Notfallmedizin in der Zahnarztpraxis
Erkennen, alarmieren und behandeln: ABCDE, Reanimation, Akuttherapie, Teamführung und strukturierte Übergabe für Kenntnisprüfung und Praxis.
Die ersten 30 Sekunden
Medizinische Notfälle in der Zahnarztpraxis sind selten, aber zeitkritisch. Entscheidend ist nicht, möglichst früh eine endgültige Diagnose zu nennen, sondern Lebensgefahr systematisch zu erkennen, sofort zu behandeln und rechtzeitig professionelle Hilfe nachzufordern.
Die Zahnarztpraxis leistet qualifizierte Erstversorgung: Behandlung stoppen, Gefahren beseitigen, 112 alarmieren, nach ABCDE untersuchen, reversible Ursachen behandeln, überwachen und strukturiert übergeben.
KP-Leitsatz: Ich behandle zuerst die größte aktuelle Lebensgefahr und nicht zuerst die vermutete Diagnose.
Oberarzt-Leitsatz: Ein guter Notfallablauf ist kurz, trainiert, delegierbar und jederzeit überprüfbar: erkennen – alarmieren – behandeln – reevaluieren – übergeben.
Prüfungssatz: Bei einer nicht ansprechbaren Person alarmiere ich sofort den Rettungsdienst, prüfe gleichzeitig maximal zehn Sekunden, ob eine normale Atmung vorliegt, und beginne bei fehlender normaler Atmung unverzüglich mit Thoraxkompressionen.
Teamführung und Notfallkette
In einem Notfall braucht jede Aufgabe eine konkrete Person. „Jemand soll 112 rufen“ ist keine sichere Delegation.
| Rolle | Kernaufgabe |
|---|---|
| Teamleitung | Überblick, ABCDE, Entscheidungen, Closed-Loop-Kommunikation |
| Atemweg/Atmung | Absaugung, Atemwegshilfen, Sauerstoff, Beutel-Masken-Beatmung |
| Kreislauf/Monitoring | Puls, Blutdruck, SpO₂, Blutzucker, AED, gegebenenfalls Zugang |
| Telefon/Dokumentation | 112, Adresse und Zugang, Zeiten, Befunde, Medikamente, Dosen |
| Einweisung | Tür öffnen, Rettungsdienst einweisen, Patientenunterlagen bereithalten |
Closed Loop: Auftrag mit Namen erteilen, Auftrag wiederholen lassen und Erledigung bestätigen lassen.
Beispiel: „Frau Müller, rufen Sie jetzt 112 an, stellen Sie das Telefon auf Lautsprecher und sagen Sie mir, wenn der Anruf steht.“
Was gehört in den Notruf?
- Praxisname und vollständige Adresse
- Rückrufnummer und Zugangsweg
- vermutetes Ereignis
- Bewusstseins- und Atemstatus
- Alter und ungefährer Zustand
- bereits eingeleitete Maßnahmen
- besondere Gefahr, zum Beispiel schwieriger Atemweg oder laufende Reanimation
Nicht auflegen, bis die Leitstelle das Gespräch beendet.
ABCDE – die klinische Universalsprache
ABCDE wird wiederholt, nicht nur einmal durchgeführt. Nach jeder Intervention folgt eine erneute Beurteilung.
A – Airway: Atemweg
Beurteilen
- Kann der Patient normal sprechen?
- Stridor, Gurgeln, Schnarchen oder fehlende Atemgeräusche?
- Blut, Speichel, Erbrochenes, Fremdkörper, Prothese oder Schwellung?
- Zungen-, Lippen- oder Mundbodenödem?
Handeln
- Mundraum unter Sicht freimachen und absaugen.
- Sichtbaren, sicher erreichbaren Fremdkörper entfernen; keine blinde Fingerinspektion.
- Ohne Traumaverdacht Kopf überstrecken und Kinn anheben.
- Bei Traumaverdacht möglichst Jaw-Thrust; Atemwegssicherung hat dennoch Vorrang.
- Oropharyngealtubus nur bei fehlendem Würgereflex; Nasopharyngealtubus nur bei Kenntnis der Kontraindikationen und vorhandener Kompetenz.
