter Doppelmedikation. |
Coffeinhaltige Kombinationsanalgetika
Sie sind in der Zahnmedizin keine Routine: fixe Kombinationen erschweren die individuelle Dosierung; Coffein kann Unruhe, Palpitationen und Schlafstörungen verursachen; häufiger Gebrauch begünstigt Fehlgebrauch und medikamenteninduzierten Kopfschmerz.
Vertiefung aus den Folien: Mechanismus, Zahlen und Präparatehinweise
- Paracetamol: Der Mechanismus ist nicht abschließend geklärt; eine überwiegend zentrale Prostaglandinhemmung wird diskutiert. Die Folie nennt schwere Hepatotoxizität besonders bei Überdosierungen über 10 g – klinisch kann die toxische Schwelle bei Risikopatienten niedriger liegen, deshalb nie auf eine starre Zahl warten.
- Metamizol: wird unter anderem zu 4-Methylaminoantipyrin umgewandelt; Effekte an Cyclooxygenasen, Cannabinoid-System und TRPA1-Kanälen werden diskutiert. Die Folie nennt im Mittel etwa 13 Tage bis zur Agranulozytose, ungefähr einen Fall pro 72.000 zweiwöchig Behandelten und etwa 15 % Letalität bei eingetretener Agranulozytose. Diese Zahlen sind populations-/quellenabhängig; der sichere Prüfungsfakt ist: selten, jederzeit möglich und potenziell tödlich.
- Tramadol-Tropfen: Die Folie rechnet bei 100 mg/ml ungefähr 20 Tropfen als 50 mg und 40 Tropfen als 100 mg; Tropfenzahl ist jedoch produktabhängig. Eine zweite 50-mg-Dosis nach 60 Minuten darf nur im Rahmen der Präparateinformation und Tageshöchstdosis erfolgen.
- Tilidin/Naloxon: Die Folie nennt 100–600 mg Tilidin-HCl retardiert pro Tag und unterscheidet BtM-pflichtige nicht retardierte Tropfen von bestimmten nicht BtM-pflichtigen Retardpräparaten. Aktuelle BtM-Einstufung, Präparat, Organfunktion und Patient immer konkret prüfen.
- Paracetamol/Codein: Die Folie nennt 500/30 mg im Abstand von 6–8 Stunden. Entscheidend bleiben maximale Paracetamol-Gesamtdosis, Codein-Grenzen, kurze Dauer und keine Doppelmedikation.
Pantoprazol: geschützt schlucken, im Darm aufnehmen, an der Pumpe aktivieren
Die irreversible Pumpenhemmung erklärt die lange Wirkung; die Folie nennt für die Neusynthese funktionsfähiger Pumpen etwa 2–3 Tage. Der Wirkungseintritt ist aber nicht sofort maximal. Ein PPI ist deshalb kein klassisches Akut-Antazidum; bei akuten säurebedingten Beschwerden wirken Antazida schneller, haben aber eine andere Indikation und Wirkweise.
Wann als Magenschutz?
Risikoadaptiert bei NSAR-Therapie, etwa bei Ulkusanamnese, höherem Alter, höherer Dosis oder relevanter Begleitmedikation wie Antithrombotika, systemischen Glukokortikoiden oder SSRI. Nicht automatisch bei jeder kurzen NSAR-Gabe. Ein PPI reduziert vor allem obere gastrointestinale Risiken; es verhindert weder NSAR-bedingte Nierenschäden noch Blutdruck-/Herz-Kreislauf-Risiken oder Plättcheneffekte.
Was dürfen Zahnärzte verschreiben?
Die zahnärztliche Approbation berechtigt zur Verordnung innerhalb der Zahnheilkunde. Dazu gehören indikationsbezogen Analgetika, Antibiotika, Dentalpharmazeutika, Mund-/Rachentherapeutika, Sedativa und ein PPI als Begleitmedikation einer zahnärztlich veranlassten NSAR-Therapie. Fachfremde Mittel – etwa ACE-Hemmer, Augensalbe, PDE-5-Hemmer oder orale Kontrazeptiva – dürfen nicht allein aufgrund der zahnärztlichen Approbation verordnet werden; das gilt auch für Eigenbedarf und Privatrezept.
