
Mund-Antrum-Verbindung (MAV)
Definition
Die Mund-Antrum-Verbindung (MAV) ist eine akute, nicht epithelisierte pathologische Verbindung zwischen der Mundhöhle und dem Sinus maxillaris, die durch eine Perforation des knöchernen Sinusbodens mit gleichzeitiger oder nachfolgender Läsion der Schneider-Membran entsteht.
➡️ Ohne adäquate Therapie kann sie in eine chronische oroantrale Fistel übergehen.
2. Abgrenzung: MAV vs. oroantrale Fistel
| Merkmal | MAV | Oroantrale Fistel |
|---|---|---|
| Zeitpunkt | akut | chronisch |
| Schleimhaut | nicht epithelisiert | epithelisiert |
| Therapie | primärer Verschluss möglich | chirurgische Sanierung |
| Prognose | sehr gut | kompliziert |
3. Anatomische Grundlagen
3.1 Sinus maxillaris
- Größte der Nasennebenhöhlen
- Ausgekleidet mit respiratorischem Flimmerepithel (mehrreihiges hochprismatisches Epithel mit Kinozilien)
- Mukoziliärer Transport erfolgt physiologisch Richtung Ostium maxillare (in den mittleren Nasengang)
- Schneider-Membran ist dünn und druck sowie infektionssensibel
3.2 Zahn-Sinus-Beziehung
Besonders gefährdet:
- OK-6
- OK-7
- OK-8
- gelegentlich OK-4 / OK-5
Risikofaktoren:
- Starke Pneumatisation
- Lange / divergierende Wurzeln
- Dünner oder fehlender knöcherner Sinusboden
- Vorbestehende apikale Osteolyse
4. Ätiologie
4.1 Iatrogene Ursachen (häufigste!)
- Zahnextraktion im OK-Seitenzahnbereich
- Operative Weisheitszahnentfernung
- Wurzelverlagerung in den Sinus
- Fraktur der Alveole
- Aggressive Kürettage
- Unsachgemäße Hebeltechnik
4.2 Weitere Ursachen
- Radikuläre Zysten
- Odontogene Tumoren
- Osteomyelitis
- Traumatische Verletzungen
5. Klinik
5.1 Akute MAV
- Luftdurchtritt über die Alveole
- Pfeifendes Geräusch
- Flüssigkeitsaustritt aus der Nase beim Trinken
- Gurgelndes Gefühl
- Metallischer Geschmack
5.2 Unbehandelte MAV
- Chronische Sinusitis maxillaris
- Eitrige Rhinorrhoe
- Kopfschmerzen
- Foetor
- Ausbildung einer oroantralen Fistel
6. Diagnostik
6.1 Klinisch
a) Sondierung
- Mit stumpfer Sonde
- Knochenperforation tastbar
- Keine Aussage über Schleimhautintegrität
b) Spültest (entscheidend!)
- Spülung mit Ringer-Lösung(Zusammensetzung der klassischen Ringer-Lösung stimmt: Pro Liter enthält sie ungefähr: Natriumchlorid (NaCl) → ca. 8,6 g, Kaliumchlorid (KCl) → ca. 0,3 g, Calciumchlorid (CaCl₂) → ca. 0,33 g, Wasser für Injektionszwecke)
| Befund | Interpretation |
|---|---|
| Keine nasale Flüssigkeit | Schleimhaut intakt |
| Flüssigkeit nasal | MAV gesichert |
6.2 Nasenblasversuche
Direkter Nasenblasversuch-
Durchführung:
- Patient hält sich die Nase zu.
- Er wird aufgefordert, vorsichtig durch die Nase zu pressen (Valsalva-Manöver).
Positives Zeichen:
- Luft tritt hör- oder sichtbar durch die Extraktionsalveole aus.
- Blasenbildung im Blutkoagel.
- Zischendes Geräusch.
Bedeutung:
→ Hinweis auf eine Mund-Antrum-Verbindung
Indirekter Nasenblasversuch
Wird durchgeführt, wenn kein direkter Luftaustritt sichtbar ist.
Durchführung:
- Sonde oder Spiegel vorsichtig über die Alveole halten.
- Patient presst vorsichtig.
- Man achtet auf:
- Luftbewegung
- Beschlagen des Spiegels
- Blutblasenbildung
Bedeutung:
→ Sensitiverer Nachweis einer kleinen MAV.
⚠️ Nur vorsichtig durchführen → Defektvergrößerung möglich
7. Radiologische Diagnostik
7.1 Rö NNH / OPG / DVT
Ziele:
- Beurteilung des Sinuszentrums
- Nachweis von:
- Verschattung
- Flüssigkeitsspiegel
- Fremdkörpern
8. Entscheidungsalgorithmus
8.1 Kleine MAV (< 2 mm)
- Lange, schmale Alveole
- Stabiles Koagel
➡️ Spontanheilung möglich
8.2 Größere MAV (≥ 2 mm)
➡️ Plastische Deckung erforderlich
9. MAV + Sinusitis maxillaris
❌ Keine sofortige plastische Deckung
Therapie
- Alveolenspülung alle 2 Tage
- NaCl
- Kamillosan
- Abschwellende Nasentropfen
- Antibiotika
- Kontrolle nach 6–8 Wochen
10. Plastische Deckung – Rehrmann-Technik
Prinzip
Vestibulär gestielter Mukoperiostlappen mit Periostschlitzung für spannungsfreien Verschluss.