B – Breathing: Atmung
Beurteilen
- Atemfrequenz, Atemtiefe und Thoraxbewegung
- SpO₂ und Hautfarbe
- Sprechfähigkeit, Atemhilfsmuskulatur, Zyanose
- Giemen, Stridor oder „silent chest“
Handeln
- Atemweg freihalten.
- Bei unzureichender Atmung mit Beutel und Maske beatmen; Thoraxhebung kontrollieren.
- Sauerstoff zielgerichtet geben, nicht reflexartig bei jedem Unwohlsein.
C – Circulation: Kreislauf
Beurteilen
- Pulsfrequenz, Rhythmus und Qualität
- Blutdruck
- Hauttemperatur, Rekapillarisierung, Kaltschweißigkeit
- äußere oder intraorale Blutung
- Zeichen unzureichender Organperfusion
Handeln
- Blutung kontrollieren.
- Lagerung an Kreislauf und Atmung anpassen.
- AED bereithalten.
- Gefäßzugang und Volumentherapie nur bei vorhandener Kompetenz, Ausstattung und klarer Indikation; 112 nicht dadurch verzögern.
D – Disability: Neurologie
- Bewusstsein mit AVPU oder GCS orientierend erfassen
- Pupillen, Sprache, Seitendifferenz und Krampf prüfen
- bei Bewusstseinsstörung früh Blutzucker messen
- Schlaganfallzeichen und Zeitpunkt „last known well“ erfassen
E – Exposure/Environment: Gesamtschau
- Haut und Schleimhäute: Urtikaria, Flush, Zyanose, Blutung
- Schwellung, Trauma, Medikamentenpflaster oder Insulinpumpe
- Wärmeerhalt, Privatsphäre und vollständige Reevaluation
Bewusstlosigkeit, BLS und AED
Reaktionslos, aber normale Atmung
- 112 alarmieren
- Atemweg öffnen
- bei fehlendem relevantem Trauma stabile Seitenlage
- Atmung fortlaufend kontrollieren
- keine orale Flüssigkeit oder Medikamente
- Ursache im ABCDE suchen, insbesondere Hypoglykämie, Krampfanfall, Intoxikation und Schlaganfall
Die stabile Seitenlage ist keine endgültige Maßnahme. Eine Verschlechterung zur abnormalen Atmung muss sofort erkannt werden.
Reaktionslos und keine normale Atmung
Wenn eine Beatmung trotz korrekter Positionierung nicht gelingt, Atemweg erneut kontrollieren und an eine Fremdkörperverlegung denken.
Wann wird aufgehört?
- der Rettungsdienst übernimmt
- der Patient eindeutige Lebenszeichen und normale Atmung zeigt
- die Helfenden körperlich nicht mehr können
- eine konkrete Gefahr die Fortführung unmöglich macht
90-Sekunden-Antwort: Ich stoppe die Behandlung, prüfe Reaktion und rufe Hilfe. Ist der Patient bewusstlos, alarmiere ich sofort 112 und beurteile gleichzeitig maximal zehn Sekunden die Atmung. Bei fehlender normaler Atmung beginne ich mit 30 zu 2, einer Kompressionsfrequenz von 100 bis 120 pro Minute und einer Tiefe von 5 bis 6 Zentimetern. Der AED wird sofort angeschlossen. Unterbrechungen halte ich so kurz wie möglich und führe die Reanimation bis zur Übernahme oder bis zur eindeutigen Rückkehr normaler Atmung fort.
Sauerstoff und Monitoring
Sauerstoff ist ein Medikament. Er behandelt Hypoxämie, nicht Angst, Schmerz oder jede Synkope.
Zielbereiche bei zuverlässiger Pulsoxymetrie
- die meisten akut Kranken: SpO₂ 94–98 %
- bekannte COPD oder Risiko einer hyperkapnischen Insuffizienz: meist 88–92 %
- bei lebensbedrohlicher Hypoxämie zunächst ausreichend hoch dosieren und danach titrieren
Bei Kreislaufstillstand beziehungsweise unmittelbar nach ROSC wird zunächst die maximal verfügbare Sauerstoffkonzentration verwendet; sobald eine zuverlässige Messung möglich ist, wird auf den Zielbereich titriert.