Nicht Listen lernen, sondern die gefährliche Kette
| Kombination | Warum? | Klinische Folge und Vorgehen |
|---|---|---|
| Ibuprofen + niedrig dosierte ASS | Ibuprofen kann den Zugang der ASS zur COX-1 vorübergehend blockieren und deren irreversible Acetylierung abschwächen. | Kardioprotektion kann sinken. Regelmäßige Kombination möglichst vermeiden; Paracetamol erwägen. Die Vorlesungsregel lautet ASS 2 Stunden vor bzw. 8 Stunden nach Ibuprofen; in der Praxis Präparat/Fachinformation und ärztliche Abstimmung beachten. |
| NSAR + Antithrombotikum | Schleimhautschaden plus beeinträchtigte Hämostase. | GI- und postoperative Blutung; NSAR möglichst vermeiden oder streng individuell, PPI nur gegen den oberen GI-Anteil. |
| NSAR + SSRI oder Glukokortikoid | Additive Störung der Schleimhautintegrität/Hämostase. | Oberes GI-Blutungsrisiko steigt; Alternative oder Gastroprotektion nach Gesamtrisiko. |
| Ibuprofen + Glibenclamid/Glimepirid | Erhöhte Sulfonylharnstoffwirkung möglich; in der Vorlesung als Verdrängung aus der Plasmaeiweißbindung erklärt. | Hypoglykämie: Patient informieren, Symptome und Blutzucker kontrollieren; Paracetamol oder ausgewählt Metamizol erwägen. |
| NSAR + ACE-Hemmer/AT1-Blocker + Diuretikum | NSAR verengt funktionell den afferenten Zustrom, RAAS-Blockade erweitert den efferenten Abfluss, Diuretikum senkt das Volumen. | „Triple Whammy“ → glomerulärer Druck fällt → akutes Nierenversagen. Alternative, Hydratation und Nierenfunktion beachten. |
| NSAR + Methotrexat, Digoxin, Phenytoin oder Valproat | Exposition/Toxizität kann steigen; Proteinbindung ist nicht immer der einzige Mechanismus. | Fachinformation/Interaktionscheck und gegebenenfalls Spiegel, Blutbild oder Organfunktion. |
| Tramadol + SSRI/SNRI/MAO-Hemmer | Additive serotonerge Wirkung, teilweise niedrigere Krampfschwelle. | Serotoninsyndrom und Krampfanfälle; Kombination möglichst vermeiden bzw. streng prüfen. |
| Metamizol + niedrig dosierte ASS | Kann die plättchenhemmende ASS-Wirkung beeinträchtigen. | Nur nach Nutzen-Risiko-Prüfung; Einnahmezeitpunkt anhand Fachinformation/ärztlicher Abstimmung. |
| Paracetamol + VKA | Wiederholt höhere Dosen können die INR erhöhen. | Kurz und niedrig dosieren; Leber/Alkohol beachten, bei längerer Gabe INR-Kontrolle erwägen. |
| Makrolid + QT-Verlängerer | Additive Verzögerung der kardialen Repolarisation. | Torsade-de-pointes-Risiko; besonders Amiodaron, Sotalol, Haloperidol, Citalopram/Escitalopram sowie weitere Makrolide/Fluorchinolone beachten. |
| Roxithromycin/Clarithromycin + CYP3A4-Substrat | Hemmung des Abbaus kann Substratspiegel erhöhen; Roxithromycin meist schwächer als Clarithromycin, aber nicht interaktionsfrei. | Beispiele aus der Prüfung: Atorvastatin/Simvastatin → Myopathie, Nisoldipin → verstärkte Wirkung, Phenprocoumon → Blutung/INR. Medikationsplan und präparatspezifische Information prüfen. |
| Metronidazol/Makrolid + VKA | Antikoagulative Wirkung kann zunehmen. | Alternative oder engmaschige INR-Kontrolle. |
| Clarithromycin + DOAK | CYP3A4-/P-gp-Hemmung kann DOAK-Exposition erhöhen. | Blutungsrisiko; Alternative oder spezialisierter Interaktionscheck. |
| Metronidazol + Alkohol | Unverträglichkeitsreaktion möglich. | Alkoholverzicht nach Fachinformation. |
CYP3A4 kurz und prüfbar
Substrat = wird vom Enzym abgebaut. Inhibitor = bremst das Enzym, Substratspiegel steigt. Induktor = steigert Enzymaktivität, Substratspiegel kann fallen. Prüfungsbeispiele für CYP3A4-Substrate sind Atorvastatin/Simvastatin, Midazolam, Fentanyl, Nisoldipin, Sildenafil, Quetiapin, Phenprocoumon und Ticagrelor; starke/klinisch relevante Inhibitoren umfassen Clarithromycin, Azolantimykotika, Verapamil/Diltiazem und Grapefruitbestandteile, Induktoren Carbamazepin, Phenytoin, Phenobarbital, Rifampicin und Johanniskraut. Nicht jede Kombination ist absolut kontraindiziert – Stärke, Dosis und konkretes Präparat entscheiden.