OP-Schritte
- Lokalanästhesie
- Trapezförmiger Schnitt
- Mukoperiostlappen
- Periostschlitzung
- Vorschub
- Dichte Naht
Bei einer Mund-Antrum-Verbindung führe ich eine plastische Deckung mittels Rehrmann-Technik durch. Dabei präpariere ich vestibulär einen trapezförmigen Mukoperiostlappen mit zwei Entlastungsschnitten. Der Lappen wird vollständig vom Knochen abgelöst. Man schneidet das Periost unten ein, damit man den Lappen ohne Spannung nach vorne ziehen kann. . Anschließend wird der Lappen über die Defektöffnung vorgeschoben. Der Defekt wird vollständig überdeckt und speicheldicht vernäht. Ich verwende resorbierbares Nahtmaterial und achte auf einen spannungsfreien Verschluss. Postoperativ erhält der Patient Nasentropfen, Antibiotika bei Bedarf und strikte Verhaltensanweisungen.
Warum Periostschlitzung? Um einen spannungsfreien Lappenverschluss zu ermöglichen.
Warum vestibulär? Wegen der guten Durchblutung und der einfachen Mobilisierbarkeit.
Nachteil
- Vestibulumverkürzung
11. Alternative plastische Verfahren
11.1 Palatinaler Rotationslappen
Als alternatives plastisches Verfahren kann ein palatinaler Rotationslappen eingesetzt werden. Dieser ist insbesondere indiziert bei größeren oder rezidivierenden Mund-Antrum-Verbindungen oder wenn vestibuläres Weichgewebe nicht ausreichend verfügbar ist. Dabei wird palatinal ein Mukoperiostlappen mit breiter Gefäßbasis präpariert. Der Lappen wird rotiert und spannungsfrei über die Defektöffnung gelegt. Der Defekt wird vollständig überdeckt und dicht vernäht. Der Entnahmebereich palatinal heilt sekundär. Ein Vorteil des palatinalen Lappens ist die sehr gute Durchblutung und der Erhalt der Vestibulumtiefe. Ein Nachteil ist die erhöhte postoperative Schmerzhaftigkeit.
11.2 Kombinierte plastische Deckung
Bei großen Defekten kann eine kombinierte plastische Deckung erforderlich sein. Dabei wird die Mund-Antrum-Verbindung mehrschichtig verschlossen. Zum Einsatz kommen beispielsweise eine Kollagenmembran oder Knochenersatzmaterial in Kombination mit einem vestibulären Verschiebelappen. Ziel ist ein stabiler, spannungsfreier und dichter Verschluss.
12. Endoskopische Sinuschirurgie (HNO-Bezug)
Indikation
- Chronische Sinusitis
- Persistierende MAV / Fistel
- Fremdkörper im Sinus
Ziel
- Wiederherstellung der Sinusdrainage
- Entfernung entzündlicher Schleimhaut
- Unterstützung der MAV-Sanierung
➡️ Durchführung durch HNO, oft interdisziplinär
13. Caldwell-Luc-Operation
Indikation
- Chronische odontogene Sinusitis
- Fremdkörper im Sinus
- Versagen konservativer Therapie
Prinzip
- Zugang über die Fossa canina
- Eröffnung des Sinus maxillaris
- Sanierung des Sinus
- Kombination mit MAV-Verschluss möglich
⚠️ Heute selten, aber klassisches Prüfungswissen
14. Medikamentöse Therapie (inkl. Dosierungen)
14.1 Antibiotika
- Amoxicillin 750–1000 mg 3×/Tag
- Amoxicillin/Clavulansäure 875/125 mg 2×/Tag
- Clindamycin 600 mg 3×/Tag (bei Penicillinallergie)
Dauer: 7–10 Tage
14.2 Sekretolytika
- GeloMyrtol® forte
- 3–4× täglich
- Verflüssigt Sekret
- Fördert Zilienaktivität
14.3 Weitere Medikamente
- Abschwellende Nasentropfen (z. B. Otriven)
- CHX-Mundspülung
- Analgetika (Ibuprofen / Paracetamol)
15. Patienteninstruktionen
- 10–14 Tage nicht schnäuzen
- Niesen mit offenem Mund
- Kein Rauchen
- Kein Sport (7 Tage)
- Weiche Kost
- Druck vermeiden
16. Prognose
- Früh erkannt + korrekt behandelt → sehr gut
- Verzögert / falsch behandelt → Fistel + chronische Sinusitis
KP-Merksatz : Bei einer Mund-Antrum-Verbindung führe ich eine klinische und radiologische Diagnostik durch. Abhängig von Defektgröße und Sinusbefund entscheide ich zwischen Spontanheilung, plastischer Deckung oder interdisziplinärer chirurgischer Sanierung.