Basisüberwachung
- Bewusstseinslage
- Atemfrequenz
- Puls und Blutdruck
- SpO₂
- Blutzucker bei Bewusstseins- oder Verhaltensänderung
- EKG, wenn vorhanden und beherrscht
Lagerung – symptom- und kreislauforientiert
| Situation | Geeignete Lagerung | Wichtige Einschränkung |
|---|---|---|
| vasovagale Synkope | flach, Beine angehoben | bei relevanter Atemnot nicht erzwingen |
| Atemnot, Asthma, Lungenödem | Oberkörper hoch, bevorzugte Atemposition | Kreislauf beobachten |
| Anaphylaxie mit Kreislaufproblem | flach, Beine hoch | nicht plötzlich aufsetzen oder aufstehen lassen |
| Anaphylaxie mit dominanter Atemnot | vorsichtig halb sitzend, Beine ausgestreckt | Kollapsgefahr beachten |
| bewusstlos, normale Atmung | stabile Seitenlage | nicht bei Kreislaufstillstand; Trauma abwägen |
| Schwangere in fortgeschrittener Schwangerschaft | Linksseitenneigung/Linksseitenlage | ABCDE und Ursache bleiben entscheidend |
Vasovagale Synkope
Die vasovagale Synkope ist ein häufiger Zwischenfall in der Zahnarztpraxis. Auslöser sind Angst, Schmerz, langes Sitzen oder Stehen und vegetative Reaktion.
Typische Zeichen
- Prodromi: Wärmegefühl, Übelkeit, Gähnen, Schwindel, Ohrensausen
- Blässe, Kaltschweißigkeit
- Bradykardie oder relativer Pulsabfall möglich
- Blutdruckabfall
- kurzer Bewusstseinsverlust mit rascher Erholung in Horizontalposition
Vorgehen
- Behandlung stoppen, Mundraum freimachen.
- Flach lagern und Beine anheben, sofern keine Atemnot dagegen spricht.
- Atemweg und normale Atmung prüfen.
- Puls und Blutdruck kontrollieren; bei unklarer oder verzögerter Erholung Blutzucker messen.
- Sauerstoff nur bei Hypoxämie, Atemproblem oder entsprechender klinischer Indikation.
- Bleibt die Erholung aus, treten Brustschmerz, fokal-neurologische Zeichen, anhaltende Rhythmusstörung oder Verletzungen auf: 112 und vollständiges ABCDE.
Differenzialdiagnosen: Hypoglykämie, Anaphylaxie, kardiale Synkope, LAST, Schlaganfall und epileptischer Anfall.
Hypoglykämie
Erkennen
- Schwitzen, Zittern, Heißhunger
- Unruhe, Aggressivität oder Verwirrtheit
- Konzentrations- und Sprachstörung
- Krampfanfall oder Bewusstlosigkeit
Wach und sicher schluckfähig
- Blutzucker messen, wenn ohne Verzögerung möglich.
- Bei Hypoglykämie oder starkem klinischem Verdacht 15–20 g schnell wirksame Glukose oral geben.
- Nach etwa 15 Minuten klinisch und möglichst per BZ erneut prüfen; gegebenenfalls wiederholen.
- Nach Erholung länger wirksame Kohlenhydrate beziehungsweise eine kleine Mahlzeit erwägen.
Bewusstseinsgestört oder nicht sicher schluckfähig
- nichts oral geben
- 112, Atemweg und Atmung sichern
- stabile Seitenlage bei normaler Atmung
- Glukagon oder intravenöse Glukose nur nach vorhandener Kompetenz, SOP und verfügbarer geeigneter Darreichung
Krampfanfall
Während des Anfalls
- Behandlung stoppen, Instrumente entfernen, Verletzungsquellen beseitigen.
- Patient nicht festhalten.
- Nichts zwischen die Zähne schieben.
- Kopf schützen und Anfallsbeginn exakt notieren.
- Sauerstoff und Absaugung vorbereiten; nicht gewaltsam während der tonisch-klonischen Phase anwenden.
Nach dem Anfall
- Atemweg und Atmung prüfen
- bei normaler Atmung stabile Seitenlage
- ABCDE, SpO₂ und Blutzucker
- postiktale Ruhe und engmaschige Beobachtung
Wann 112?