QT-Zeit: Folienvertiefung für Nachfragen
Die QT-Zeit reicht vom Beginn des QRS-Komplexes bis zum Ende der T-Welle und muss frequenzkorrigiert als QTc beurteilt werden. Ein QTc ab ungefähr 500 ms gilt als deutliches Risikosignal für Torsade de pointes. Risikoverstärker sind mehrere QT-verlängernde Arzneimittel, Bradykardie sowie Hypokaliämie oder Hypomagnesiämie.
Torsade de pointes kann in Kammerflimmern übergehen und ist ein Notfall. Die Folie nennt Magnesiumsulfat 2 g i.v. als Akuttherapie; das gehört in überwachte notfallmedizinische Behandlung, nicht in die routinemäßige Zahnarztpraxis. Roxithromycin kann außerdem Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Diarrhö verursachen.
Musterantworten, die man laut üben kann
„Welche Möglichkeiten der Schmerzbeeinflussung gibt es?“
„Ich unterscheide vier Angriffspunkte: Erstens hemmen Nichtopioide über Cyclooxygenasen die Prostaglandinbildung und damit die Sensibilisierung der Nozizeptoren. Zweitens aktivieren Opioide Opioidrezeptoren. Drittens blockieren Lokalanästhetika die Erregungsleitung sensibler Nerven. Viertens modulieren bestimmte Antidepressiva und Antiepileptika die Schmerzverarbeitung, besonders bei neuropathischem Schmerz.“
„Erklären Sie Systematik und WHO-Stufenplan.“
„Analgetika teile ich zunächst in Nichtopioide und Opioide. Zu den Nichtopioiden gehören NSAR wie ASS, Diclofenac und Ibuprofen, Coxibe wie Etoricoxib sowie Paracetamol und Metamizol. WHO I ist ein Nichtopioid; WHO II kombiniert es bei Eignung mit einem traditionell schwächeren Opioid wie Tramadol, Tilidin oder Codein; WHO III mit einem starken Opioid wie Morphin oder Fentanyl. Das Schema stammt aus der Tumorschmerztherapie. Für akuten Zahnschmerz sind Nichtopioide die Regel, Opioide nur kurze begründete Ausnahmen.“
„Wie behandeln Sie akute Zahnschmerzen?“
„Zuerst diagnostiziere und behandle ich die Ursache; Analgetika ersetzen keine Trepanation, Drainage oder Herdsanierung. Wenn keine Kontraindikation besteht, ist Ibuprofen wegen der entzündlichen Komponente häufig erste Wahl. Paracetamol kann ergänzt oder bei NSAR-Kontraindikation eingesetzt werden. Vorher prüfe ich Magen, Niere, Herz, Blutungsmedikation, frühere NSAR-Reaktion und Schwangerschaft. Ich verordne die kleinste wirksame Dosis für die kürzeste Zeit und bespreche Höchstdosis, Doppelmedikation und Warnzeichen.“
„Warum Ibuprofen-Magenrisiko, Etoricoxib-Herzrisiko?“
„Ibuprofen hemmt COX-1 und COX-2. Die COX-2-Hemmung erklärt Analgesie und Antiphlogese, die COX-1-Hemmung vermindert Magen-, Nieren- und Plättchenschutz. Etoricoxib schont COX-1 stärker, kann aber die Gefäßbalance in Richtung Thrombose verschieben und Blutdruck sowie kardiovaskuläres Risiko erhöhen. Essen verhindert die systemische COX-1-Hemmung nicht. Nach Zahnoperation ist Etoricoxib 90 Milligramm einmal täglich höchstens drei Tage eine ausgewählte Option, nicht die pauschale erste Wahl.“
„Was ist bei Pantoprazol wichtig?“
„Pantoprazol ist ein magensaftresistentes Prodrug, wird im Dünndarm resorbiert und im sauren Canaliculus der Belegzelle aktiviert. Es bindet irreversibel an die H+/K+-ATPase. Ich gebe es bei erhöhtem NSAR-bedingtem oberen GI-Risiko, zum Beispiel 20 Milligramm einmal täglich. Es wird 30 bis 60 Minuten vor dem Essen unzerkaut mit Wasser eingenommen, damit es bei Aktivierung vieler Pumpen verfügbar ist. Es schützt nicht vor Nieren- oder Herz-Kreislauf-Nebenwirkungen von NSAR.“
„Gezielte versus kalkulierte Antibiotikatherapie?“
