Kenntnisprüfung Zahnmedizin · Parodontologie · Kapitel 13

Periimplantäre Gesundheit & Erkrankungen – Mukositis und Periimplantitis

Vom Unterschied zwischen Zahn und Implantat über Baseline, Sondierung und Röntgenvergleich bis zur stufenweisen Prävention und Therapie: ein eigenständiges Implantatkapitel für die Kenntnisprüfung.

KP NiedersachsenParodontologie68 LernabschnitteStand September 2026
01 · Klinischer Einstieg

Ein Implantat blutet beim Sondieren – was bedeutet das?

Eine 58-jährige Patientin kommt zur Kontrolle eines seit sechs Jahren belasteten Implantats regio 46. Sie hat keine Schmerzen. Bukkal bestehen 7 mm Sondierungstiefe, Blutung und Eiteraustritt; im Vergleich zum Ausgangsröntgenbild ist der Knochenstand deutlich apikal verlagert.

Die Diagnose entsteht nicht aus einem Einzelwert. Zuerst vergleiche ich Entzündungszeichen, Sondierungstiefen, Mukosarand und Knochenstand mit der dokumentierten Ausgangssituation. Blutung allein kann eine Mukositis anzeigen; Blutung beziehungsweise Suppuration plus zunehmende Sondierungstiefe plus progressiver Knochenverlust sprechen für Periimplantitis.

Prüfungsfalle: Schmerzfreiheit schließt eine Periimplantitis nicht aus. Viele periimplantäre Läsionen bleiben lange symptomarm und werden erst durch systematische Nachsorge erkannt.

Prüfungseinstieg: „Die Diagnose stelle ich anhand der Gesamtbefundung und möglichst im Vergleich zur Baseline. Bei Blutung oder Suppuration, zunehmender Sondierungstiefe und Knochenverlust über das initiale Remodeling hinaus liegt eine Periimplantitis vor. Ohne Knochenprogression handelt es sich bei entzündeter Mukosa um eine periimplantäre Mukositis.“

02 · Kapitelgrenze

Was dieses Kapitel vollständig abdeckt

Dieses Kapitel ist bewusst als eigenständige Implantatgrundlage angelegt. Es erklärt Implantataufbau, Osseointegration, periimplantäre Anatomie, Gesundheit, Mukositis, Periimplantitis, Risikofaktoren, Diagnostik, Prävention und Therapie. Damit sind die für Parodontologie und KP typischen Implantatfragen auch ohne ein separates Implantologie-Kapitel verständlich.

Enthalten

Biologische Komplikationen

Entzündung, Progression, Knochenverlust, Prävention, nichtchirurgische und chirurgische Behandlungswege sowie Implantatentfernung.

Abgegrenzt

Chirurgische Implantatplanung

Bohrprotokoll, Augmentation vor Implantation, Sinuslift, Sofortimplantation und vollständige Implantatprothetik werden nur dort erklärt, wo sie das periimplantäre Risiko beeinflussen.

Die mukogingivale Augmentation ist in Kapitel 11, Medikamente und Adjuvanzien sind in Kapitel 12, die langfristige risikobasierte Nachsorge ist ausführlich in Kapitel 14 dargestellt.

03 · Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie …

  • die biologischen Unterschiede zwischen Zahn und Implantat erklären,
  • periimplantäre Gesundheit, Mukositis und Periimplantitis sauber definieren,
  • mit und ohne vorhandene Ausgangsbefunde korrekt diagnostizieren,
  • patienten-, implantat- und prothesenbezogene Risiken unterscheiden,
  • einen vollständigen Implantatstatus erheben und Differenzialdiagnosen prüfen,
  • Mukositis kausal behandeln und das Ergebnis nach 2–3 Monaten kontrollieren,
  • Periimplantitis stufenweise nichtchirurgisch und gegebenenfalls chirurgisch therapieren,
  • Resektion, Rekonstruktion, Implantoplastik und Explantation begründet einordnen.
Leitfrage für die KP: Ist nur die Mukosa entzündet, oder liegt zusätzlich ein progressiver Verlust des tragenden Knochens vor?
04 · Sprache der Implantologie

Begriffe und Kürzel

Die Begriffe, die in Befund, Therapieplanung und Prüfung sicher sitzen müssen
BegriffBedeutungPrüfungsrelevanz
ImplantatMeist schraubenförmiger endossaler Körper, überwiegend aus Titan; keramische Systeme sind möglich.Der enossale Körper ist vom Abutment und von der Suprakonstruktion zu unterscheiden.
AbutmentAufbau, der Implantat und prothetische Versorgung verbindet.Abutmentspalt, Kontur und Reinigbarkeit beeinflussen das lokale Milieu.
SuprakonstruktionKrone, Brücke oder Prothese auf Implantaten.Kann verschraubt oder zementiert und abnehmbar oder festsitzend sein.
OsseointegrationFunktioneller direkter Verbund zwischen vitalem Knochen und belasteter Implantatoberfläche.Mobilität spricht nicht für Mukositis, sondern für Verlust der Integration, Fraktur oder Lockerung einer Komponente.
BOP/SOPBleeding beziehungsweise suppuration on probing.Schonend an sechs Stellen erheben; Ausmaß und Muster dokumentieren.
PDProbing depth, klinische Sondierungstiefe.Der Verlauf gegenüber der Baseline ist wichtiger als ein isolierter Grenzwert.
SPICSupportive peri-implant care.Strukturierte Erhaltung mit Risiko-, Gewebe-, Hygiene- und Prothesenkontrolle.
PIKMPeri-implant keratinized mucosa.Breite, Dicke, Beweglichkeit, Komfort und Hygienefähigkeit werden gemeinsam beurteilt.

„Ich trenne Implantatkörper, Abutment und Suprakonstruktion. Biologisch beurteile ich Plaque, Mukosa, Sondierung, Blutung beziehungsweise Suppuration und Knochen; technisch prüfe ich Schrauben, Fraktur, Passung, Okklusion und Reinigbarkeit.“

05 · Konstruktion

Implantat, Abutment und Suprakonstruktion

Das Implantat übernimmt die Funktion einer künstlichen Wurzel, ist aber biologisch kein Zahn. Der Implantathals beziehungsweise die Schulter liegt am Übergang von intraossärer zu transmukosaler Zone. Auf dem Implantat sitzt ein Abutment oder eine mehrteilige Verbindung; darauf folgt die Einzelkrone, Brücke oder Deckprothese.

Biologie

Grenzfläche Gewebe

Die knöcherne Grenzfläche muss osseointegriert bleiben. Koronal schützt ein epithelial-bindegewebiger Weichgewebsverschluss die tieferen Strukturen.

Technik

Verbindung und Prothetik

Mikrospalt, Emergenzprofil, Überkonturierung, Schraubenkanal oder Zementfuge können Biofilmretention und Zugänglichkeit beeinflussen.

Bei Beschwerden prüfe ich deshalb nicht nur das Gewebe, sondern auch jede technische Ebene. Eine lockere Krone bei festem Implantat ist etwas anderes als ein mobiles Implantat.

06 · Biologische Verankerung

Osseointegration ist kein Parodontalligament

Osseointegration bezeichnet den klinisch stabilen, funktionellen Verbund zwischen lebendem Knochen und Implantatoberfläche ohne dazwischenliegendes Desmodont.

Nach atraumatischer Insertion entsteht zunächst Primärstabilität durch mechanische Verankerung. Im Heilungsverlauf wird sie durch biologische Sekundärstabilität ersetzt: Koagulum, Gefäßneubildung, Geflechtknochen, lamellärer Knochen und funktionelles Remodeling folgen aufeinander. Zu starke Mikrobewegung, Überhitzung, Infektion oder unzureichendes Knochenangebot können die Einheilung stören.

  • Kein Desmodont: keine Sharpey-Fasern, geringere taktile Sensibilität, andere Kraftübertragung.
  • Keine physiologische Zahnbeweglichkeit: ein osseointegriertes Implantat ist klinisch fest.
  • Keine Karies und keine Pulpitis: dafür sind biologische und technische Implantatkomplikationen möglich.
  • Remodeling ist nicht automatisch Krankheit: entscheidend ist ein entzündungsassoziierter progressiver Verlust über die individuelle Ausgangssituation hinaus.

„Osseointegration ist ein direkter funktioneller Knochen-Implantat-Verbund ohne Desmodont. Deshalb zeigt ein Implantat keine physiologische Zahnbeweglichkeit. Klinische Mobilität bedeutet bis zum Beweis des Gegenteils Verlust der Osseointegration, Implantatfraktur oder eine technische Lockerung, die ich differenzieren muss.“

07 · Periimplantäre Mukosa

Epithel, Bindegewebe und geringere Gefäßversorgung

Die periimplantäre Mukosa ist im Mittel etwa 3–4 mm hoch. Koronal finden sich Sulkusepithel und ein langes Saumepithel. Apikal davon liegt eine bindegewebige Kontaktzone. Kollagenfasern verlaufen überwiegend parallel oder zirkulär zur Implantatoberfläche; sie inserieren nicht wie am Zahn in Zement.

StrukturAm ZahnAm Implantat
SaumepithelHaftung an Schmelz/ZementMeist längere epitheliale Kontaktzone an Abutment/Implantat
BindegewebsfasernTeilweise inserierend und funktionell orientiertKeine Insertion in die Oberfläche; überwiegend parallel/zirkulär
GefäßversorgungAus Gingiva, Periost und DesmodontKeine desmodontale Versorgung; suprakrestal relativ geringer vaskularisiert
KnochenkontaktÜber Wurzelzement und Desmodont getrenntDirekter funktioneller Knochenkontakt bei Osseointegration

Diese Anatomie bedeutet nicht, dass jedes Implantat zwangsläufig erkrankt. Sie erklärt aber, warum Baseline, schonende Sondierung, gute Prothesenreinigbarkeit und frühe Entzündungskontrolle besonders wichtig sind.

08 · Kernvergleich

„Ein Implantat ist kein Zahn“

Gemeinsamkeiten und klinisch entscheidende Unterschiede
MerkmalZahnImplantatKonsequenz
VerankerungDesmodontOsseointegrationMobilität anders interpretieren.
FaseransatzInserierende FasernKeine inserierenden FasernDie Sonde kann bei Entzündung leichter apikal vordringen.
GefäßversorgungZusätzlich desmodontalOhne desmodontale GefäßeAndere Abwehr- und Heilungsbedingungen.
ErkrankungGingivitis/ParodontitisMukositis/PeriimplantitisAnalogie ja, Gleichsetzung nein.
OberflächeSchmelz/ZementTechnische, häufig mikrostrukturierte OberflächeSubmarginale Dekontamination ist schwieriger.
ProthetikNatürliche Krone oder RestaurationAbutment plus SuprakonstruktionKontur, Spalt und Zement sind eigene Risikofaktoren.

„Ein Implantat ist kein Zahn: Es besitzt weder Wurzelzement noch Desmodont, die Bindegewebsfasern inserieren nicht in die Oberfläche und die suprakrestale Gefäßversorgung ist geringer. Daher beurteile ich periimplantäre Gewebe mit eigener Baseline und implantatspezifischer Diagnostik.“

09 · Schutzbarriere

Der transmukosale Verschluss

Die periimplantäre Mukosa bildet eine epitheliale und bindegewebige Barriere um Abutment und Implantathals. Sie wird gelegentlich als „biologische Breite“ bezeichnet; präziser ist suprakrestaler periimplantärer Gewebekomplex. Seine Dimension variiert mit Implantatposition, Abutment, Phänotyp, Heilung und prothetischer Gestaltung.

  • Ein stabiles Saumepithel und eine entzündungsarme Bindegewebszone begrenzen den mikrobiellen Angriff.
  • Wiederholte Manipulationen, ungünstige Konturen, Plaque und submukosale Zementreste können die Barriere belasten.
  • Zu bukkale oder zu tiefe Positionen können Rezession, schwer reinigbare Nischen und ästhetische Probleme begünstigen.
Merksatz: Der Weichgewebsverschluss ist eine biologische Dichtung, aber kein desmodontaler Faserapparat.
10 · Ausgangsbefund

Ohne Baseline fehlt der wichtigste Vergleich

Nach Abschluss der definitiven prothetischen Versorgung werden klinische und radiologische Ausgangswerte festgehalten. Die EFP empfiehlt die erste periimplantäre Sondierung innerhalb von drei Monaten nach Eingliederung. Zusätzlich wird ein standardisiertes Röntgenbild als Referenz nach Einheilung beziehungsweise funktioneller Belastung benötigt.

Klinisch

Sechs Messstellen

PD, BOP/SOP, Mukosarand beziehungsweise Rezession, Plaque, keratinisierte Mukosa, Weichgewebsprofil und Hygienefähigkeit.

Radiologisch

Reproduzierbare Referenz

Orthoradiales Zahnfilmbild mit sichtbarer Implantatschulter und mesialem/distalem Knochenstand; Aufnahmegeometrie dokumentieren.

Auch Implantattyp, Durchmesser, Länge, Position, Einsetzdatum, Augmentation, Abutment, Befestigungsart und Suprakonstruktion gehören in die Dokumentation. Bei einem übernommenen Patienten versuche ich alte Befunde und Röntgenbilder anzufordern.