- Anfall dauert 5 Minuten oder länger
- erneuter Anfall ohne vollständiges Erwachen
- erster oder unklarer Anfall
- Schwangerschaft, Trauma, Hypoglykämie oder relevante Atemstörung
- anhaltende Bewusstseinsstörung
Ein Benzodiazepin kann bei prolongiertem Anfall nach festgelegter Praxis-SOP und entsprechender Qualifikation eingesetzt werden. Auswahl, Applikationsweg und Dosis müssen zum vorhandenen Präparat, Patientenalter und lokalen Notfallstandard passen; Atemdepression und Reanimationsbereitschaft sind zu berücksichtigen.
Hyperventilationssyndrom
Typische Konstellation
- Angst oder Stress als Auslöser
- schnelle tiefe Atmung
- periorales und akrales Kribbeln
- Schwindel, Engegefühl
- karpopedale Spasmen
- häufig normale SpO₂
Vorgehen
- Behandlung stoppen und Sicherheit vermitteln.
- Patient aufrecht oder bequem lagern.
- langsam ausatmen lassen, Atemrhythmus verbal führen.
- ABCDE und Vitalzeichen kontrollieren.
- Asthma, Anaphylaxie, ACS, Lungenembolie und metabolische Ursachen bei untypischem Verlauf bedenken.
Asthma- und COPD-Exazerbation
Warnzeichen
- Giemen und verlängertes Exspirium
- zunehmende Atemarbeit
- Sprechen nur in kurzen Sätzen oder einzelnen Wörtern
- Erschöpfung, Zyanose, Bewusstseinsstörung
- „silent chest“ als Zeichen einer sehr schweren Obstruktion
Vorgehen
- Behandlung stoppen, Oberkörper hoch, beruhigen.
- 112 bei schwerem Anfall, Erschöpfung, Zyanose, Bewusstseinsstörung oder fehlender rascher Besserung.
- Patienteneigenes rasch wirksames Bronchodilatator-Spray anwenden lassen beziehungsweise nach SOP geben; Spacer bevorzugen.
- Sauerstoff bei Hypoxämie; Zielwerte beachten.
- ABCDE wiederholen und Reanimationsbereitschaft herstellen.
Alarmzeichen: Fehlen Giemen bei schwerer Dyspnoe und ist kaum Luftbewegung hörbar, ist dies keine Besserung.
Anaphylaxie
Anaphylaxie ist wahrscheinlich bei plötzlich auftretenden Problemen von Atemweg, Atmung oder Kreislauf nach möglichem Allergenkontakt. Hautzeichen sind häufig, können aber fehlen.
Entscheidende Zeichen
- A: Zungen-/Larynxödem, Heiserkeit, Stridor
- B: Bronchospasmus, Dyspnoe, Zyanose
- C: Hypotonie, Kollaps, Tachykardie
- zusätzlich Urtikaria, Flush, Angioödem oder gastrointestinale Symptome
Sofortalgorithmus
Antihistaminika und Glukokortikoide wirken verzögert und dürfen Adrenalin nicht ersetzen oder verzögern. Intravenöses Adrenalin gehört wegen erheblicher Dosierungs- und Arrhythmierisiken in erfahrene Hände mit Monitoring.
Kinder: Adrenalin wird gewichtsbezogen nach aktuellem Algorithmus beziehungsweise passendem Autoinjektor gegeben. Eine Erwachsenendosis darf nicht ungeprüft übertragen werden.
KP-Antwort: Bei plötzlich auftretender Atemwegs-, Atem- oder Kreislaufstörung nach Allergenkontakt vermute ich eine Anaphylaxie. Ich stoppe den Auslöser, alarmiere 112, lagere symptomgerecht und gebe beim Erwachsenen sofort 0,5 mg Adrenalin intramuskulär in den anterolateralen Oberschenkel. Bei fehlender Besserung wiederhole ich nach fünf Minuten. Sauerstoff und Volumen ergänzen die Therapie; Antihistaminikum und Steroid ersetzen Adrenalin nicht.
Hypertensive Entgleisung
Ein hoher Messwert allein ist noch kein hypertensiver Notfall. Entscheidend ist eine akute Endorganschädigung.