„Gezielt heißt: Erreger und Empfindlichkeit sind durch Kultur und Antibiogramm bekannt, deshalb wähle ich möglichst schmal. Kalkuliert heißt: Ich beginne bei gegebener Indikation vor dem Ergebnis anhand von Klinik, typischer Mischflora, Resistenzlage und Leitlinie. Entscheidend bleibt die chirurgische Herdsanierung. Ich kontrolliere nach 24 bis 48 Stunden und stelle nach Mikrobiologie gezielt um. Bei Versagen prüfe ich zuerst Drainage, Herd, Adhärenz und Ausbreitung, nicht nur einen Antibiotikwechsel.“
„Welches Antibiotikum bei odontogener Ausbreitung?“
„Eine lokale drainierbare Infektion behandle ich primär chirurgisch. Bei Ausbreitungstendenz empfiehlt die S3-Leitlinie 2026 ein Aminopenicillin, gegebenenfalls mit β-Laktamase-Inhibitor; Amoxicillin/Clavulansäure ist eine zentrale kalkulierte Option. Clavulansäure hemmt β-Laktamasen und schützt so den β-Laktamring des Amoxicillins. Da β-Laktame zeitabhängig wirken, halte ich gleichmäßige Intervalle ein. Dosis und Dauer richte ich nach Präparat, Schwere, Organfunktion und Verlauf.“
„Was tun bei starker Penicillinallergie?“
„Zuerst charakterisiere ich die angebliche Allergie nach Präparat, Symptomen, Latenz, Behandlung und späterer Verträglichkeit. Bei begründetem Verdacht auf echte Penicillinallergie nennt die aktuelle odontogene S3-Leitlinie Clindamycin als kalkulierte Initialalternative. Wegen Resistenz und C.-difficile-Risiko setze ich es nicht pauschal ein, veranlasse bei relevantem Verlauf Mikrobiologie und stelle früh gezielt um. Eine bloße Diarrhö in der Vergangenheit ist keine IgE-Allergie.“
„Was ist der modifizierte Van-Winkelhoff-Cocktail?“
„Die klassische Vorlesungsantwort lautet Amoxicillin 500 Milligramm plus Metronidazol 400 Milligramm, jeweils dreimal täglich für sieben Tage. Es ist eine adjuvante Kombination für ausgewählte schwere rasch progrediente Parodontitis, niemals Ersatz für subgingivale Instrumentierung und Mundhygiene. Die ursprüngliche niedrigere Dosierung 375/250 Milligramm wird nicht mehr gelehrt. Bei Penicillinallergie nennt die Folie Metronidazol 500 Milligramm zweimal täglich für sieben bis zehn Tage; klinisch prüfe ich die aktuelle parodontologische Leitlinie, Fachinformation und das tatsächliche Erregerspektrum.“
„Welche Antibiotika in der Schwangerschaft?“
„Bei klarer Indikation bevorzuge ich Penicilline, insbesondere Amoxicillin, und je nach Situation Cephalosporine. Azithromycin kann bei entsprechender Indikation eingesetzt werden; Clindamycin ist zweite Wahl. Metronidazol ist nach Embryotox bei kritisch geprüfter Indikation möglich und nicht pauschal kontraindiziert. Tetracycline und Fluorchinolone vermeide ich; Cotrimoxazol und Aminoglykoside gehören nur in streng begründete Spezialentscheidungen. Ich prüfe immer Trimenon, Dosis, Dauer und bessere Alternativen.“
„Wie gehen Sie bei Antikoagulation vor?“
„Ich kläre Wirkstoff, Dosis, Indikation, letzte Einnahme, Kombination, Nieren- und Leberfunktion und frühere Blutungen. Dann bewerte ich Eingriffs- und Blutungsfolgenrisiko. Antithrombotika setze ich niemals eigenmächtig ab. VKA steuere ich über einen aktuellen INR; bei INR ab 4 operiere ich elektiv nicht. Bei DOAK richte ich die Planung nach Wirkstoff, Einnahmezeit, Nierenfunktion und Eingriffsrisiko und sorge immer für atraumatische Operation, lokale Hämostase und Nachkontrolle.“
„Wann Endokarditisprophylaxe?“
„Hochrisikokonstellation und Risikoeingriff müssen zusammentreffen. Beispiele sind frühere Endokarditis oder Klappenprothese plus Manipulation an Gingiva, periapikaler Region oder Mukosaperforation. Standard beim Erwachsenen sind 2 Gramm Amoxicillin oral 30 bis 60 Minuten vorher. Bei Allergie charakterisiere ich die Reaktion und wähle leitliniengerecht; Clindamycin ist nicht mehr bevorzugt. Stent, Schrittmacher oder Gelenkersatz allein reichen nicht.“
Oberarztfragen mit belastbaren Antworten
Warum sind Nichtopioide bei akutem Zahnschmerz meist erste Wahl?
