Kenntnisprüfung Zahnmedizin · Speicheldrüsen

Sialadenitis – Entzündung ist nicht gleich Infektion

Akute bakterielle, virale, chronisch-obstruktive und autoimmune Formen, Red Flags, Diagnostik, Antibiotika und Abszessmanagement.

KP NiedersachsenSialadenitis9 LernabschnitteStand August 2026
00 · Klinische Orientierung

Sialadenitis – Entzündung ist nicht gleich Infektion

Sialadenitis bezeichnet eine Entzündung einer Speicheldrüse. Sie kann akut bakteriell, viral, chronisch-obstruktiv, autoimmun, IgG4-assoziiert oder therapiebedingt sein. Die Einteilung ist klinisch wichtig, weil weder jede Schwellung ein Antibiotikum noch jede chronische Entzündung eine Drüsenentfernung erfordert.

Klinischer Leitsatz: Bei akuter schmerzhafter Drüsenschwellung werden zuerst Abszess, Sepsis, Atemwegsgefährdung und eine mechanische Abflussstörung ausgeschlossen. Danach richtet sich die Therapie nach Ursache und Schweregrad.

01 · Akute Infektion

Akute bakterielle Sialadenitis

Pathogenese

Die Infektion steigt meist retrograd über den Ausführungsgang auf. Verminderter Speichelfluss und Stase erleichtern die bakterielle Besiedlung. Besonders gefährdet sind ältere oder dehydrierte Menschen, postoperative Patientinnen und Patienten, Personen mit reduziertem Allgemeinzustand, Immunsuppression, ausgeprägter Mundtrockenheit, Mangelernährung, Speichelstein oder Gangstenose.

Häufig nachgewiesen werden Staphylococcus aureus, Streptokokken und anaerobe Bestandteile der Mundflora. Erregerspektrum und Resistenzlage hängen vom Versorgungskontext ab.

Klinik

  • akuter, meist einseitiger Schmerz und Drüsenschwellung;
  • Druckdolenz, gegebenenfalls Hautrötung und Überwärmung;
  • trübes oder eitriges Sekret aus der Gangpapille;
  • Fieber, Abgeschlagenheit und erhöhte Entzündungsparameter;
  • bei Obstruktion zusätzlich Verstärkung durch Mahlzeiten.

Eitriges Sekret ist ein starkes Zeichen, sein Fehlen schließt eine bakterielle Entzündung jedoch nicht sicher aus.

Diagnostik

1
Atemweg, Kreislauf und Allgemeinzustand prüfen.
2
Drüse, Mundboden und Gangverlauf palpieren.
3
Gangpapille inspizieren und Sekret vorsichtig gewinnen.
4
Bei Eiter möglichst vor Antibiotikabeginn eine mikrobiologische Probe entnehmen, ohne die Behandlung schwer Erkrankter zu verzögern.
5
Sonographie bei Steinverdacht, diagnostischer Unsicherheit oder möglicher Abszessbildung.
6
Kontrastverstärkte CT bei tiefer Ausbreitung, schwerem Verlauf oder unklarem Abszess.
7
Blutbild, CRP und gegebenenfalls Blutkulturen nach klinischer Schwere.

Therapie

Die Behandlung kombiniert, soweit klinisch geeignet:

  • Rehydratation;
  • sorgfältige Mundpflege;
  • vorsichtige Drüsenmassage in Richtung der Papille;
  • Speichelstimulation bei erhaltener Passage, bevorzugt zuckerfrei und zahnschonend;
  • Analgesie und Antiphlogese unter Berücksichtigung von Kontraindikationen;
  • empirische Antibiotikatherapie mit Abdeckung von S. aureus und oraler Flora bei gesicherter oder klinisch wahrscheinlicher bakterieller Infektion;
  • Anpassung an Mikrobiologie, lokale Resistenzlage, Allergien, Nieren-/Leberfunktion und Schweregrad;
  • Entlastung eines Abszesses und Behandlung eines zugrunde liegenden Steins beziehungsweise einer Stenose.

Eine fixe Antibiotikawahl für alle Fälle ist unseriös. Ambulante und stationäre Regime unterscheiden sich. Bei Sepsis, Immunsuppression, fehlender oraler Aufnahme, rascher Progression oder tiefer Ausbreitung ist eine stationäre intravenöse Behandlung zu prüfen.

Der Drainageweg richtet sich nach betroffener Drüse, Abszesslage und umgebenden Strukturen. Die pauschale Aussage „Speicheldrüsenabszesse werden vorzugsweise intraoral inzidiert“ ist falsch; ein Parotisabszess erfordert wegen des Fazialisverlaufs eine spezialisierte Planung und kann offen oder bildgesteuert drainiert werden.

02 · Virale Genese

Virale Sialadenitis

Mumps verursacht klassisch eine schmerzhafte Parotisschwellung, häufig beidseitig, aber nicht zwingend synchron. Eitriges Gangsekret ist untypisch. Weitere Viren können Speicheldrüsen betreffen, darunter Influenza-, Parainfluenza-, EBV-, CMV- und HIV-assoziierte Erkrankungen.