Ohne Endorgansymptome
- Behandlung unterbrechen
- ruhig lagern und nach einigen Minuten korrekt nachmessen
- Schmerz und Angst reduzieren
- weitere ambulante Abklärung organisieren
Verdacht auf hypertensiven Notfall
Sehr hoher Blutdruck plus neurologischer Ausfall, Verwirrtheit, Krampfanfall, Brustschmerz, akute Dyspnoe/Lungenödem, schwere Sehstörung oder andere Endorgansymptome.
Akutes Koronarsyndrom
Verdachtszeichen
- Druck, Enge oder Brennen retrosternal
- Ausstrahlung in Arm, Schulter, Rücken, Hals oder Kiefer
- Dyspnoe, Kaltschweißigkeit, Übelkeit
- atypische Präsentation insbesondere bei älteren Menschen, Frauen und Personen mit Diabetes
Vorgehen
- Behandlung stoppen, bequeme Position, meist Oberkörper erhöht.
- Sofort 112 bei ACS-Verdacht.
- ABCDE, Blutdruck, Puls, SpO₂; AED bereithalten.
- Sauerstoff nur bei Hypoxämie beziehungsweise klinischer Indikation.
- Bei kardial klingendem Brustschmerz 300 mg ASS zum Kauen, sofern keine ASS-Allergie, aktive relevante Blutung oder andere klare Kontraindikation besteht.
- Ein Patient mit bekannter Angina kann sein eigenes verordnetes Nitroglycerin nach Plan anwenden. Vorher Blutdruck, Kontraindikationen und mögliche Einnahme eines PDE-5-Hemmers berücksichtigen.
- Bei Bewusstlosigkeit und abnormaler Atmung sofort Reanimation.
Eine Besserung nach Nitroglycerin beweist keine harmlose Ursache. Der Transport darf nicht verzögert werden.
Schlaganfall und TIA
BE-FAST
- Zeitpunkt des Symptombeginns beziehungsweise last known well dokumentieren.
- 112 ohne Verzögerung.
- ABCDE und Blutzucker; Hypoglykämie als wichtige Differenzialdiagnose.
- nichts essen oder trinken lassen.
- Sauerstoff nur bei Hypoxämie.
- keine ASS-Gabe vor Bildgebung, weil eine intrakranielle Blutung klinisch nicht sicher ausgeschlossen werden kann.
Auch vollständig rückläufige Symptome können eine TIA darstellen und benötigen dringende medizinische Abklärung.
Lokalanästhetika-systemische Toxizität (LAST)
LAST kann durch unbeabsichtigte intravasale Injektion, Überdosierung, rasche Resorption oder patientenbezogene Risikofaktoren entstehen. Symptome können sofort oder verzögert auftreten.
Frühzeichen
- periorale oder Zungentaubheit
- metallischer Geschmack
- Tinnitus, Hör- oder Sehstörung
- Unruhe, Verwirrtheit, Benommenheit
- Muskelzuckungen
Schwere Zeichen
- generalisierter Krampfanfall
- Bewusstlosigkeit
- Hypotonie oder Bradykardie
- Leitungsstörung und ventrikuläre Arrhythmie
- Kreislaufstillstand
Vorgehen
- Injektion sofort stoppen und Hilfe rufen.
- 112, ABCDE, 100 % Sauerstoff initial und suffiziente Ventilation; Hypoxie und Azidose vermeiden.
- Krampfanfall nach Notfallstandard behandeln.
- Bei Kreislaufstillstand reanimieren und AED einsetzen.
- Früh ausdrücklich „Verdacht auf LAST“ an Rettungsdienst/Notarzt übermitteln.
- Eine 20%ige Lipidemulsion ist eine spezifische Therapie schwerer LAST. Sie sollte nur im Rahmen eines trainierten, schriftlich verfügbaren Protokolls eingesetzt werden; Dosierung erfolgt gewichtsbezogen nach aktuellem LAST-Algorithmus.