„Nach Eingliederung der Suprakonstruktion dokumentiere ich eine klinische Baseline mit sechs Sondierungsstellen und ein standardisiertes Röntgenbild. Der Grund dafür ist, dass periimplantäre Gesundheit nicht durch eine starre Taschentiefe definiert wird; entscheidend sind Entzündungszeichen und Veränderungen im Verlauf.“

11 · Diagnose

Periimplantäre Gesundheit

Gesunde periimplantäre Verhältnisse zeigen klinisch keine relevante Entzündung, keine Suppuration, keine Zunahme der Sondierungstiefe und keinen progressiven Knochenverlust über das initiale Remodeling hinaus. Gesundheit kann sowohl bei normalem als auch bei reduziertem Knochenangebot bestehen, etwa nach erfolgreich behandelter Periimplantitis.

  • Farbe und Kontur: kein pathologisches Erythem oder Ödem.
  • Sondierung: stabil zur Baseline; es gibt keinen universellen gesunden PD-Grenzwert.
  • Blutung: klassisch keine BOP/SOP; nach aktueller EFP/ID-COSM-Systematik kann ein einzelner punktförmiger Blutungspunkt mit kontrollierter Gesundheit vereinbar sein.
  • Knochen: kein fortschreitender entzündungsassoziierter Verlust.
Nuance: Eine 5-mm-Sondierung kann an einem Implantat stabil und gesund sein; 4 mm mit neuem BOP, Rezession und radiologischer Progression können krankhaft sein. Verlauf schlägt Einzelzahl.

„Periimplantäre Gesundheit bedeutet fehlende klinisch relevante Entzündung, keine Suppuration, stabile Sondierungswerte und keinen progressiven Knochenverlust. Einen festen gesunden Taschentiefengrenzwert gibt es nicht; auch bei reduziertem Knochenangebot kann ein behandeltes Implantat klinisch stabil sein.“

12 · Diagnose

Periimplantäre Mukositis

Mukositis ist eine biofilmassoziierte entzündliche Läsion der periimplantären Mukosa ohne fortschreitenden marginalen Knochenverlust über das initiale Remodeling hinaus.

Das klinische Leitsymptom ist Blutung auf schonende Sondierung. Rötung, Schwellung, Suppuration und eine durch Ödem oder geringeren Sondierungswiderstand erhöhte PD können hinzukommen. Nach der aktualisierten EFP/ID-COSM-Definition sprechen mehr als ein punktförmiger Blutungspunkt an einer Lokalisation, linienförmige beziehungsweise profuse Blutung oder Suppuration für Mukositis, sofern keine pathologische Knochenprogression besteht.

BefundTypisch bei MukositisWas zusätzlich geklärt wird
BOPMehrere Punkte, Linie oder profuse BlutungSchonende, standardisierte Sondierung
SOPMöglich, aber nicht obligatPeriimplantitis und Abszess ausschließen
PDKann durch Schwellung zunehmenVergleich mit Baseline und Rezession
RöntgenKein progressiver pathologischer KnochenverlustInitiales Remodeling und Aufnahmefehler berücksichtigen

Mukositis ist behandelbar; die klinische Auflösung kann nach Wiederherstellung der Biofilmkontrolle länger als drei Wochen dauern. Sie gilt als Vorläuferläsion der Periimplantitis, ohne dass jede Mukositis zwangsläufig fortschreitet.

„Eine periimplantäre Mukositis ist eine biofilmassoziierte Entzündung der Mukosa ohne progressiven Knochenverlust über das initiale Remodeling hinaus. Leitsymptom ist Blutung auf schonende Sondierung. Sie ist behandelbar, muss aber konsequent kontrolliert werden, weil sie einer Periimplantitis vorausgehen kann.“

13 · Diagnose

Periimplantitis

Periimplantitis ist eine plaqueassoziierte pathologische Erkrankung um ein Implantat mit Entzündung der periimplantären Mukosa und anschließendem progressivem Verlust des tragenden Knochens.

Wenn Vorbefunde vorhanden sind, benötigt die Diagnose die Kombination aus:

  1. Blutung und/oder Suppuration bei schonender Sondierung,
  2. Zunahme der PD gegenüber früheren Untersuchungen und
  3. Knochenverlust über die Veränderungen des initialen krestalen Remodelings hinaus.

Eine Rezession kann die PD maskieren: Wird der Mukosarand zwei Millimeter apikal verlagert, kann trotz fortschreitender Läsion eine unveränderte oder sogar geringere Sondierungstiefe gemessen werden. Deshalb sind PD, Rezession und radiologischer Verlauf zusammen zu lesen.

Nicht verwechseln: Ein tiefer Knochenstand ohne Entzündung und ohne weitere Progression kann eine stabile reduzierte Situation sein. Knochenverlust allein beweist keine aktuell aktive Periimplantitis.

„Periimplantitis diagnostiziere ich bei Entzündung mit BOP oder Suppuration, zunehmender Sondierungstiefe und progressivem Knochenverlust über das initiale Remodeling hinaus. Ich bewerte zusätzlich die Rezession, weil sie eine zunehmende Läsion in der reinen Taschentiefenmessung verdecken kann.“

14 · Fehlende Vorbefunde

Diagnose ohne Baseline: die Ersatzkriterien

Fehlen frühere klinische und radiologische Daten, soll zunächst versucht werden, Operationsbericht, Implantatpass, alte Röntgenbilder und Befunde zu beschaffen. Ist das nicht möglich, ist Periimplantitis konsistent mit folgender Kombination:

  • Blutung und/oder Suppuration bei schonender Sondierung,
  • PD von mindestens 6 mm und
  • Knochenstand mindestens 3 mm apikal des koronalsten Anteils des intraossären Implantatkörpers.

Diese Schwellen sind Ersatzkriterien für die Situation ohne Vorbefund, keine allgemeine Definition jedes Erkrankungsfalls. Sichtbare Entzündung kann unterschiedlich ausgeprägt sein; Rezession muss in die Interpretation eingehen.

„Ohne Vorbefunde suche ich zuerst nach alten Aufnahmen. Bleiben sie nicht verfügbar, kann ich Periimplantitis bei BOP oder Suppuration, einer Sondierungstiefe von mindestens 6 mm und einem Knochenstand von mindestens 3 mm apikal des koronalsten intraossären Implantatanteils diagnostizieren. Diese Grenzwerte ersetzen nicht den Verlaufsvergleich, wenn eine Baseline existiert.“

15 · Einordnung

Kein Staging und Grading wie bei Parodontitis

Die 2017/2018-Klassifikation unterscheidet periimplantäre Gesundheit, Mukositis, Periimplantitis sowie Hart- und Weichgewebsdefizite. Für Periimplantitis existiert derzeit kein allgemein etabliertes Staging-/Grading-System analog zur Parodontitis. Schweregrad, Defektmorphologie, Progression, Implantatposition und Behandelbarkeit werden beschreibend dokumentiert.

Aktuell

Diagnose + Beschreibung

Zum Beispiel: „Periimplantitis Implantat 46 mit BOP/SOP, PD bis 8 mm, 4 mm vertikalem mesialem Defekt und bukkaler Dehiszenz.“

Historisch

CIST-Protokoll

Das frühere „Cumulative Interceptive Supportive Therapy“-Schema ordnete Maßnahmen starren Befundstufen zu. Es ist didaktisch bekannt, wird aber durch aktuelle, diagnose- und endpunktbasierte Leitlinienpfade ersetzt.

Auch die alte Faustregel „bis 2 mm Knochenverlust im ersten Jahr und danach 0,2 mm pro Jahr“ ist keine zeitgemäße universelle Krankheitsgrenze. Maßgeblich sind patienten- und systemspezifische Baseline, initiales Remodeling und weitere Progression.

„Periimplantitis wird nicht wie Parodontitis gestaged und gegradet. Ich nenne Diagnose, Entzündungsbefund, maximale PD, Rezession, Knochenverlust und Defektmorphologie sowie prothetische und patientenbezogene Faktoren. Starre alte CIST- oder jährliche Knochenverlustschemata ersetzen diese Gesamtbeurteilung nicht.“

16 · Häufigkeit

Häufig – aber Zahlen hängen von Definition und Ebene ab

Systematische Übersichten berichten auf Patientenebene grob Größenordnungen um 40–50 % für Mukositis und um 20 % für Periimplantitis. Die Spannweite einzelner Studien ist jedoch groß. Prävalenzen verändern sich durch Falldefinition, Beobachtungszeit, Patientenauswahl, Implantatanzahl und Auswertung auf Patienten- oder Implantatebene.

Prüfungssicher formuliert: „Periimplantäre Erkrankungen sind häufig. Eine exakte Prozentzahl nenne ich nur mit Definition, Beobachtungszeit und Bezugsgröße.“

Für den einzelnen Patienten ist die Häufigkeit weniger wichtig als das individuelle Risiko. Mehr Implantate erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein Implantat betroffen ist; sie bedeuten nicht automatisch, dass jedes Implantat erkrankt.

17 · Ätiologie

Biofilm, Dysbiose und Wirtsantwort

Der primäre ätiologische Faktor ist ein organisierter Biofilm auf der nicht abschilfernden Implantat- und Prothesenoberfläche. Krankheit entsteht aus der gestörten Balance zwischen Biofilm und Wirtsantwort.

1
Pellikula und frühe BesiedlungProteine bedecken technische Oberflächen; frühe Kolonisierer haften an.
2
Reifer BiofilmKoaggregation, Matrix und sauerstoffarme Nischen fördern eine komplexe Gemeinschaft.
3
Entzündliche AntwortNeutrophile, Makrophagen, Lymphozyten, Plasmazellen und Mediatoren begrenzen Mikroben, schädigen bei Persistenz aber auch Gewebe.
4
MukositisDie Läsion bleibt auf die Weichgewebe begrenzt; klinisch tritt BOP auf.
5
PeriimplantitisBei Suszeptibilität und anhaltender Dysbiose breitet sich die Läsion apikal aus; Osteoklasten-vermittelter Knochenverlust folgt.

Lokale Nischen, schlechte Reinigbarkeit, systemische Belastungen und fehlende Nachsorge beeinflussen, ob die Homöostase wiederhergestellt wird oder die Entzündung fortschreitet.

„Periimplantäre Erkrankungen sind primär biofilmassoziiert. Der Grund dafür ist nicht ein einzelner Erreger, sondern die dysbiotische Gemeinschaft auf einer nicht abschilfernden Oberfläche zusammen mit einer suszeptiblen Wirtsantwort und lokalen Retentionsfaktoren.“

18 · Histopathologie

Von der begrenzten Mukosaläsion zum Knochenkontakt

Die Mukositis ähnelt histologisch einer Gingivitis: Das entzündliche Infiltrat liegt lateral zum Saum- beziehungsweise Taschenepithel, ist gefäßreich und enthält vor allem Plasmazellen und Lymphozyten. Es reicht nicht apikal in den suprakrestalen Bereich.

Die Periimplantitisläsion ist größer, enthält höhere Anteile an Neutrophilen und B-Zellen und kann bis an den krestalen Knochen sowie an die kontaminierte Implantatoberfläche reichen. Im Vergleich zur Parodontitisläsion fehlen schützende desmodontale und zementale Strukturen; die Ausbreitung kann daher klinisch dynamisch sein.

Merksatz: Mukositis = entzündete Mukosa ohne progressive Knochenzerstörung. Periimplantitis = Entzündung plus progressiver Verlust der knöchernen Stütze.
19 · Mikrobielles Profil

Keine spezifische „Periimplantitis-Bakterie“

Periimplantäre Läsionen enthalten komplexe polymikrobielle Gemeinschaften mit vielen anaeroben und proteolytischen Spezies, die auch aus parodontalen Taschen bekannt sind. Zusätzlich können opportunistische Mikroorganismen vorkommen. Bisher wurde jedoch weder ein einzigartiges Bakterium noch ein pathognomonisches Zytokinprofil identifiziert.

  • Ein positiver PCR-Befund beweist keine aktive Periimplantitis.
  • Ein negativer Test schließt eine klinisch-radiologisch eindeutige Erkrankung nicht aus.
  • Routine-Keimtests verbessern die Standardtherapie nicht zuverlässig.
  • Eine Probe kommt höchstens bei atypischem Verlauf, wiederholtem Therapieversagen oder spezieller infektiologischer Fragestellung infrage, wenn das Ergebnis das Vorgehen verändert.
Prüfungsantwort: Die Diagnose ist klinisch-radiologisch und verlaufsbezogen, nicht mikrobiologisch.
20 · Krankheitsdynamik

Progression kann früh, nichtlinear und beschleunigt sein

Periimplantitis kann bereits wenige Jahre nach prothetischer Versorgung auftreten. Unbehandelt verläuft sie nicht zwingend linear; Phasen langsamer Veränderung können von beschleunigtem Knochenverlust abgelöst werden. Im Mittel kann die Progression schneller sein als bei Parodontitis, doch die Geschwindigkeit variiert deutlich zwischen Patienten und Implantaten.

Mukositis geht der Periimplantitis wahrscheinlich voraus. Welche einzelne Mukositis fortschreitet, lässt sich jedoch nicht sicher vorhersagen. Deshalb wird jede persistierende Entzündung behandelt, anstatt auf Knochenverlust zu warten.

Früh erkennen

Verlauf dokumentieren

Neue BOP/SOP, zunehmende PD oder Rezession lösen Ursachenanalyse und gegebenenfalls ein standardisiertes Röntgenbild aus.

Früh handeln

Mukositis kontrollieren

Biofilm und Retentionsfaktoren beseitigen, häusliche Pflege ermöglichen und nach 2–3 Monaten reevaluieren.