Warum ASS nicht als zahnärztliches Analgetikum?
Was bedeutet „Triple Whammy“?
Wann muss Metamizol sofort beendet werden?
Warum ist Tramadol zusammen mit SSRI/SNRI problematisch?
Wann gehört ein PPI zum NSAR?
Warum hilft INR bei Apixaban nicht?
Darf bei INR 4,5 eine Phenprocoumon-Dosis ausgelassen werden?
Apixaban-Morgendosis bereits genommen?
Ist Bridging sicherer?
Reicht Fieber für Antibiotika?
Wann CT statt DVT?
Wann Mikrobiologie?
Warum nicht pauschal Clindamycin?
Stent oder Schrittmacher = Endokarditisprophylaxe?
Gelenkprothese = Antibiotikaprophylaxe?
Häufigster Fehler bei Nachblutung?
Warum Antibiotika nicht einfach verlängern?
Welche drei Gruppen erhöhen mit Ibuprofen das Magenblutungsrisiko besonders?
Was sind die wichtigsten NSAR-Kontraindikationen?
Warum coffeinhaltige Kombinationsanalgetika nicht routinemäßig?
Was spricht für und gegen Paracetamol?
Warum Pantoprazol vor dem Essen und unzerkaut?
Was ist der Unterschied zwischen rezept- und verschreibungspflichtig?
Warum muss eine kalkulierte Antibiotikatherapie eng kontrolliert werden?
Was macht Clavulansäure?
Wann wird antibiotikaassoziierte Diarrhö zum Alarmzeichen?
Warum kein Roxithromycin mit Amiodaron, Haloperidol oder Citalopram?
Warum Vorsicht mit Roxithromycin bei Atorvastatin, Nisoldipin oder Phenprocoumon?
Warum Moxifloxacin besonders bei älteren Patienten vermeiden?
Was ist der modifizierte Van-Winkelhoff-Cocktail?
Welche Antibiotika sind in der Schwangerschaft bevorzugt?
Leitlinien, Quellen und Gültigkeitsgrenzen
Eigenständig formulierte, prüfungsorientierte Zusammenfassung. Medizinische Entscheidungen richten sich nach Patient, Fachinformation, lokaler SOP und aktueller Leitlinie.
- DGMKG/DGZMK: S3 Odontogene Infektionen, Version 4.1, Mai 2026, AWMF 007-006.
- DGZMK/DGMKG: S3 Zahnärztliche Chirurgie unter Antikoagulation/Thrombozytenhemmung, AWMF 083-018, Stand 2017.
- ADA: Acute Dental Pain Management Guidelines, Nichtopioide als Erstlinie.
- EMA/BfArM: Metamizol – Maßnahmen zum Agranulozytoserisiko und BfArM-Risikoinformation.
- Fachinformationen: Ibuprofen, Etoricoxib und Tramadol; stets konkretes Präparat prüfen.
- Bundesrecht: Gesetz über die Ausübung der Zahnheilkunde.
- ESC: 2023 ESC Endocarditis Guidelines, Corrigendum 2025.
- SDCEP: Management of Dental Patients Taking Anticoagulants or Antiplatelet Drugs.
- DG PARO/DGZMK: S3 Adjuvante systemische Antibiotikagabe bei subgingivaler Instrumentierung; ältere Leitlinie, Aktualität vor Anwendung prüfen.
- Embryotox: aktuelle Einzelbewertungen zu Amoxicillin, Clindamycin, Metronidazol und Azithromycin in Schwangerschaft und Stillzeit.
- EMA: Anwendungsbeschränkungen und lang anhaltende schwerwiegende Nebenwirkungen systemischer Fluorchinolone.
Geltungsbereich: KP und klinische Wiederholung, überwiegend Erwachsene. Dosen sind Lernorientierung, keine individuelle Verordnung. Letzte fachliche Überarbeitung und Folienabgleich 1–53: 5. September 2026.