Prävention
- vollständige Medikamenten- und Gewichtsanamnese
- maximale Dosis für Präparat und Patienten berechnen
- niedrigste wirksame Dosis
- Aspiration und langsame fraktionierte Injektion
- Patient während und nach der Injektion beobachten
- kumulative Dosis bei mehreren Injektionen dokumentieren
Adrenalinreaktion, Panik oder Anaphylaxie?
| Merkmal | Vasokonstriktor-/Stressreaktion | Anaphylaxie |
|---|---|---|
| Beginn | oft unmittelbar nach Injektion | meist Minuten nach Exposition, variabel |
| Haut | eher Blässe, Schwitzen | Urtikaria, Flush, Angioödem möglich |
| Puls | Tachykardie, Herzklopfen | Tachykardie, bei schwerem Verlauf Kreislaufversagen |
| Atmung | schnelle Atmung ohne objektive Obstruktion | Stridor, Giemen, Hypoxämie möglich |
| Blutdruck | häufig normal oder erhöht | bei schwerem Verlauf erniedrigt |
| Therapie | Ruhe, ABCDE, Monitoring | Adrenalin i.m. plus 112 und ABCDE |
Die Tabelle unterstützt die Differenzierung, ersetzt sie aber nicht. Bei A/B/C-Problemen und möglichem Allergenkontakt wird Anaphylaxie konsequent behandelt.
Fremdkörper und Atemwegsverlegung
Effektiver Husten
- zum Husten auffordern
- beobachten
- keine Schläge oder Manipulationen, solange der Husten effektiv bleibt
Ineffektiver Husten bei ansprechbarem Erwachsenen
- Hilfe rufen.
- Bis zu fünf Rückenschläge zwischen die Schulterblätter.
- Bleibt die Verlegung bestehen: bis zu fünf Oberbauchkompressionen.
- Abwechselnd fortführen und 112 alarmieren.
- Nur sichtbaren, sicher erreichbaren Fremdkörper entfernen; keine blinde Fingerinspektion.
Patient wird bewusstlos
- kontrolliert zu Boden bringen
- 112 sicherstellen
- Reanimation beginnen
- vor Beatmungsversuchen den Mund nach sichtbarem Fremdkörper kontrollieren
- AED anwenden
Nach erfolgreichen Oberbauchkompressionen oder Thoraxkompressionen ist wegen möglicher innerer Verletzungen eine ärztliche Beurteilung erforderlich.
Prävention in der Zahnarztpraxis: Kofferdam, Fadensicherung kleiner Instrumente, geeignete Absaugung, stabile Patientenlagerung und kontrollierte Übergaben.
Akute Blutung und Nachblutung
- Behandlung stoppen, absaugen und Blutungsquelle unter Sicht lokalisieren.
- Direkte Kompression mit ausreichend langer ununterbrochener Druckzeit.
- Lokale Maßnahmen ursachenbezogen: Naht, Tamponade, Hämostyptikum, Koagulation oder Schienung.
- Blutdruck, Puls, Bewusstsein und Medikamentenanamnese prüfen.
- Antikoagulanzien nicht eigenmächtig „antagonisieren“ oder dauerhaft absetzen.
- Bei unkontrollierbarer Blutung, Kreislaufzeichen, expandierendem Hals-/Mundbodenhämatom oder Aspirationsgefahr: 112 und Atemweg priorisieren.
Notfallausrüstung – risikobasiertes Kernkonzept
Es existiert keine einzige universelle Medikamentenliste, die unabhängig von Praxisprofil, Qualifikation und regionalen Vorgaben für jede Zahnarztpraxis passt. Ausstattung, SOP und Teamkompetenz müssen zusammenpassen.
Alarmierung und Organisation
- funktionierendes Telefon
- sichtbare Notruf- und Praxisadresse
- schriftliche Algorithmen und Rollen
- Dokumentationsbogen
Atemweg und Atmung
- leistungsfähige Absaugung
- Sauerstoffquelle mit ausreichendem Vorrat
- Masken und Reservoir
- Beatmungsbeutel mit passenden Maskengrößen
- geeignete einfache Atemwegshilfen entsprechend Training
Kreislauf und Diagnostik
- AED
- Blutdruckmessgerät
- Pulsoxymeter
- Blutzuckermessgerät
- Stethoskop
- gegebenenfalls venöser Zugang und Infusionsmaterial bei entsprechender Kompetenz
Indikationsbezogene Medikamente
- Adrenalin 1 mg/ml zur i.m. Anaphylaxietherapie
- schnell wirksame Glukose
- bronchodilatatorisches Dosieraerosol plus Spacer
- ASS für ACS bei geeigneter Indikation
- gegebenenfalls Glukagon
- gegebenenfalls Benzodiazepin für prolongierten Krampfanfall
- weitere Medikamente nur nach Praxisprofil, SOP und sicherer Anwendungskompetenz
Sicherheitsmanagement
- Verfallsdaten und Sauerstofffüllstand regelmäßig prüfen
- Lagerort einheitlich und sofort zugänglich
- Medikamente eindeutig beschriften
- keine ähnlich aussehenden Adrenalinkonzentrationen unübersichtlich nebeneinander
- Teamtraining einschließlich Beutel-Masken-Beatmung, AED und Anaphylaxie
- reale Simulationen und Nachbesprechung dokumentieren
Oberarzt-Merksatz: Ein voller Notfallkoffer ohne trainiertes Team ist keine sichere Notfallversorgung.