„Periimplantitis kann früh beginnen und nichtlinear beschleunigt fortschreiten. Da eine Mukositis der Periimplantitis vorausgehen kann, behandle ich persistierende Blutung konsequent und dokumentiere Veränderungen von PD, Mukosarand und Knochenstand im Verlauf.“

21 · Risikoprofil

Patient, Implantat und Suprakonstruktion gemeinsam beurteilen

Praktische Einteilung der Risikofaktoren und -indikatoren
EbeneBesonders wichtigKonsequenz
PatientParodontitisanamnese, Plaquekontrolle, Adhärenz, Rauchen, Diabetes, allgemeine BelastbarkeitVor Implantation stabilisieren, aufklären, Nachsorge individualisieren.
Implantat/GewebePosition, dreidimensionaler Knochen, Weichgewebsphänotyp, Defektmorphologie, OberflächeBehandelbarkeit, Hygienefähigkeit und Operationswahl prüfen.
ProthetikEmergenzprofil, Überkontur, Kontaktpunkte, Zugang, Restzement, AbnehmbarkeitVor oder im Rahmen der Therapie reinigen, korrigieren oder neu gestalten.
VersorgungssystemFehlende Baseline, keine SPIC, unklare VerantwortlichkeitStrukturierten Recall und eindeutige Dokumentation etablieren.

Die am stärksten etablierten Risikokonstellationen sind eine Vorgeschichte schwerer Parodontitis, schlechte Plaquekontrolle und fehlende regelmäßige SPIC. Für Rauchen, Diabetes und mehrere lokale Faktoren ist die Assoziation plausibel und klinisch relevant, aber in älteren Konsensusanalysen weniger eindeutig quantifiziert.

„Mein Risikoprofil umfasst Patient, Implantat, Gewebe, Prothetik und Nachsorge. Besonders relevant sind eine schwere Parodontitisanamnese, unzureichende Biofilmkontrolle und fehlende regelmäßige SPIC. Ob es gut ausgeht, hängt zusätzlich von Rauchstatus, Stoffwechselkontrolle, Implantatposition und Reinigbarkeit ab.“

22 · Hauptrisiko

Parodontitis vor Implantation stabilisieren

Patienten mit vorausgegangener schwerer Parodontitis haben ein erhöhtes Risiko für periimplantäre Erkrankungen und Implantatverlust. Ein Implantat beseitigt nicht die individuelle Suszeptibilität. Resttaschen, hohe Entzündungslast, Rauchen, schlechte Plaquekontrolle und unregelmäßige Nachsorge verschärfen das Risiko.

  1. Vor Implantation: vollständige parodontale Diagnose und Therapie.
  2. Stabiler Endpunkt: möglichst geringe Entzündung, kontrollierbare Resttaschen, gute häusliche Plaquekontrolle.
  3. Prognosegespräch: Implantat ist bei entsprechender Vorgeschichte keine wartungsfreie Lösung.
  4. Nach Implantation: Zähne und Implantate im selben risikobasierten Erhaltungskonzept betreuen.
Strategischer Fehler: Einen parodontal fraglichen, aber therapierbaren Zahn zu extrahieren und sofort durch ein Implantat zu ersetzen, reduziert nicht automatisch das biologische Risiko.

„Eine behandelte Parodontitis ist keine absolute Kontraindikation für Implantate, erhöht aber das Langzeitrisiko. Vor der Implantation behandle ich die Parodontitis bis zu einem stabilen Endpunkt, prüfe die Hygienefähigkeit und vereinbare verbindlich eine risikobasierte Nachsorge.“

23 · Modifizierbares Risiko

Plaque plus fehlende Nachsorge ist die gefährliche Kombination

Unzureichende häusliche Biofilmkontrolle erhöht die Wahrscheinlichkeit von Mukositis und Periimplantitis. Fehlende regelmäßige SPIC lässt Entzündung, prothetische Probleme und Verhaltensänderungen unentdeckt. Professionelle Reinigung allein kompensiert jedoch keine täglich unzugängliche oder nicht gereinigte Konstruktion.

1
Biofilm sichtbar machenPlaque anfärben, Problemflächen gemeinsam identifizieren.
2
Zugang schaffenPassende Bürsten, Interdentalbürsten, Einbüschelbürste oder Superfloss auswählen; Prothetik bei Bedarf ändern.
3
Fähigkeit prüfenNicht nur erklären, sondern vom Patienten demonstrieren lassen.
4
Ergebnis messenPlaque, BOP/SOP und PD bei den Kontrollen vergleichen.
24 · Verhaltensfaktor

Rauchen: Risiko kontrollieren, Blutung nicht überschätzen

Rauchen beeinflusst Immunantwort, Gefäßreaktion und Wundheilung und ist klinisch als wichtiger modifizierbarer Faktor zu behandeln. Die Stärke der unabhängigen Assoziation zur Periimplantitis variiert zwischen Studien, unter anderem wegen unterschiedlicher Definitionen und gemeinsamer Risikofaktoren.

  • Art, Menge und Dauer des Tabakkonsums sowie E-Zigaretten und Nikotinprodukte erfassen.
  • Rauchende Patienten können trotz aktiver Erkrankung weniger deutlich bluten; fehlende BOP allein beruhigt daher nicht.
  • Rauchstopp kurz, wertschätzend und wiederholt ansprechen; konkrete Unterstützung anbieten.
  • Bei fortgesetztem Konsum Prognose, Wundheilungsrisiko und engere Kontrollen besprechen.
Formulierung: „Rauchen ist kein Grund, nichts zu behandeln. Es ist ein Grund, Risiko und Prognose offen zu besprechen und die Entwöhnung aktiv zu unterstützen.“
25 · Systemische Faktoren

Diabetes: Stoffwechselkontrolle ist wichtiger als das Etikett

Hyperglykämie kann Immunregulation, Mikrozirkulation und Wundheilung beeinträchtigen. Die periimplantäre Datenlage ist heterogen, dennoch gehört die aktuelle glykämische Kontrolle in Anamnese und Therapieplanung. Ein gut eingestellter Diabetes ist nicht mit einem unkontrollierten Diabetes gleichzusetzen.

Erheben

Aktueller Status

Diabetestyp, Therapie, letzte HbA1c-Kontrolle, Hypoglykämien, Folgeerkrankungen und ärztliche Betreuung.

Handeln

Interdisziplinär stabilisieren

Bei schlechter oder unbekannter Einstellung nicht elektiv improvisieren, sondern medizinisch rückkoppeln und Entzündung engmaschig kontrollieren.

Immunsuppression, Bestrahlung, schwere Allgemeinerkrankung oder Medikamente können Behandlung und Heilung ebenfalls verändern. Sie sind keine pauschalen Erklärungen für jede Periimplantitis; die konkrete Erkrankung, Dosis, Dauer, Organfunktion und Infektionslage entscheiden.

26 · Lokaler Schlüsselfaktor

Eine nicht reinigbare Prothetik ist ein Therapiehindernis

Das Emergenzprofil beschreibt die Kontur vom Implantat beziehungsweise Abutment zur klinischen Krone. Starke Konvexität, Überkonturierung, tiefe Approximalräume, breite Brückenglieder oder schlecht zugängliche Stege können häusliche und professionelle Reinigung verhindern.

PrüfungGünstigProblematisch
BürstenzugangInterdentalbürste erreicht die Fläche ohne TraumaKontaktpunkt oder Kontur blockiert den Zugang
EmergenzReinigbare, gewebefreundliche KonturÜberkontur und tiefer, steiler Übergang
AbnehmbarkeitVerschraubte Versorgung planbar zugänglichZementierte oder nicht lösbare Konstruktion erschwert Therapie
MaterialoberflächeGlatt, intakt, polierbarRau, beschädigt, überstehend oder porös

Wenn die Konstruktion Reinigung verhindert, reicht eine weitere Instruktion nicht. Dann wird sie gereinigt, abgenommen, ausgeschliffen, poliert, umgestaltet oder erneuert. Dabei müssen Stabilität, Ästhetik, Phonetik und Frakturrisiko erhalten bleiben.

„Ich prüfe die Hygienefähigkeit praktisch mit dem vorgesehenen Hilfsmittel. Wenn der Patient die Implantatoberfläche wegen Überkontur, Kontaktpunkt oder Suprakonstruktion nicht erreichen kann, muss ich die Prothetik reinigen, abnehmen, modifizieren oder neu gestalten; Motivation allein löst ein Zugangsproblem nicht.“

27 · Iatrogener Faktor

Submukosaler Restzement

Bei zementierten Versorgungen können Reste tief submukosal verbleiben und als lokaler Plaque- und Fremdkörperreiz wirken. Das Risiko steigt bei tief liegender Zementfuge, schlechter Sicht und schwer zugänglicher Implantatposition. Nicht jede zementierte Krone verursacht Krankheit, aber Restzement muss bei lokalisierter Entzündung gezielt gesucht werden.

  • Klinische Inspektion, vorsichtige Sondierung und gegebenenfalls Abnahme der Krone.
  • Röntgen kann röntgendichten Zement zeigen, schließt röntgenlucente oder bukkal/lingual gelegene Reste aber nicht aus.
  • Zement vollständig und oberflächenschonend entfernen; Gewebe und Prothese reinigen.
  • Anschließend BOP/SOP und PD reevaluieren; vorhandenen Knochenverlust nicht durch Zemententfernung allein als gelöst betrachten.
Prävention: Supramukosale oder gut zugängliche Zementgrenze, minimale Zementmenge beziehungsweise verschraubte Lösung, wenn klinisch sinnvoll.
28 · Dreidimensionale Planung

Position bestimmt Gewebe, Prothetik und Reinigbarkeit

Ein Implantat muss prothetisch geführt und in ausreichendem Abstand zu Nachbarstrukturen innerhalb des knöchernen Angebots positioniert werden. Zu bukkale, zu tiefe, zu enge oder stark angulierte Implantate können dünne Knochenlamellen, Rezession, nicht reinigbare Konturen und erschwerte chirurgische Zugänge verursachen.

Mesiodistal

Abstände und Papille

Nachbarzahn, Nachbarimplantat, Kontaktpunkt und Knochenkamm beeinflussen Gewebeerhalt und Hygieneraum.

Orovestibulär

Knochenlamelle

Ausreichendes bukkales und orales Knochenangebot hilft, Dehiszenz und ungünstige Emergenz zu vermeiden.

Apikokoronal

Tiefe

Zu tief erschwert Zugang und Zementkontrolle; zu flach kann ästhetisch und biomechanisch problematisch sein.

Achse

Prothetische Führung

Fehlangulation erzwingt häufig überkonturierte oder technisch kompromittierte Rekonstruktionen.

Eine Fehlposition ist nicht automatisch Periimplantitis, kann aber die Entstehung begünstigen und die Therapie begrenzen. Bei nicht korrigierbarer Position kann Explantation sinnvoller sein als wiederholte Reparaturversuche.

29 · Weichgewebsphänotyp

Keratinisierte Mukosa: nicht nur Millimeter zählen

Die direkte Kausalität einer schmalen periimplantären keratinisierten Mukosa für Periimplantitis ist nicht abschließend geklärt. Klinisch kann ein Mangel jedoch mit Putzbeschwerden, Plaqueakkumulation, Entzündung und Rezession assoziiert sein. Deshalb beurteile ich nicht nur die Breite, sondern auch Dicke, Beweglichkeit, Vestibulum, Schmerz, Rezession und Hygienefähigkeit.

BefundKonservative KonsequenzMögliche chirurgische Konsequenz
Schmal, aber schmerzfrei und sauberBeobachten, Technik optimieren, SPICKeine prophylaktische Operation allein wegen einer Zahl
Bewegliche Mukosa mit PutzschmerzSanfte Hilfsmittel, Entzündung kontrollierenAugmentation keratinisierter Mukosa erwägen
Dünnes Gewebe mit Rezession/ÄsthetikproblemTrauma und Prothetik prüfenVolumenaugmentation beziehungsweise Deckung selektiv planen
Periimplantitis mit WeichgewebsdefizitZuerst InfektionskontrolleKombiniertes Vorgehen abhängig von Defekt und Verschluss

„Eine geringe Breite keratinisierter Mukosa ist nicht automatisch Periimplantitis. Ich beurteile zusätzlich Dicke, Beweglichkeit, Rezession, Putzkomfort und Plaquekontrolle. Eine Weichgewebsaugmentation erwäge ich selektiv, wenn Hygiene, Komfort, Stabilität oder Ästhetik dadurch voraussichtlich verbessert werden.“

30 · Belastung

Okklusale Überlastung ist keine Ersatzdiagnose für Biofilmkrankheit

Implantate besitzen kein Desmodont und tolerieren Fehlbelastung anders als Zähne. Überlastung kann technische Komplikationen wie Schraubenlockerung, Chipping, Fraktur oder Materialverschleiß begünstigen. Als alleinige primäre Ursache einer biofilmassoziierten Periimplantitis ist sie jedoch nicht überzeugend belegt.

  • Okklusion, Parafunktion, Antagonisten und prothetisches Design prüfen.
  • Schraubenlockerung, Abutment- oder Implantatfraktur und Zementversagen ausschließen.
  • Bei Entzündung und Knochenprogression nicht nur „Überlastung“ behandeln, sondern Biofilm und lokale Ursachen kontrollieren.
  • Okklusale Korrektur nur bei nachvollziehbarem mechanischem Befund; nicht als alleinige Periimplantitistherapie.
31 · Materialfragen

Raue Oberflächen, Korrosion und Titanpartikel

Mikrostrukturierte Implantatoberflächen fördern die Osseointegration, erschweren nach Exposition aber die vollständige submukosale Reinigung. Titanpartikel und Korrosionsprodukte können in periimplantären Geweben nachgewiesen werden; ihre Rolle als Ursache, Folge oder Verstärker der Erkrankung ist noch nicht eindeutig geklärt.