Die Diagnostik richtet sich nach Exposition, Impfstatus, Begleitsymptomen und epidemiologischer Lage. Therapie ist meist supportiv. Isolierung, Labornachweis und Meldepflicht werden nach aktueller infektiologischer beziehungsweise gesetzlicher Vorgabe geprüft. Antibiotika behandeln keine virale Sialadenitis.

03 · Rezidive & Obstruktion

Chronische und rezidivierende Sialadenitis

Wiederkehrende Schwellung und Beschwerden entstehen häufig durch Stein, Stenose, Gangektasie oder chronische Parenchymschädigung. Der Speichel kann vermindert oder zäh sein; zwischen Episoden kann die Untersuchung unauffällig sein.

Der diagnostische Schwerpunkt liegt auf:

  • Mahlzeitenbezug und Rezidivmuster;
  • Sonographie;
  • Suche nach Stein oder Gangdilatation;
  • gegebenenfalls MR-Sialographie oder Sialendoskopie;
  • Abgrenzung zu Autoimmunerkrankung und Tumor.

Die Therapie ist möglichst ursachenbezogen und drüsenerhaltend. Sialendoskopie kann Stenosen dilatieren, Gänge spülen und kleine Steine entfernen. Eine Sialadenektomie bleibt ausgewählten, trotz angemessener Therapie symptomatischen Fällen vorbehalten.

04 · Systemerkrankungen

Autoimmune und spezielle Formen

Sjögren-Syndrom

Die autoimmune lymphozytäre Sialadenitis führt häufig zu Xerostomie, trockenen Augen und strukturellen Drüsenveränderungen. Wiederholte Parotisschwellungen können vorkommen. Diagnose und Behandlung sind interdisziplinär; ein einzelner positiver Antikörpertest reicht nicht.

IgG4-assoziierte Sialadenitis

Die chronisch sklerosierende Sialadenitis, historisch teilweise als Küttner-Tumor bezeichnet, kann Teil einer IgG4-assoziierten Systemerkrankung sein. Sie kann eine harte Submandibularisschwellung verursachen und einen Tumor imitieren. Histologie und systemische Abklärung sind entscheidend.

Radio- und Radiojod-assoziierte Schädigung

Ionisierende Strahlung im Kopf-Hals-Bereich und Radiojod können das Drüsenparenchym schädigen. Beschwerden reichen von akuter Schwellung bis zu chronischer Hyposalivation. Prävention und Behandlung hängen von onkologischer Therapie, Restfunktion und Zeitpunkt ab.

05 · Klinische Abgrenzung

Differenzialdiagnosen

Befund Eher passend zu Was darf nicht übersehen werden?
prandial rezidivierend Stein/Stenose chronische Entzündung und Funktionsverlust
akut, Fieber, Eiter bakterielle Sialadenitis Abszess, Sepsis, tiefe Ausbreitung
akut bilateral ohne Eiter viral Autoimmunerkrankung, Arzneireaktion
chronisch bilateral mit Sicca Sjögren Lymphomrisiko bei persistierender asymmetrischer Schwellung
harte Submandibularisschwellung chronisch sklerosierend/IgG4 maligner Tumor
einseitig, schmerzlos, persistierend Tumor Malignität auch ohne Schmerz
06 · Notfallzeichen

Red Flags

  • Dyspnoe, Stridor oder rasch zunehmende Mundboden-/Halsschwellung;
  • Dysphagie mit Dehydratation oder Unfähigkeit zur oralen Aufnahme;
  • Sepsiszeichen;
  • Fluktuation oder Bildgebungshinweis auf Abszess;
  • Immunsuppression oder schwere Komorbidität;
  • Fazialisparese;
  • fehlende Besserung trotz adäquater Behandlung;
  • persistierende harte oder knotige Raumforderung nach Abklingen der Entzündung.
07 · Prüfungsantwort

Prüfungsantwort

„Bei einer akuten Sialadenitis beurteile ich zuerst Allgemeinzustand, Atemweg und Abszesszeichen. Typisch für die bakterielle Form sind einseitige schmerzhafte Schwellung, Fieber und eitriges Sekret aus der Papille. Ich untersuche Gang und Drüse, suche nach einer Obstruktion und nutze bei Bedarf die Sonographie. Eitriges Sekret wird möglichst mikrobiologisch untersucht. Die Therapie umfasst Hydratation, Mundpflege, Massage, geeignete Speichelstimulation, Analgesie und bei bakterieller Genese eine risikoadaptierte Antibiotikatherapie. Ein Abszess wird anatomiegerecht drainiert. Bei Rezidiven suche ich nach Stein oder Stenose und strebe eine drüsenerhaltende Behandlung an.“

08 · Evidenz

Quellen

  • Urbain E et al.: Salivary gland infections or sialadenitis. 2023.
  • AWMF: S3-Leitlinie Speicheldrüsentumoren des Kopfes, zur Tumordifferenzialdiagnostik.
Nächstes Kapitel: Sialolithiasis

Vertiefe Steinlokalisation, Mahlzeitenbezug, Bildgebung und moderne drüsenerhaltende Therapie.

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