SBAR-Übergabe an den Rettungsdienst
Patientenakte, Medikamentenampullen beziehungsweise Verpackungen und schriftliche Ereignisdokumentation werden mitgegeben, soweit erforderlich.
Dokumentation und Debriefing
Dokumentiert werden
- Beginn und Verlauf
- Bewusstsein und ABCDE-Befunde
- Vitalwerte mit Uhrzeiten
- Notrufzeit
- Medikamente mit Name, Konzentration, Dosis, Weg und Uhrzeit
- Reaktion auf jede Maßnahme
- Übergabezeit und Empfänger
- beteiligte Mitarbeitende
Nach dem Ereignis
- Material auffüllen
- technische Prüfung
- kurze strukturierte Teambesprechung
- Systemfehler ohne Schuldzuweisung erkennen
- gegebenenfalls belastete Teammitglieder unterstützen
Typische KP-Fälle
Fall 1 · Blass und bewusstlos nach Injektion
Denken: Synkope wahrscheinlich, aber nicht ungeprüft annehmen.
Antwort: Behandlung stoppen, Mundraum freimachen, Reaktion und Atmung prüfen, Hilfe rufen. Bei normaler Atmung flach lagern und Beine anheben, Vitalwerte kontrollieren und bei verzögerter Erholung BZ messen. Bei abnormaler Atmung sofort CPR/AED; bei fehlender rascher Erholung 112 und vollständiges ABCDE.
Fall 2 · Urtikaria, Heiserkeit und Dyspnoe
Denken: Anaphylaxie mit Atemwegsbeteiligung.
Antwort: Auslöser stoppen, 112, symptomgerecht lagern, beim Erwachsenen 0,5 mg Adrenalin i.m. in den anterolateralen Oberschenkel, Sauerstoff und Monitoring. Bei fehlender Besserung nach fünf Minuten Adrenalin wiederholen; Volumen bei Schock. Antihistaminikum und Steroid nur ergänzend.
Fall 3 · Diabetischer Patient aggressiv und verwirrt
Denken: Hypoglykämie bis zum Beweis des Gegenteils.
Antwort: BZ früh messen. Ist der Patient wach und schluckfähig, 15–20 g Glukose oral und nach 15 Minuten erneut kontrollieren. Bei Bewusstseinsstörung nichts oral, 112, Atemweg sichern und bei normaler Atmung stabile Seitenlage.
Fall 4 · Brustdruck mit Kaltschweißigkeit
Denken: ACS.
Antwort: Behandlung stoppen, 112, bequeme Lagerung, ABCDE und AED. Sauerstoff nur bei Hypoxämie. Bei fehlender Kontraindikation 300 mg ASS zum Kauen; eigenes Nitroglycerin nur nach Blutdruck- und Kontraindikationsprüfung.
Fall 5 · Kann nicht sprechen und greift an den Hals
Denken: schwere Fremdkörperverlegung.
Antwort: Bei ineffektivem Husten bis zu fünf Rückenschläge, danach bis zu fünf Oberbauchkompressionen und 112. Abwechselnd fortfahren. Bei Bewusstlosigkeit Reanimation beginnen; keine blinde Fingerinspektion.
Fall 6 · Metallischer Geschmack, Tinnitus und Zuckungen
Denken: LAST.
Antwort: Injektion sofort stoppen, 112, ABCDE, Sauerstoff und Ventilation, Krampf behandeln und Reanimationsbereitschaft herstellen. Verdacht ausdrücklich übergeben; bei schwerer LAST Lipidemulsion nach trainiertem aktuellem Protokoll.