Ausgewogene Antwort: Biofilm bleibt der primäre ätiologische Faktor. Oberfläche, Partikel, Mikrobewegung und Biokorrosion können das lokale Milieu beeinflussen, rechtfertigen aber keine monokausale Diagnose.

Instrumente und Verfahren sollen Ablagerungen wirksam entfernen, ohne unnötig Oberfläche, Abutment oder Weichgewebe zu beschädigen. „Oberflächenschonend“ darf nicht mit „wirkungslos“ verwechselt werden; ebenso darf aggressive Bearbeitung nicht als vollständige Sterilisation verkauft werden.

32 · Diagnostischer Pfad

Von Anamnese und Inspektion zum Verlaufsvergleich

1
AnamneseBeschwerden, Implantatzeitpunkt, frühere Parodontitis, Nachsorge, Rauchen, Diabetes, Medikation und frühere Komplikationen.
2
Technische InspektionProthetik, Passung, Lockerung, Fraktur, Okklusion, Zement und Hygienefähigkeit.
3
Klinischer ImplantatstatusPlaque, sechs PD-Werte, BOP/SOP, Mukosarand, PIKM, Palpation und Mobilität.
4
Baseline-VergleichNeue Befunde mit früheren Sondierungswerten, Fotos und standardisierten Röntgenbildern vergleichen.
5
Diagnose und BehandelbarkeitGesundheit, Mukositis, Periimplantitis oder andere Ursache; anschließend Risikofaktoren, Defekt und Prognose bestimmen.

Labor, mikrobiologische Tests und DVT sind keine routinemäßigen ersten Schritte. Sie werden nur eingesetzt, wenn eine konkrete Zusatzfrage besteht und das Ergebnis das Management beeinflusst.

33 · Klinischer Schlüsselbefund

Implantate dürfen und sollen sondiert werden

Schonende Sondierung ist sicher und unverzichtbar. Die EFP empfiehlt eine standardisierte manuelle Parodontalsonde mit etwa 0,5 mm Spitzendurchmesser und leichter Kraft um 0,2 N. Gemessen wird zirkulär, idealerweise an sechs Stellen, möglichst mit gleicher Sonde, Kraft und Prothesensituation wie bei der Baseline.

  • Sonde parallel zur Implantatachse beziehungsweise an die prothetische Kontur angepasst einführen.
  • Nicht mit Gewalt unter die Mukosa oder gegen die raue Oberfläche drücken.
  • PD auf den nächsten Millimeter, BOP/SOP und Mukosarand dokumentieren.
  • Unter Entzündung kann die Sonde tiefer eindringen; genau deshalb ist der Verlaufsvergleich wertvoll.
  • Kunststoffsonden sind nicht obligatorisch. Entscheidend sind Standardisierung, Lesbarkeit, schonende Kraft und hygienisch einwandfreies Instrument.
Prüfungsfehler: „Implantate darf man nicht sondieren, weil man den Saumepithelverschluss zerstört“ ist falsch. Ohne Sondierung werden frühe Entzündung und PD-Veränderung übersehen.

„Ich sondiere jedes Implantat schonend an sechs Stellen mit ungefähr 0,2 N und einer standardisierten Sonde von etwa 0,5 mm Spitzendurchmesser. Ich dokumentiere PD, BOP/SOP und Mukosarand und vergleiche sie mit der Baseline; das Sondenmaterial allein entscheidet nicht über die Sicherheit.“

34 · Entzündungszeichen

BOP-Muster und Eiteraustritt richtig lesen

BOP ist der empfindlichste klinische Entzündungsmarker, aber nicht jeder einzelne Blutungspunkt bedeutet dieselbe Krankheitslast. Kraft, Sondenspitze, Gewebedicke und lokale Verletzung beeinflussen den Befund. Ein einzelner punktförmiger BOP kann nach aktueller Endpunktdefinition mit kontrollierter Situation vereinbar sein; mehrere Punkte, linienförmige oder profuse Blutung sind deutlich verdächtiger.

BefundInterpretationNächster Schritt
Kein BOP/SOPStarker Hinweis auf StabilitätBaseline und SPIC fortführen
Ein punktförmiger BOPTechnik und Verlauf prüfen; kann kontrolliert seinPlaque, PD und Baseline einbeziehen
Mehrere/linienförmige/profuse BOPKlinisch relevante MukosaentzündungKausal behandeln, Knochenprogression abklären
SuppurationDeutliche aktive Entzündung; häufig fortgeschrittene LäsionPeriimplantitis/Abszess und lokale Ursache prüfen

Bei Rauchern kann die Blutungsreaktion gedämpft sein. Umgekehrt ist Suppuration kein automatischer Grund für ein systemisches Antibiotikum; mechanische Ursachenbehandlung und Diagnostik bleiben zentral.

35 · Verlaufsparameter

PD und Mukosarand immer zusammen dokumentieren

Die Sondierungstiefe hängt von der vertikalen Gewebedimension und der Position des Mukosarands ab. Deshalb gibt es keinen universellen PD-Grenzwert für Gesundheit. Ein Anstieg gegenüber der Baseline ist relevant, besonders mit neuem BOP/SOP.

Die Distanz von einer festen Referenz – zum Beispiel Restaurationsrand oder Implantatschulter – zum Mukosarand zeigt Rezession beziehungsweise Hyperplasie. Aus PD und Mukosarand lässt sich ein klinisches Niveau analog zum Attachmentbezug beschreiben, auch wenn am Implantat kein echtes Desmodontalattachment vorliegt.

Beispiel: Baseline PD 4 mm, später PD 4 mm bei 3 mm Rezession: Die reine PD ist unverändert, der Gewebeverlust aber nicht. Röntgenvergleich und Entzündungsbefund entscheiden.
36 · Bildgebung

Standardisiertes Zahnfilmbild: Verlauf statt Momentaufnahme

Für die marginale Knochenbeurteilung ist ein orthoradial angefertigtes intraorales Röntgenbild meist die Methode der Wahl. Paralleltechnik und Haltersystem verbessern die Reproduzierbarkeit. Sichtbar sein sollen Implantatschulter, Gewindegänge und mesialer sowie distaler Knochenkontakt.

  • Baseline: Aufnahme nach definitiver Versorgung beziehungsweise nach der initialen Remodelingphase als Referenz.
  • Indikation: neue Entzündung, PD-Zunahme, Suppuration, Rezession, Mobilitätsverdacht oder Verlaufskontrolle nach Therapie.
  • Vergleich: gleiche Projektion; Verzeichnung und Messfehler berücksichtigen.
  • Grenze: bukkale und orale Defekte überlagern sich; ein zweidimensionales Bild zeigt nicht die komplette Defektmorphologie.

Ein OPG ist für den Gesamtüberblick geeignet, aber für kleine marginale Veränderungen häufig weniger präzise. Es ersetzt bei konkreter periimplantärer Frage nicht automatisch den standardisierten Zahnfilm.

„Radiologisch bevorzuge ich für den Verlauf ein standardisiertes orthoradiales Zahnfilmbild und vergleiche den mesialen und distalen Knochenstand mit der Baseline. Ich berücksichtige Projektionsfehler und weiß, dass bukkale und orale Defekte zweidimensional nicht zuverlässig abgebildet werden.“

37 · Dreidimensionale Bildgebung

DVT/CBCT nur bei konkretem Zusatznutzen

Ein DVT kann buccale/orale Knochenwände, Defektkonfiguration, Nachbarstrukturen und Implantatposition dreidimensional darstellen. Metallartefakte können die unmittelbare Implantatumgebung jedoch verschleiern. Wegen Strahlenexposition ist es kein Routine-Screening bei Mukositis oder jedem Periimplantitisverdacht.

Sinnvoll

Therapieentscheidende 3D-Frage

Unklare Defektausdehnung vor komplexer Chirurgie, Verdacht auf bukkale Dehiszenz, Beziehung zu Nachbarstrukturen oder Explantationsplanung.

Nicht sinnvoll

Routine ohne Konsequenz

Wenn klinischer Status und Zahnfilm Diagnose und Management bereits ausreichend bestimmen oder das Ergebnis die Therapie nicht ändert.

Es gilt das Rechtfertigungsprinzip: kleinstes geeignetes Volumen, angemessene Auflösung und fachkundige Befundung.

38 · Alarmbefund

Bewegt sich die Krone, das Abutment oder der Implantatkörper?

Ein osseointegriertes Implantat besitzt keine physiologische Beweglichkeit. Vor einer Prognoseentscheidung muss jedoch die Ebene der Bewegung geklärt werden:

  1. Suprakonstruktion mit zwei Instrumentengriffen beziehungsweise kontrolliertem Druck prüfen.
  2. Schraubenlockerung, Zementversagen oder Fraktur ausschließen.
  3. Wenn möglich Suprakonstruktion entfernen und Implantatkörper separat testen.
  4. Röntgenbild und klinische Entzündungs-/Frakturzeichen ergänzen.

Ist der Implantatkörper tatsächlich mobil, ist die Osseointegration verloren oder der Körper frakturiert. Eine regenerative Periimplantitistherapie ist dann nicht angezeigt; das Implantat muss in der Regel entfernt werden. Resonanzfrequenzanalyse oder Periotest können Stabilitätsdaten liefern, ersetzen aber die klinische Diagnose nicht.

39 · Nicht jede Läsion ist Periimplantitis

Differenzialdiagnosen und imitierende Befunde

BefundHinweisAbklärung
Initiales RemodelingFrühe krestale Anpassung ohne fortgesetzte EntzündungsprogressionBaseline, Zeitpunkt, Verlauf
Stabile reduzierte StützeFrüherer Knochenverlust, aktuell keine ProgressionBOP/SOP, PD-Verlauf, Vergleichsbilder
Periapikale/retrograde LäsionApikaler Defekt bei koronal teils gesundem GewebeNachbarzähne, Vitalität/Endodontie, Implantationsverlauf
Restzement/FremdkörperLokal begrenzte Entzündung nahe ZementfugeProthese abnehmen, chirurgische Inspektion bei Bedarf
Technische KomplikationLockerung, Chipping, Spalt, Fraktur, OkklusionsproblemKomponenten separat prüfen
Früher ImplantatverlustFehlende Einheilung vor oder kurz nach BelastungNicht automatisch als Periimplantitis klassifizieren
Nicht plaqueassoziierte LäsionUngewöhnliche Masse, Ulzeration, rasche DestruktionBiopsie/Überweisung; Neoplasie und reaktive Läsionen ausschließen
Red flags: persistierende Ulzeration, indurierte oder exophytische Masse, Parästhesie, atypische Blutung oder radiologische Destruktion ohne typisches periimplantäres Muster verlangen zeitnahe weiterführende Diagnostik.
40 · Dokumentation

Der vollständige Implantatstatus

Minimaldatensatz pro Implantat und Gesamtpatient
EbeneZu dokumentieren
ImplantatidentitätRegion, System, Länge/Durchmesser soweit bekannt, Insertions- und Belastungsdatum, Augmentation, Implantatpass
Sechs StellenPD, BOP, SOP, Plaque sowie Mukosarand/Rezession mesio-bukkal, bukkal, disto-bukkal, mesio-oral, oral, disto-oral
WeichgewebeErythem, Ödem, PIKM-Breite und -Qualität, Phänotyp, Fistel, Schmerz, Putzkomfort
ProthetikArt, Befestigung, Emergenz, Kontaktpunkte, Reinigbarkeit, Zementverdacht, Lockerung/Fraktur, Okklusion
KnochenStandardisiertes Referenzbild, aktueller mesialer/distaler Stand, Defektmuster und Veränderung
PatientenrisikoParodontalstatus, Plaque, Rauchen, Diabetes, Medikation, Adhärenz und SPIC-Teilnahme
Diagnose/PlanGesundheit, Mukositis, Periimplantitis oder andere Diagnose; Ziele, Maßnahmen, Aufklärung und Kontrollzeitpunkt

„Mein Implantatstatus umfasst sechs Stellen mit PD, BOP/SOP, Plaque und Mukosarand, dazu PIKM, Mobilität, Prothetik, Okklusion und radiologischen Verlauf. Ich dokumentiere außerdem Implantatdaten, Parodontalstatus, Rauchen, Diabetes und Nachsorgeadhärenz, weil die Diagnose und Prognose aus dem Gesamtbild entstehen.“

41 · Primärprävention

Prävention beginnt vor der Implantation

Periimplantäre Gesundheit wird nicht erst im Recall geschaffen. Vor der Implantatentscheidung werden Zahnerhalt, parodontale Stabilität, allgemeine Risiken, Hygienefähigkeit, Erwartungen und die langfristige Finanzierbarkeit der Nachsorge geklärt.

1
Indikation und AlternativenErhaltungsfähigen Zahn, Brücke, herausnehmbaren Ersatz und Implantat patientenbezogen vergleichen.
2
InfektionskontrolleKaries, endodontische Herde, Gingivitis und Parodontitis behandeln; stabile parodontale Endpunkte erreichen.
3
RisikofaktorenPlaquekontrolle, Rauchen, Diabetes und allgemeine Belastbarkeit optimieren.
4
Prothetisch geführte PlanungKnochen, Weichgewebe, Implantatposition, Emergenz, Belastung und spätere Reinigbarkeit gemeinsam planen.
5
Einwilligung und NachsorgevertragKomplikationsrisiko, Eigenpflege, SPIC, Kosten und mögliche spätere Eingriffe verständlich besprechen.
Kern: Implantatüberleben allein ist kein ausreichendes Erfolgsmaß. Gesundheit, Funktion, Ästhetik, Reinigbarkeit, Patientenzufriedenheit und komplikationsarme Langzeitstabilität gehören dazu.
42 · Iatrogene Prävention

Position und Prothetik müssen spätere Pflege ermöglichen

Bei der chirurgischen und prothetischen Umsetzung wird die spätere Wartbarkeit mitgeplant. Ein technisch integriertes Implantat kann biologisch problematisch sein, wenn die bukkale Knochenlamelle fehlt, die Krone tief überkonturiert ist oder der Patient keine Implantatfläche erreicht.

  • dreidimensional korrekte, prothetisch geführte Implantatposition,
  • ausreichende Hart- und Weichgewebsbedingungen beziehungsweise geplante Korrektur,
  • passive, stabile und reparierbare Suprakonstruktion,
  • reinigbares Emergenzprofil und erreichbare Approximalräume,
  • kontrollierbare Zementfuge oder verschraubte Lösung, wenn geeignet,
  • polierte, intakte Oberflächen und funktionell sinnvolle Okklusion,
  • Baseline-Status und Übergabe klarer Pflegehilfsmittel nach Eingliederung.

Die beste häusliche Technik ist diejenige, die der Patient mit der konkreten Konstruktion täglich sicher anwenden kann. Deshalb wird die Versorgung vor Abschluss praktisch mit Interdentalbürste, Einbüschelbürste oder Faden getestet.

43 · Erhaltung

Supportive peri-implant care ist Teil der Implantattherapie

SPIC umfasst mehr als professionelle Reinigung. Bei jeder risikobasierten Sitzung werden Veränderungen erkannt, Biofilm kontrolliert, die Prothetik geprüft und das Selbstmanagement angepasst. Das Intervall richtet sich nach Parodontitisanamnese, Entzündung, Plaque, Rauchen, Diabetes, Implantatanzahl, Konstruktion und bisheriger Erkrankung.

BausteinInhalt
AktualisierungAllgemeinanamnese, Medikamente, Rauchen, Diabetes, Beschwerden und Adhärenz
GewebePlaque, sechs PD-Werte, BOP/SOP, Mukosarand, PIKM und Palpation
TechnikReinigbarkeit, Lockerung, Fraktur, Retention, Okklusion und gegebenenfalls Zement
InterventionIndividuelle Hygieneunterweisung und bedarfsgerechte professionelle Biofilmentfernung
BildgebungNicht nach starrem Kalender, sondern bei klinischer Indikation und als begründeter Verlauf
PlanRisiko, Ziel, nächstes Intervall und Zuständigkeit dokumentieren

Nach behandelter Periimplantitis empfiehlt die EFP in den ersten zwölf Monaten typischerweise SPIC alle 3–4 Monate, beginnend etwa drei Monate nach Therapie; danach wird das Intervall individualisiert. Kapitel 14 vertieft das Recall-Konzept.

44 · Frühe Therapie

Mukositis: Entzündung beseitigen, Knochen schützen

Die Behandlung kombiniert wirksame häusliche Biofilmkontrolle mit professioneller mechanischer Plaque- und Belagsentfernung. Gleichzeitig werden Rauchen, Stoffwechsel, Putztrauma, Prothesenkontur, Zement und andere Retentionsfaktoren adressiert.

Als implantatbezogenen Endpunkt nennt die EFP höchstens einen punktförmigen BOP und keine Suppuration. Kontrolliert wird nach 2–3 Monaten. Bei mindestens zwei blutenden Stellen, einer linienförmigen beziehungsweise profusen Blutung oder Suppuration wird erneut behandelt und die Ursache überprüft.

Ziel

Entzündungskontrolle

Plaquearm, keine Suppuration, maximal ein punktförmiger BOP, stabile PD und stabile Knochenverhältnisse.

Zeit

Geduld mit Kontrolle

Klinische Auflösung kann länger als drei Wochen dauern; deshalb nicht nach wenigen Tagen als Misserfolg werten, aber auch nicht ohne Reevaluation entlassen.

„Bei Mukositis entferne ich den Biofilm professionell, optimiere die häusliche Reinigung und beseitige lokale Retentionsfaktoren. Mein Ziel sind keine Suppuration und höchstens ein punktförmiger BOP. Nach 2–3 Monaten kontrolliere ich; bei mehreren oder profusen Blutungsstellen behandle ich erneut und suche nach der fortbestehenden Ursache.“

45 · Selbstmanagement

Das Hilfsmittel folgt dem Zugang – nicht dem Implantatnamen

Elektrische und manuelle Zahnbürsten können wirksam sein, wenn Technik und Zugang stimmen. Entscheidend sind der Übergang von Krone zu Mukosa und die approximalen beziehungsweise basalen Implantatflächen. Hilfsmittel werden individuell angepasst und in der Praxis getestet.

Randbereich

Zahnbürste/Einbüschelbürste

Sanfte Führung entlang des Mukosarands und gezielte Reinigung schwer erreichbarer lingualer oder distaler Flächen.

Approximal

Interdentalbürste

Passender Durchmesser mit Kontakt zur zu reinigenden Fläche, ohne schmerzhafte Gewalt; beschichteter Draht kann technische Oberflächen schützen.

Brücke/Steg

Superfloss oder Einfädelhilfe

Basale Flächen reinigen, sofern Faden zuverlässig hindurchgeführt werden kann und nicht ausfranst.

Ergänzung

Munddusche mit Wasser

Kann bei Mukositis zusätzlich erwogen werden, ersetzt aber weder Bürstenkontakt noch prothetische Reinigbarkeit.

Der Patient zeigt die Anwendung zurück. Wenn ein vorgesehenes Hilfsmittel die Fläche nicht erreicht, ist dies ein prothetisches Problem und kein moralisches Versagen.

46 · Mukositistherapie

Professionelle mechanische Plaqueentfernung

Supramarginale und erreichbare submarginale weiche sowie harte Beläge werden sorgfältig entfernt. Für Mukositis können als einzelnes PMPR-Verfahren unter anderem beschichtete Ultraschallansätze, Glycin-Air-Polishing, Titanküretten oder Chitosanbürsten erwogen werden. Die Evidenz zeigt kein universell überlegenes Einzelinstrument.

  • Instrument passend zu Implantat-/Abutmentoberfläche, Belagsart und Zugang wählen.
  • Harte Ablagerungen mechanisch entfernen; Air-Polishing ist dafür nicht immer ausreichend.
  • Weichgewebe schonen und unnötige Riefen, Hitze oder Materialabrieb vermeiden.
  • Das Ergebnis kontrollieren und nicht nur „polieren“.
  • Air-Polishing oder Diodenlaser nicht routinemäßig zusätzlich zu bereits adäquater konventioneller PMPR geben; der Add-on-Nutzen ist nicht belegt.
Wichtig: „Nur Kunststoffinstrumente dürfen ans Implantat“ ist zu pauschal. Titanküretten sind leitliniengerecht möglich; die Kombination aus Wirksamkeit, Oberflächenverträglichkeit und schonender Anwendung entscheidet.
47 · Zugang schaffen

Prothetik reinigen, abnehmen, modifizieren oder erneuern

Wenn die Suprakonstruktion eine wirksame häusliche oder professionelle Reinigung verhindert, empfiehlt die EFP ihre Reinigung, Entfernung oder Modifikation. Eine kontrollierte Studie zeigte einen deutlichen Vorteil der verbesserten Zugänglichkeit – ein ungewöhnlich klarer Befund in diesem Therapiefeld.

  1. Hindernis markieren: Überkontur, blockierter Interdentalraum, tiefe Zementfuge, rauer Rand oder unzugängliche Brückenbasis.
  2. Abnehmbarkeit und technische Risiken prüfen.
  3. Kontur gezielt reduzieren, Oberfläche vollständig nachpolieren und Stabilität erhalten.
  4. Alternativ Versorgung abnehmen oder neu herstellen.
  5. Mit dem Patientenwerkzeug praktisch kontrollieren, ob der Zugang jetzt funktioniert.

„Bei nicht reinigbarer Implantatprothetik ändere ich nicht nur die Putzinstruktion. Ich reinige oder entferne die Suprakonstruktion, modifiziere das Emergenzprofil beziehungsweise die Kontaktzone oder plane eine Neuanfertigung. Danach prüfe ich den Zugang mit dem konkreten Hilfsmittel und poliere bearbeitete Flächen vollständig.“

48 · Antiseptische Ergänzung

CHX ist kein Ersatz für mechanische Mukositistherapie

Professionell applizierte lokale Antiseptika wie CHX, Wasserstoffperoxid, Natriumhypochloritformulierungen oder andere Gele verbessern die Mukositistherapie als routinemäßiger Zusatz zur wirksamen PMPR nicht zuverlässig und werden von der EFP nicht empfohlen.

Eine zeitlich begrenzte, selbst angewendete antiseptische Mundspülung – beispielsweise CHX oder bestimmte pflanzliche Formulierungen – kann in ausgewählten Situationen erwogen werden. Die Evidenz ist niedrig beziehungsweise widersprüchlich; Verfärbung, Geschmacksstörung, Schleimhautreaktion und Anwendungsdauer sind zu besprechen.

Prüfungssicher: Erst mechanisch reinigen und Zugang herstellen. Antiseptika sind allenfalls begrenzte patientenbezogene Adjuvanzien, keine Dauertherapie und keine Lösung für eine überkonturierte Krone.
49 · Was nicht zur Routine gehört

Antibiotika, Laser, aPDT und Probiotika

AdjuvansAktuelle Einordnung bei Mukositis
Lokale AntibiotikaNicht verwenden; keine tragfähige Routineindikation.
Systemische AntibiotikaNicht einsetzen; Nutzen rechtfertigt individuelle und öffentliche Risiken nicht.
Diodenlaser als ZusatzNicht routinemäßig zur konventionellen PMPR hinzufügen.
Antimikrobielle photodynamische TherapieNicht als routinemäßigen Zusatz verwenden.
Probiotika mit Lactobacillus reuteriKönnen professionell angeleitet erwogen werden, zeigten aber keinen stabilen Zusatznutzen nach sechs Monaten.
Munddusche mit WasserKann ergänzend erwogen werden, wenn sie praktisch hilft.

Je attraktiver ein technisches Adjuvans klingt, desto wichtiger ist die Frage: Erhöht es die Krankheitsauflösung zusätzlich zu guter mechanischer Therapie – oder nur Kosten und Komplexität?

50 · Entscheidung nach 2–3 Monaten

Mukositis reevaluieren und Ursache bei Persistenz neu suchen

Bei der Reevaluation werden dieselben sechs Messstellen, gleiche Sondierungstechnik, Plaque, BOP/SOP, PD, Mukosarand und Hygienefähigkeit beurteilt. Der Patient demonstriert erneut seine Pflege. Eine Röntgenkontrolle ist nicht automatisch erforderlich, wird aber bei PD-Zunahme, Suppuration, Rezession oder Periimplantitisverdacht begründet.

A
Endpunkt erreichtHöchstens ein punktförmiger BOP, keine Suppuration, stabile PD: in individuelle SPIC überführen.
B
Verbessert, aber RestentzündungHygiene, Instrumentierung und Zugang wiederholen; Risikofaktoren erneut bearbeiten.
C
Keine BesserungZement, Überkontur, submarginale Ablagerung, Fehlposition, Fremdkörper, systemische Faktoren und Diagnose überprüfen.
D
KnochenprogressionDiagnose zu Periimplantitis ändern und den entsprechenden Stufenpfad beginnen.
51 · Strategische Entscheidung

Behandeln, kontrollieren oder explantieren?

Erstes Ziel ist, ein individuell akzeptables Implantat und seine Versorgung zu erhalten – sofern die Erkrankung behandelbar ist. Vor aufwendiger Therapie werden biologische, technische, strategische und patientenbezogene Faktoren offen gegeneinander abgewogen.

Eher erhaltungsfähigEher fraglich/ungünstigExplantation meist angezeigt
Fester ImplantatkörperSehr fortgeschrittener, schwer zugänglicher KnochenverlustKlinische Mobilität des Implantatkörpers
Korrigierbare ProthetikSchlecht korrigierbare Fehlposition oder unlösbare ProthetikImplantatfraktur
Behandelbarer DefektGeringe strategische Bedeutung bei hoher Morbidität/KostenUnkontrollierbare Infektion oder Gefahr für Nachbarstrukturen
Gute Plaquekontrolle und AdhärenzFortgesetzte starke Risiken und fehlende NachsorgebereitschaftNicht behebbare Position mit dauerhaft nicht reinigbarer Situation

Patientenwunsch, Allgemeingesundheit, ästhetische Konsequenzen, Defekt nach Entfernung, Rehabilitationsoptionen, Kosten und Prognose müssen Teil des gemeinsamen Entscheids sein. Ein „heroischer“ Erhalt kann mehr Knochen zerstören und spätere Versorgung erschweren.

„Ich erhalte ein behandelbares, festes und strategisch sinnvolles Implantat möglichst als erste Option. Explantation erwäge beziehungsweise empfehle ich bei verlorener Osseointegration, Fraktur, unkontrollierbarer Infektion, nicht korrigierbarer Fehlposition oder sehr ungünstigem Nutzen-Risiko-Verhältnis. Die Entscheidung treffe ich nach Aufklärung gemeinsam mit dem Patienten.“

52 · Therapiestufe 1

Jede behandelbare Periimplantitis beginnt nichtchirurgisch

Der nichtchirurgische Schritt reduziert Entzündung, verbessert die häusliche Kontrolle, beseitigt erreichbare Beläge und bereitet gegebenenfalls die Operation vor. Er kann bei leichteren, zugänglichen Läsionen bereits den Therapierendpunkt erreichen; bei tiefen, rauen und komplexen Defekten ist eine vollständige Dekontamination ohne Sicht oft nicht möglich.