Häufige Prüfungsfehler
| Fehler | Korrekte Entscheidung |
|---|---|
| bei jeder Synkope automatisch Sauerstoff | Sauerstoff bei Hypoxämie oder klarer klinischer Indikation |
| beim Bewusstlosen lange Pulsdiagnostik | sofort alarmieren, normale Atmung maximal zehn Sekunden beurteilen |
| Hautzeichen für Anaphylaxie verlangen | A/B/C-Probleme können ohne Hautzeichen auftreten |
| Antihistaminikum zuerst geben | Adrenalin i.m. ist die zeitkritische Erstlinientherapie |
| Adrenalin subkutan oder i.v. routinemäßig | intramuskulär in den anterolateralen Oberschenkel |
| bei Schlaganfall ASS geben | keine ASS-Gabe vor Ausschluss einer Blutung |
| bei hypertensivem Wert schnell senken | Endorgansymptome prüfen; keine unkontrollierte Akutsenkung |
| bei Krampfanfall etwas in den Mund schieben | Verletzungsschutz, Zeit messen, nachher Atemweg prüfen |
| bei Fremdkörper blind auswischen | nur sichtbaren, sicher erreichbaren Fremdkörper entfernen |
| bei LAST nur „beruhigen und beobachten“ | früh 112, Atemweg/Ventilation, Krampf- und Kreislaufmanagement |
KP-Gesamtantwort in 90 Sekunden
Bei einem medizinischen Notfall stoppe ich sofort die Behandlung, entferne Instrumente aus dem Mund, rufe gezielt Hilfe und prüfe die Reaktion. Ist der Patient bewusstlos, alarmiere ich 112 und beurteile gleichzeitig maximal zehn Sekunden die Atmung. Bei fehlender normaler Atmung beginne ich mit 30 zu 2, 100 bis 120 Kompressionen pro Minute und 5 bis 6 Zentimetern Drucktiefe; der AED wird sofort eingesetzt. Bei vorhandener normaler Atmung arbeite ich konsequent nach ABCDE, behandle jede akute Lebensgefahr unmittelbar und kontrolliere danach erneut. Sauerstoff gebe ich zielgerichtet bei Hypoxämie. Bei Anaphylaxie erhält ein Erwachsener sofort 0,5 mg Adrenalin intramuskulär, bei Hypoglykämie bekommt nur der wache, sicher schluckfähige Patient orale Glukose, und bei Schlaganfall oder ACS alarmiere ich ohne Verzögerung. Parallel delegiere ich Monitoring, Dokumentation und Einweisung des Rettungsdienstes. Abschließend übergebe ich strukturiert nach SBAR mit Befunden, Vitalwerten, Medikamenten, Dosen und Uhrzeiten.
Quellen, Gültigkeit und Anwendungshinweis
Diese Zusammenfassung ist eigenständig formuliert und für die zahnärztliche Kenntnisprüfung sowie das strukturierte Praxistraining konzipiert. Sie reproduziert keine geschützten Leitliniengrafiken oder Originaltabellen. Sie ersetzt keinen zertifizierten BLS-/ALS-Kurs, keine lokale SOP, keine Fachinformation und keine patientenbezogene ärztliche Entscheidung.
Fachliche Hauptgrundlagen
- European Resuscitation Council: ERC Guidelines 2025, Executive Summary und thematische Kapitel: erc.edu
- German Resuscitation Council: Reanimationsleitlinien 2025 und deutschsprachige Materialien: grc-org.de
- Resuscitation Council UK: Adult Basic Life Support Guidelines 2025: resus.org.uk
- Resuscitation Council UK: First Aid Guidelines 2025: resus.org.uk
- Resuscitation Council UK/ERC: Special Circumstances 2025 – Anaphylaxis: resus.org.uk
- ASRA Pain Medicine: Checklist for Treatment of Local Anesthetic Systemic Toxicity: asra.com
- AWMF/DGN: Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter, Register-Nr. 030-041: register.awmf.org
Fachlich geprüft: 15. August 2026. Leitlinien, Fachinformationen und regionale Vorgaben können sich ändern; vor klinischer Anwendung ist der aktuelle Originalstand zu prüfen.
Nutze jetzt die sechs KP-Fälle und die 90-Sekunden-Antwort zur aktiven mündlichen Wiederholung.