1
Aufklärung und HygieneDiagnose, Prognose, Risiken und Eigenpflege; Plaque sichtbar machen und Hilfsmittel anpassen.
2
Risikofaktoren kontrollierenRauchen, Diabetes, parodontale Entzündung und Nachsorge adressieren.
3
Prothetik zugänglich machenReinigen, Zement entfernen, bei Bedarf abnehmen oder modifizieren.
4
Supra-/submarginal instrumentierenWeiche und harte Beläge mit geeigneten Küretten und/oder Schall-/Ultraschallinstrumenten entfernen.
5
Gesamtes Infektionsreservoir behandelnAktive Parodontitis und andere orale Entzündungsherde parallel versorgen.
6
Nach 6–12 Wochen reevaluierenEndpunkte prüfen und über weitere Beobachtung, erneute Instrumentierung oder Chirurgie entscheiden.
53 · Mechanische Dekontamination

Wirksam reinigen und unnötige Oberflächenschäden vermeiden

Die EFP empfiehlt für den nichtchirurgischen Periimplantitisschritt supra- und submarginale Instrumentierung mit Küretten und/oder Schall-/Ultraschallgeräten. Es gibt kein Instrument, das jede Oberfläche und Defektgeometrie zuverlässig vollständig dekontaminiert.

InstrumentStärkeGrenze
Titan-/geeignete KüretteTaktil, gezielt gegen harte AblagerungZugang und Gewindemorphologie begrenzen Kontakt
Beschichteter UltraschallansatzEffiziente Biofilm-/Belagsdisruption mit SpülungVerschleiß der Beschichtung; Kontrolle und korrekte Leistung nötig
SchallinstrumentMechanische Alternative je nach SystemÄhnliche Zugangsprobleme
Polymer-/KunststoffinstrumentOberflächenschonendKann weniger effektiv sein und Materialreste hinterlassen
Gaze mit KochsalzUnter Sicht einfach und gewebeschonendIm geschlossenen tiefen Defekt nur begrenzt einsetzbar

Instrumentenwahl wird nicht nach Marketing, sondern nach Belag, Oberfläche, Defekt, Zugang und eigener Kompetenz getroffen. Nach jeder Bearbeitung werden Restbelag, Rauigkeit und Prothesenoberfläche kontrolliert.

54 · Evidenzgrenzen

Mehr Technik bedeutet nicht automatisch mehr Krankheitsauflösung

Als Alternative oder routinemäßige Ergänzung zur konventionellen nichtchirurgischen Instrumentierung empfiehlt die EFP bei Periimplantitis mehrere verbreitete Verfahren nicht:

  • Laserverfahren,
  • Air-Polishing als alternative Dekontamination im tiefen Periimplantitisdefekt,
  • antimikrobielle photodynamische Therapie,
  • Desiccant-/Trocknungsgel,
  • lokal applizierte Antiseptika oder Antibiotika als Standard,
  • Probiotika.

Das bedeutet nicht, dass jede technische Anwendung wirkungslos ist. Es bedeutet, dass ein verlässlicher zusätzlicher patientenrelevanter Nutzen gegenüber guter mechanischer Therapie nicht ausreichend belegt ist oder Nutzen, Schaden und Kosten ungünstig sind. Ein Verfahren darf nie Hygiene, Zugang, Ursachenbehandlung und Reevaluation verdrängen.

Abgrenzung: Glycin-Air-Polishing kann bei Mukositis als einzelnes PMPR-Verfahren erwogen werden. Daraus folgt keine Empfehlung für denselben Einsatz als Ersatzdekontamination einer tiefen nichtchirurgischen Periimplantitis.
55 · Antimicrobial Stewardship

Systemische Antibiotika sind keine routinemäßige Periimplantitistherapie

Die EFP empfiehlt wegen individueller Nebenwirkungen, Mikrobiomstörung und öffentlicher Resistenzbelastung keine routinemäßige systemische Antibiotikagabe zusätzlich zur nichtchirurgischen Periimplantitistherapie. Auch als routinemäßige Ergänzung der chirurgischen Therapie werden systemische Antibiotika wegen inkonsistenter Evidenz nicht empfohlen.

  • Suppuration allein ist keine automatische Antibiotikaindikation.
  • Ein altes CIST-Schema mit Antibiotikum ab bestimmter Taschentiefe ist nicht leitliniengerecht.
  • Eine akute ausbreitende odontogene Infektion mit Fieber, Zellulitis oder systemischer Beteiligung ist eine eigenständige Indikation und wird nach Akutinfektionsleitlinie behandelt – zusätzlich zur Herdtherapie.
  • Perioperative Prophylaxe ist von der Therapie einer chronischen Periimplantitis zu trennen.
  • Außergewöhnliche individuelle Entscheidungen gehören in fachkundige Hand, mit dokumentierter Begründung, Allergie-/Interaktionsprüfung und Stewardship.

„Systemische Antibiotika gebe ich bei Periimplantitis nicht routinemäßig – weder bei Eiteraustritt allein noch nach einem starren Taschenwert. Die Basis sind mechanische Infektionskontrolle, Zugänglichkeit und gegebenenfalls Chirurgie. Eine ausbreitende akute Infektion mit Systemzeichen behandle ich als eigene Indikation zusätzlich zur lokalen Herdsanierung.“

56 · Entscheidung nach 6–12 Wochen

Endpunkte entscheiden über den nächsten Schritt

Nach 6–12 Wochen werden Entzündung, Suppuration, sechs PD-Werte, Plaque, Patientenkomfort und Prothesenreinigbarkeit erneut erhoben. Als implantatbezogene Endpunkte nennt die EFP:

  • residuale PD höchstens 5 mm,
  • BOP an höchstens einem punktförmigen Messpunkt,
  • keine Suppuration,
  • gute häusliche Plaquekontrolle und reinigbare Prothetik.
A
Endpunkte erreichtIn engmaschige SPIC überführen; reduzierter Knochen bleibt als stabile behandelte Situation dokumentiert.
B
Deutliche Verbesserung, Grenzwert knapp verfehltHeilungsverlauf und Trend berücksichtigen; gegebenenfalls länger beobachten oder gezielt nachinstrumentieren.
C
Persistierende tiefe EntzündungBei behandelbarem Implantat und guter Hygiene chirurgischen Zugang planen.
D
Unbehandelbar oder progredientErneut Explantation, palliative Kontrolle und Rehabilitationsalternativen besprechen.
57 · Therapiestufe 2

Keine Periimplantitischirurgie ohne kontrollierbare Hygiene

Chirurgie ist angezeigt, wenn die nichtchirurgischen Endpunkte bei einem erhaltungsfähigen Implantat nicht erreicht werden. Sie ist technisch anspruchsvoll und soll durch entsprechend ausgebildete Behandler erfolgen. Vorher müssen Diagnose, Defekt, Prothetik, Risiken, Alternativen und Patientenwunsch geklärt sein.

  • ausreichende selbst durchgeführte Mundhygiene,
  • kontrollierte parodontale und orale Entzündung,
  • Rauch- und Diabetesrisiko besprochen beziehungsweise optimiert,
  • Suprakonstruktion vorab hygienefähig modifiziert; wenn möglich für Zugang/Heilung abnehmen,
  • Defektmorphologie und Implantatposition diagnostisch verstanden,
  • realistische Aufklärung: Rezession, Ästhetik, Sensibilität, Materialkosten, Rezidiv und möglicher Implantatverlust,
  • postoperative Pflege und verbindliche SPIC organisiert.
Kontraindizierendes Prinzip: Eine regenerative Operation auf dauerhaft kontaminierter, nicht reinigbarer Grundlage ist keine nachhaltige Therapie.
58 · Chirurgische Zugangswege

Zugangslappen und resektives Vorgehen

Alle chirurgischen Verfahren schaffen Sicht und Instrumentenzugang. Nach Lappenbildung werden Granulationsgewebe entfernt und Implantatoberfläche sowie Defekt unter direkter Sicht gereinigt. Danach richtet sich das Vorgehen nach Defekt, Position, Ästhetik und Reinigbarkeit.

VerfahrenZielTypische SituationHauptnachteil
ZugangslappenSicht, Debridement, DekontaminationDefekt ohne klare Resektions- oder RekonstruktionsindikationResttasche/Rezidiv möglich
Resektive ChirurgieTasche reduzieren, Gewebe apikal positionieren, Kontur harmonisierenSuprakrestale oder nicht enthaltene Defekte, nichtästhetischer BereichRezession, Metall-/Gewindeexposition, Ästhetik
Rekonstruktive ChirurgieDefektfüllung und StützgewinnTiefer, enthaltener intraossärer DefektTechniksensitiv, Kosten, keine garantierte Reosseointegration
KombiniertSuprakrestal resezieren, intraossär rekonstruierenGemischte DefektmorphologieKomplexität und Weichgewebsmanagement

Zugangslappen und resektive Verfahren sind gemäß EFP wirksam, wenn die nichtchirurgischen Endpunkte verfehlt wurden. Die Wahl ist kein starres Stufenschema, sondern eine defekt- und patientenbezogene Entscheidung.

59 · Unter direkter Sicht

Keine Methode sterilisiert die Implantatoberfläche zuverlässig

Ziel ist die möglichst vollständige Entfernung von Biofilm, Konkrement, Zement und entzündetem Gewebe bei vertretbarem Oberflächenschaden. Standardinstrumentierung, Küretten/Ultraschall je nach System, sterile Kochsalzspülung und mechanisches Abwischen mit Gaze sind praktische Grundverfahren.

VerfahrenEFP-Einordnung in der Chirurgie
Standardinstrumentierung + Kochsalz/GazeGrundlage und Referenz; konsequent unter Sicht anwenden.
TitanbürsteKann alternativ oder zusätzlich erwogen werden; Hitze, Gewebe- und Oberflächenkontakt kontrollieren.
Air-PolishingNicht als alternative chirurgische Oberflächendekontamination empfohlen; kein belegter Zusatznutzen.
Er:YAG-LaserNicht als alternative Dekontamination empfohlen.
CHXNicht zur chirurgischen Oberflächendekontamination empfohlen.
Photodynamische TherapieNicht zur chirurgischen Oberflächendekontamination empfohlen.

Starke Säuren, aggressive Chemikalien oder unkontrollierte Energieanwendung können Gewebe und Oberfläche schädigen. Historische Empfehlungen zu Zitronensäure oder routinemäßiger Antibiotikakonditionierung sind nicht als moderner Standard zu übernehmen.

60 · Operationsentscheidung

Die Defektmorphologie lenkt die Therapie

Nach Lappenbildung wird der tatsächliche Defekt beurteilt. Radiologie schätzt die Situation vorab, die endgültige Morphologie zeigt sich häufig erst intraoperativ. Relevante Merkmale sind intraossäre Tiefe, verbleibende Wände, zirkuläre Ausdehnung, suprakrestale Komponente, Implantatposition und Möglichkeit eines stabilen Wundverschlusses.

Rekonstruktiv günstig

Enthalten und ≥3 mm tief

Drei- oder vierwandiger intraossärer Defekt, stabile Implantatposition, erreichbare Dekontamination und guter Weichgewebsverschluss.

Resektiv günstig

Nicht enthalten/suprakrestal

Flacher horizontaler oder einwandiger Defekt im nichtästhetischen Bereich, bei dem Reinigbarkeit durch Taschenreduktion verbessert werden kann.

Kombiniert

Gemischter Defekt

Rekonstruktion der enthaltenen intraossären Komponente und Resektion beziehungsweise Glättung des suprakrestalen Anteils.

Ungünstig

Position nicht beherrschbar

Ausgedehnte Dehiszenz, nicht reinigbare Fehlposition, sehr geringe Reststütze oder fehlende strategische Perspektive – Explantation neu bewerten.

61 · Resektive Zusatzmaßnahme

Implantoplastik: plausibel, aber nicht evidenzfrei versprechen

Bei der Implantoplastik werden exponierte raue Gewindegänge beziehungsweise Implantatanteile geglättet und poliert, um die künftige Reinigbarkeit zu verbessern. Sie betrifft typischerweise suprakrestale, nicht mehr knöchern bedeckte Oberflächen im Rahmen eines resektiven Vorgehens.

Möglicher NutzenRisiken und Grenzen
Reduzierte Rauigkeit und PlaqueretentionWärmeentwicklung und Gewebetrauma
Bessere häusliche/professionelle ZugänglichkeitTitanpartikel, Verfärbung und mögliche biologische Reaktion
Entfernung exponierter GewinderetentionenSchwächung des Implantats, besonders bei schmalem Durchmesser
Teil eines resektiven GesamtkonzeptsÄnderung der Kontur, Verletzung der Verbindung und Frakturrisiko

Die EFP bewertet die Evidenz als unzureichend für eine generelle Empfehlung. Indikation, Implantatdesign, Restdurchmesser, Lage, Kühlung, Partikelkontrolle und vollständige Politur müssen deshalb besonders kritisch geplant werden.

62 · Rekonstruktion

Knochenaufbau und Weichgewebe: Defektgerecht statt schematisch

Rekonstruktive Verfahren werden bevorzugt bei intraossären Defekten von mindestens 3 mm Tiefe erwogen. Nach Granulationsgewebeentfernung und Oberflächenreinigung können je nach Defekt autologer Knochen, Knochenersatzmaterial, Membran oder Kombinationen eingesetzt werden. Ein universell überlegenes Material oder Protokoll ist nicht belegt.

  • gute Plaquekontrolle und kontrollierte Risiken,
  • fester, sinnvoll positionierter Implantatkörper,
  • tiefer, möglichst enthaltener Defekt mit stabilisierbaren Wänden,
  • gründliche Dekontamination und stabiler Blutkoagel-/Materialraum,
  • spannungsarmer primärer Verschluss beziehungsweise bewusst geplante transmukosale Heilung,
  • reinigbare prothetische Versorgung und verbindliche SPIC.

Radiologische Defektfüllung ist nicht gleichbedeutend mit histologisch bewiesener Reosseointegration. Das klinische Ziel bleibt Krankheitskontrolle: PD höchstens 5 mm, maximal ein punktförmiger BOP, keine Suppuration und kein weiterer Knochenverlust. Klinische Werte werden nach etwa sechs Monaten, eine Referenzaufnahme nach etwa zwölf Monaten beurteilt.

Weichgewebsaugmentation kann ergänzend sinnvoll sein, wenn Gewebedicke, keratinisierte Mukosa, Verschluss, Komfort oder Reinigbarkeit verbessert werden sollen. Sie ersetzt keine Infektionskontrolle und folgt den Prinzipien aus Kapitel 11.

„Rekonstruktiv behandle ich bevorzugt einen mindestens 3 mm tiefen, enthaltenen intraossären Defekt bei festem, sinnvoll positioniertem Implantat, guter Hygiene und stabiler Wundführung. Ich verspreche keine vollständige Reosseointegration; der Erfolg zeigt sich klinisch an flachen stabilen Taschen, fehlender Suppuration, höchstens einem punktförmigen BOP und ausbleibender Knochenprogression.“

63 · KP-Fall A

Mehrere Blutungsstellen, aber kein Knochenverlust

Eine 62-jährige Nichtraucherin kommt vier Jahre nach Versorgung des Implantats 36. Sie hat keine Schmerzen. Bukkal und oral liegt Plaque, an vier von sechs Stellen tritt BOP auf, die PD beträgt maximal 5 mm statt 4 mm zur Baseline. Es besteht keine Suppuration; standardisierte Röntgenbilder zeigen keinen zusätzlichen Knochenverlust. Die Krone ist distal stark konvex, eine Interdentalbürste passt nicht.

1
DiagnosePeriimplantäre Mukositis, weil klinische Entzündung ohne progressiven Knochenverlust vorliegt.
2
UrsachenPlaque und nicht reinigbare distale Kronenkontur; allgemeine Risikofaktoren werden trotzdem aktualisiert.
3
TherapieProfessionelle mechanische Reinigung, individuelle häusliche Instruktion und prothetische Modifikation beziehungsweise Neuanfertigung für einen realen Interdentalzugang.
4
Kein AutomatismusKeine systemischen oder lokalen Antibiotika; kein routinemäßiger Laser. Eine zeitlich begrenzte Spülung nur bei konkreter Zusatzindikation.
5
ReevaluationNach 2–3 Monaten sechs Stellen erneut messen. Ziel: keine Suppuration und höchstens ein punktförmiger BOP.
Kernaussage: Die 5-mm-PD macht aus der Läsion keine Periimplantitis. Entscheidend ist, dass kein progressiver Knochenverlust nachweisbar ist.
64 · KP-Fall B

Suppuration, PD-Zunahme und radiologische Progression

Ein 58-jähriger Patient raucht 15 Zigaretten täglich und hat eine behandelte Parodontitis. Implantat 46 wurde vor sechs Jahren belastet; danach kam er unregelmäßig. Heute bestehen Plaque, BOP an fünf Stellen, bukkale Suppuration, PD bis 8 mm und 2 mm Rezession. Gegenüber dem Referenzbild ist der Knochen mesial und distal 3–4 mm weiter apikal. Die Krone ist überkonturiert; der Implantatkörper ist fest.

Strukturierte Lösung

  1. Diagnose: Periimplantitis an Implantat 46; keine Einteilung in Stadium/Grad.
  2. Beschreibung: maximale PD 8 mm, BOP/SOP, Rezession 2 mm, radiologische Progression 3–4 mm, festes Implantat, ungünstige Prothetik.
  3. Risikoprofil: Parodontitisanamnese, Rauchen, Plaque, fehlende SPIC und eingeschränkte Hygienefähigkeit.
  4. Erster Schritt: Aufklärung, Rauchstopp-Unterstützung, Mundhygiene, parodontale Kontrolle, Suprakonstruktion abnehmen/modifizieren und supra-/submarginal instrumentieren.
  5. Antibiotika: keine Routinegabe wegen Suppuration allein.
  6. Reevaluation: nach 6–12 Wochen. Bei PD ≤5 mm, höchstens einem punktförmigen BOP und keiner Suppuration SPIC; bei persistierender tiefer Entzündung Chirurgie.
  7. Chirurgische Planung: Defekt nach Lappenbildung beurteilen. Enthaltener intraossärer Anteil ≥3 mm kann rekonstruktiv, nicht enthaltener/suprakrestaler Anteil resektiv behandelt werden.
  8. Abbruchkriterium: Bei tatsächlicher Implantatmobilität, Fraktur oder nicht beherrschbarer Fehlposition explantieren.

Musterantwort: „Hier liegt eine Periimplantitis vor, weil Entzündung mit BOP/Suppuration, zunehmender PD und radiologisch dokumentierter Knochenprogression zusammenkommen. Ich beschreibe die Läsion, ohne Stadium oder Grad zu vergeben. Zuerst kontrolliere ich Biofilm, Rauchen und parodontale Entzündung, stelle Reinigbarkeit her und instrumentiere supra- und submarginal. Antibiotika gebe ich nicht routinemäßig. Nach 6–12 Wochen entscheide ich anhand von PD, BOP und Suppuration. Bei persistierender tiefer Entzündung und festem, erhaltungsfähigem Implantat folgt defektgerechte Chirurgie; bei Mobilität, Fraktur oder nicht beherrschbarer Situation bespreche ich die Explantation.“

65 · Prüfungsfallen

Typische Fehler – und die bessere Antwort

FehlerWarum problematischBesser
Keine Baseline anlegenProgression bleibt später unklar.Sechs-Punkt-Status und standardisiertes Referenzbild nach Versorgung.
Implantate nicht sondierenFrühe Entzündung und PD-Zunahme werden übersehen.Schonend mit ca. 0,2 N an sechs Stellen sondieren.
Jede PD ≥5 mm als krank bezeichnenGesundheit hat keinen universellen PD-Grenzwert.Entzündung, Baseline, Rezession und Knochenverlauf kombinieren.
BOP allein = PeriimplantitisOhne progressive Knochenzerstörung ist es zunächst Mukositis.Knochenstand und Verlauf prüfen.
Knochenverlust allein = aktive KrankheitReduzierte, aber stabile Stütze ist möglich.Aktuelle Entzündung und Progression nachweisen.
Alte 2-mm-/0,2-mm-Regel anwendenInitiales Remodeling ist individuell; die Faustregel ist keine heutige Falldefinition.Individuelle Baseline und weitere Veränderung verwenden.
Periimplantitis „stagen und graden“Kein etabliertes analoges System.Entzündung, PD, Rezession, Knochenverlust und Defekt beschreiben.
CIST als starres aktuelles ProtokollHistorisches Schema ignoriert moderne Endpunkte und Evidenz.EFP-Stufenpfad mit Reevaluation anwenden.
Nur Kunststoffinstrumente erlaubenZu pauschal und teils ineffektiv.Geeignete Küretten/Schall-/Ultraschallinstrumente schonend und wirksam einsetzen.
Suppuration automatisch antibiotisch behandelnHerd und Oberfläche bleiben unbehandelt; Resistenzrisiko.Mechanische Ursachenbehandlung; Antibiotikum nur bei eigenständiger systemischer Indikation.
CHX, Laser oder aPDT als „Dekontaminationsgarantie“Kein verlässlicher routinemäßiger Zusatznutzen.Mechanik, Sicht, Zugang und Endpunkte priorisieren.
Prothetik unangetastet lassenBiofilmzugang bleibt blockiert.Reinigen, abnehmen, modifizieren oder erneuern.
Früh operieren trotz schlechter HygieneHeilung und Langzeitstabilität sind ungünstig.Zuerst nichtchirurgisch stabilisieren und Hygiene prüfen.
Jeden Defekt augmentierenNicht enthaltene Defekte halten Material schlecht.Defektmorphologie und ≥3-mm-intraossäre Komponente berücksichtigen.
Implantoplastik als StandardEvidenz begrenzt; Partikel-, Wärme- und Frakturrisiko.Selektive Nutzen-Risiko-Entscheidung.
Ein mobiles Implantat regenerierenOsseointegration ist verloren oder das Implantat frakturiert.Technische Ebene prüfen und mobilen Implantatkörper explantieren.
Nach Therapie nur „jährliche Kontrolle“Hochrisikofälle benötigen engere SPIC.Nach Periimplantitis zunächst meist 3–4-monatlich, später risikobasiert.
66 · Mündliche Prüfung

Die 90-Sekunden-Antwort

„Ich unterscheide periimplantäre Gesundheit, Mukositis und Periimplantitis. Gesundheit bedeutet keine klinisch relevante Entzündung, keine Suppuration, stabile Sondierungswerte und keinen progressiven Knochenverlust. Eine Mukositis ist eine biofilmassoziierte Entzündung der Mukosa ohne zusätzliche Knochenprogression. Periimplantitis bedeutet Entzündung mit anschließendem progressivem Verlust des tragenden Knochens.

Die Diagnose stelle ich anhand der Gesamtbefundung und möglichst im Vergleich zur Baseline. Ich sondiere jedes Implantat schonend mit etwa 0,2 N an sechs Stellen und dokumentiere Plaque, PD, BOP/SOP sowie Mukosarand. Dazu prüfe ich Prothetik, Zement, Mobilität und Reinigbarkeit und vergleiche ein standardisiertes Zahnfilmbild. Mit Vorbefunden brauche ich BOP oder Suppuration, zunehmende PD und Knochenverlust über das initiale Remodeling hinaus. Ohne Vorbefunde gelten als Ersatzkriterien BOP/Suppuration, PD mindestens 6 mm und ein Knochenstand mindestens 3 mm apikal des koronalsten intraossären Implantatanteils.

Mukositis behandle ich durch häusliche und professionelle mechanische Biofilmkontrolle sowie Beseitigung lokaler Retentionsfaktoren. Ziel sind keine Suppuration und höchstens ein punktförmiger BOP; Kontrolle nach 2–3 Monaten. Periimplantitis behandle ich stufenweise: zuerst Hygiene, Risikokontrolle, Prothesenmodifikation und supra-/submarginale Instrumentierung. Nach 6–12 Wochen sollen PD höchstens 5 mm, höchstens ein punktförmiger BOP und keine Suppuration bestehen. Werden die Ziele bei einem erhaltungsfähigen Implantat nicht erreicht, folgt eine defektgerechte Operation – Zugang oder Resektion, bei einem enthaltenen intraossären Defekt ab etwa 3 mm gegebenenfalls Rekonstruktion. Antibiotika, Laser, aPDT und CHX sind keine routinemäßigen Ersatzverfahren. Bei Mobilität, Fraktur oder nicht beherrschbarer Position ist die Explantation zu prüfen. Ob es gut ausgeht, hängt von Reinigbarkeit, Risikokontrolle, korrekter Therapie und konsequenter SPIC ab.“

Sprechzeit bei ruhigem Prüfungstempo ungefähr 105–125 Sekunden. Wenn der Prüfer kürzt: Definitionen → Diagnostik mit Baseline → Mukositistherapie → stufenweise Periimplantitistherapie.

67 · Schnellprüfung

26 Prüfungsfragen und 26 KP-Sätze

26 häufige Prüfungsfragen mit Kurzantwort

1. Wie definieren Sie periimplantäre Gesundheit?
Keine klinisch relevante Entzündung oder Suppuration, keine PD-Zunahme und kein Knochenverlust über das initiale Remodeling hinaus. Es gibt keinen universellen gesunden PD-Grenzwert.
2. Kann Gesundheit bei reduziertem Knochenangebot bestehen?
Ja. Nach früherem Knochenverlust oder erfolgreicher Therapie kann ein Implantat bei fehlender Entzündung und Progression klinisch stabil gesund beziehungsweise kontrolliert sein.
3. Was ist eine periimplantäre Mukositis?
Eine biofilmassoziierte Entzündung der periimplantären Mukosa mit BOP und gegebenenfalls Rötung, Schwellung oder Suppuration, aber ohne progressiven Knochenverlust über das initiale Remodeling hinaus.
4. Was ist eine Periimplantitis?
Eine plaqueassoziierte Erkrankung mit Entzündung der periimplantären Mukosa und anschließendem progressivem Verlust des tragenden Knochens.
5. Wie diagnostizieren Sie Periimplantitis ohne frühere Befunde?
Bei BOP und/oder Suppuration, PD mindestens 6 mm und Knochenstand mindestens 3 mm apikal des koronalsten intraossären Implantatanteils; vorher versuche ich alte Unterlagen zu beschaffen.
6. Gibt es einen festen PD-Grenzwert für periimplantäre Gesundheit?
Nein. Entscheidend sind Entzündung und Veränderung zur Baseline; die Weichgewebshöhe beeinflusst die PD.
7. Darf man Implantate sondieren?
Ja, schonende Sondierung ist sicher und für BOP, PD-Verlauf und Mukosarand unverzichtbar.
8. Wie sondieren Sie periimplantär?
An sechs Stellen, mit standardisierter Sonde von etwa 0,5 mm Spitzendurchmesser und leichter Kraft um 0,2 N; möglichst immer unter vergleichbaren Bedingungen.
9. Bedeutet ein einzelner punktförmiger BOP immer Krankheit?
Nicht zwingend. Nach EFP/ID-COSM kann ein einzelner punktförmiger BOP mit kontrollierter Situation vereinbar sein; mehrere, linienförmige oder profuse Blutungsstellen sind relevanter.
10. Ist Suppuration eine automatische Antibiotikaindikation?
Nein. Sie zeigt deutliche Entzündung und verlangt Ursachenbehandlung; systemische Antibiotika sind bei chronischer Periimplantitis nicht routinemäßig indiziert.
11. Welche Baseline benötigen Sie?
Innerhalb weniger Monate nach Eingliederung einen klinischen Sechs-Punkt-Status und ein reproduzierbares Röntgenreferenzbild nach Versorgung beziehungsweise funktioneller Remodelingphase.
12. Welche Röntgenaufnahme ist Standard?
Ein orthoradiales intraorales Zahnfilmbild in Paralleltechnik für reproduzierbare mesiale und distale Knochenvergleiche.
13. Wann ist ein DVT sinnvoll?
Wenn eine konkrete dreidimensionale Frage, etwa zur Defektmorphologie, Fehlposition oder Nachbarstruktur, die chirurgische oder explantative Planung verändert; nicht als Routine-Screening.
14. Was sind die wichtigsten Risikokonstellationen?
Vorgeschichte schwerer Parodontitis, schlechte Plaquekontrolle und fehlende regelmäßige SPIC; zusätzlich werden Rauchen, Diabetes, Position, Prothetik und Zement berücksichtigt.
15. Darf ein behandelter Parodontitispatient Implantate erhalten?
Ja, nach stabiler parodontaler Therapie, guter Hygienefähigkeit, realistischer Aufklärung und verbindlicher risikobasierter Nachsorge; das Langzeitrisiko bleibt erhöht.
16. Welche Rolle spielen Rauchen und Diabetes?
Beide sind klinisch relevante modifizierbare Faktoren. Die unabhängige periimplantäre Evidenz ist heterogen, dennoch werden Rauchstopp und gute glykämische Kontrolle aktiv angestrebt.
17. Ist wenig keratinisierte Mukosa automatisch krankhaft?
Nein. Entscheidend sind zusätzlich Putzkomfort, Plaque, Entzündung, Beweglichkeit, Dicke und Rezession; Augmentation erfolgt selektiv.
18. Verursacht okklusale Überlastung Periimplantitis?
Sie ist nicht als primäre Ursache der biofilmassoziierten Periimplantitis belegt, kann aber technische Komplikationen begünstigen und muss separat behandelt werden.
19. Wie behandeln Sie eine Mukositis?
Individuelle häusliche Biofilmkontrolle, professionelle mechanische Belagsentfernung, Risikokontrolle und Beseitigung von Zement beziehungsweise nicht reinigbarer Prothetik.
20. Braucht eine Mukositis CHX oder Antibiotika?
Antibiotika nein. Professionelle lokale Antiseptika sind kein empfohlener Routinezusatz; eine zeitlich begrenzte selbst angewendete Spülung kann selektiv erwogen werden, ersetzt aber die Mechanik nicht.
21. Was umfasst der nichtchirurgische Periimplantitisschritt?
Aufklärung, Hygiene, Risikokontrolle, prothetische Reinigung/Modifikation, supra- und submarginale Instrumentierung sowie Behandlung aktiver Parodontitis und anderer Entzündungsherde.
22. Wann und mit welchen Endpunkten reevaluieren Sie?
Nach 6–12 Wochen. Ziel sind PD höchstens 5 mm, BOP an höchstens einem punktförmigen Messpunkt, keine Suppuration, gute Hygiene und reinigbare Prothetik.
23. Wann operieren Sie eine Periimplantitis?
Wenn die nichtchirurgischen Endpunkte bei einem erhaltungsfähigen Implantat trotz ausreichender häuslicher Hygiene nicht erreicht werden.
24. Wann ist eine rekonstruktive Operation günstig?
Vorzugsweise bei einem mindestens 3 mm tiefen, enthaltenen intraossären Defekt, festem sinnvoll positioniertem Implantat, kontrolliertem Risiko und stabilem Wundverschluss.
25. Ist Implantoplastik Standard?
Nein. Sie kann selektiv bei exponierten suprakrestalen rauen Anteilen erwogen werden, aber die Evidenz ist unzureichend und Wärme-, Partikel-, Schwächungs- und Frakturrisiken sind zu beachten.
26. Wann explantieren Sie?
Bei tatsächlicher Implantatmobilität, Fraktur, unkontrollierbarer Infektion, Gefahr für Nachbarstrukturen, nicht korrigierbarer Fehlposition oder insgesamt ungünstigem Nutzen-Risiko-Verhältnis nach gemeinsamer Entscheidung.

26 KP-Sätze zum schnellen Wiederholen

  1. Ein Implantat besitzt weder Wurzelzement noch Desmodont und zeigt keine physiologische Zahnbeweglichkeit.
  2. Periimplantäre Gesundheit wird durch Entzündungsfreiheit und Stabilität, nicht durch einen festen PD-Grenzwert definiert.
  3. Mukositis betrifft die periimplantäre Mukosa ohne progressiven Knochenverlust.
  4. Periimplantitis verbindet Mukosaentzündung mit progressivem Verlust des tragenden Knochens.
  5. Die Diagnose stelle ich anhand der Gesamtbefundung und möglichst im Vergleich zur Baseline.
  6. Ohne Vorbefund gelten BOP/SOP, PD mindestens 6 mm und Knochenstand mindestens 3 mm apikal als Ersatzkriterien.
  7. Periimplantitis wird nicht wie Parodontitis gestaged oder gegradet.
  8. Ich sondiere Implantate schonend mit ungefähr 0,2 N an sechs Stellen.
  9. Ein einzelner punktförmiger BOP kann mit kontrollierter Situation vereinbar sein.
  10. PD, Rezession und Knochenstand müssen gemeinsam und im Verlauf gelesen werden.
  11. Ein standardisiertes Zahnfilmbild ist für marginale Knochenvergleiche meist die erste Wahl.
  12. Ein DVT fertige ich nur an, wenn die dreidimensionale Information das Management verändert.
  13. Die wichtigsten Risikokonstellationen sind Parodontitisanamnese, schlechte Plaquekontrolle und fehlende SPIC.
  14. Rauchen und unkontrollierter Diabetes werden aktiv als modifizierbare Risiken behandelt.
  15. Eine nicht reinigbare Suprakonstruktion muss gereinigt, abgenommen, modifiziert oder erneuert werden.
  16. Restzement ist eine lokale Ursache, die gezielt gesucht und vollständig entfernt wird.
  17. Eine geringe Breite keratinisierter Mukosa ist ohne Beschwerden und Entzündung keine Operationsindikation allein.
  18. Mukositis behandle ich mechanisch und kontrolliere nach 2–3 Monaten.
  19. Ziel nach Mukositistherapie sind keine Suppuration und höchstens ein punktförmiger BOP.
  20. Periimplantitis wird zuerst nichtchirurgisch mit Hygiene, Risikokontrolle, Zugang und Instrumentierung behandelt.
  21. Systemische oder lokale Antibiotika sind keine routinemäßige Periimplantitistherapie.
  22. Nach 6–12 Wochen entscheiden PD, BOP und Suppuration über den nächsten Schritt.
  23. Chirurgie erfolgt nur bei ausreichender häuslicher Hygiene und erhaltungsfähigem Implantat.
  24. Rekonstruktion ist besonders bei einem enthaltenen intraossären Defekt ab etwa 3 mm sinnvoll.
  25. Ein mobiles Implantat wird nicht regeneriert, sondern nach technischer Differenzierung in der Regel entfernt.
  26. Ob es gut ausgeht, hängt von Reinigbarkeit, Risikokontrolle, korrekter Therapie und konsequenter SPIC ab.
68 · Abschluss

Fachquellen und Ultra-Kurz-Zusammenfassung

Ausgewählte Fachquellen

  1. Hellwig E, Schäfer E, Klimek J, Attin T. Einführung in die Zahnerhaltung: Prüfungswissen Kariologie, Endodontologie und Parodontologie. 8., überarbeitete Auflage. Deutscher Zahnärzteverlag; 2023. Abschnitte zu periimplantärer Anatomie, Diagnostik, Risikofaktoren und Therapie.
  2. Müller H-P. Checklisten der Zahnmedizin: Parodontologie. 3., aktualisierte Auflage. Thieme; 2012. Abschnitte zu periimplantärer Mukositis und Periimplantitis; historische CIST- und Adjuvanzempfehlungen wurden aktuell abgeglichen.
  3. Weber T. Memorix Zahnmedizin. 3. Auflage. Thieme; 2010. Implantologische Grundlagen und klassische periimplantäre Befundung; ältere Schwellen und Therapieprotokolle wurden nicht ungeprüft übernommen.
  4. Herrera D, Berglundh T, Schwarz F, et al. Prevention and treatment of peri-implant diseases—The EFP S3 level clinical practice guideline. J Clin Periodontol. 2023;50(Suppl 26):4–76. doi:10.1111/jcpe.13823
  5. Berglundh T, Armitage G, Araújo MG, et al. Peri-implant diseases and conditions: Consensus report of workgroup 4 of the 2017 World Workshop on the Classification of Periodontal and Peri-Implant Diseases and Conditions. J Clin Periodontol. 2018;45(Suppl 20):S286–S291. doi:10.1111/jcpe.12957
  6. Heitz-Mayfield LJA, Salvi GE. Peri-implant mucositis. J Clin Periodontol. 2018;45(Suppl 20):S237–S245. doi:10.1111/jcpe.12953
  7. Schwarz F, Derks J, Monje A, Wang H-L. Peri-implantitis. J Clin Periodontol. 2018;45(Suppl 20):S246–S266. doi:10.1111/jcpe.12954
  8. Deutsche Gesellschaft für Implantologie et al. Die Behandlung periimplantärer Infektionen an Zahnimplantaten. S3-Leitlinie, AWMF-Registernummer 083-023, Stand 02.12.2022, gültig bis 01.12.2027. AWMF-Leitlinienregister
  9. European Federation of Periodontology. Clinical practice guideline for the prevention and treatment of peri-implant diseases. Fachseite mit Leitlinienmaterialien und Behandlungspfaden. EFP Clinical Guideline

Redaktioneller Hinweis: Dieses Kapitel wurde eigenständig für die zahnärztliche Kenntnisprüfung formuliert. Die drei bereitgestellten deutschsprachigen Lehrbücher bilden die anatomische, diagnostische und klinisch-didaktische Buchgrundlage. Ältere oder starre Aussagen – insbesondere CIST-Automatismen, routinemäßige lokale/systemische Antibiotikagabe, verpflichtende Kunststoffsonden, feste jährliche Knochenverlustgrenzen, Säurekonditionierung, pauschale Laser-/aPDT-Empfehlungen und unkritische Implantoplastik – wurden nicht übernommen, sondern mit der aktuellen EFP-S3-Leitlinie, der gültigen deutschen S3-Leitlinie und der 2017/2018-Klassifikation abgeglichen. Das Kapitel ersetzt keine patientenindividuelle Fachdiagnostik, Produktinformation, Röntgenrechtfertigung oder Überweisung bei fehlender chirurgischer Expertise.

Ultra-Kurz-Zusammenfassung

Kern: Implantat ≠ Zahn: kein Zement, kein Desmodont, keine inserierenden Bindegewebsfasern und geringere suprakrestale Gefäßversorgung. Baseline nach prothetischer Versorgung: sechs PD-Werte, BOP/SOP, Mukosarand, Plaque, PIKM und standardisiertes Röntgenbild. Gesundheit = keine relevante Entzündung/Progression; kein fixer gesunder PD-Wert. Mukositis = BOP-Entzündung ohne progressive Knochenzerstörung. Periimplantitis = BOP/SOP + zunehmende PD + Knochenverlust über initiales Remodeling. Ohne Baseline: BOP/SOP + PD ≥6 mm + Knochen ≥3 mm apikal des koronalsten intraossären Anteils. Hauptrisiken: schwere Parodontitisanamnese, Plaque, keine SPIC; Rauchen, Diabetes, Fehlposition, Prothetik und Zement mitbeurteilen. Mukositis: häusliche plus professionelle Mechanik, Prothetik korrigieren, Kontrolle nach 2–3 Monaten; Ziel ≤1 punktförmiger BOP, keine Suppuration. Periimplantitis: nichtchirurgisch beginnen, nach 6–12 Wochen Ziel PD ≤5 mm, ≤1 punktförmiger BOP, keine Suppuration. Bei Nichterreichen defektgerecht operieren; Rekonstruktion bevorzugt bei enthaltenem intraossärem Defekt ≥3 mm. Antibiotika, Laser, aPDT, CHX und Implantoplastik sind keine routinemäßigen Universalzusätze. Mobilität/Fraktur oder nicht beherrschbare Situation → Explantation prüfen. Langzeiterfolg braucht reinigbare Prothetik und risikobasierte SPIC.

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