Sialadenitis – Entzündung ist nicht gleich Infektion
Akute bakterielle, virale, chronisch-obstruktive und autoimmune Formen, Red Flags, Diagnostik, Antibiotika und Abszessmanagement.
Sialadenitis – Entzündung ist nicht gleich Infektion
Sialadenitis bezeichnet eine Entzündung einer Speicheldrüse. Sie kann akut bakteriell, viral, chronisch-obstruktiv, autoimmun, IgG4-assoziiert oder therapiebedingt sein. Die Einteilung ist klinisch wichtig, weil weder jede Schwellung ein Antibiotikum noch jede chronische Entzündung eine Drüsenentfernung erfordert.
Klinischer Leitsatz: Bei akuter schmerzhafter Drüsenschwellung werden zuerst Abszess, Sepsis, Atemwegsgefährdung und eine mechanische Abflussstörung ausgeschlossen. Danach richtet sich die Therapie nach Ursache und Schweregrad.
Akute bakterielle Sialadenitis
Pathogenese
Die Infektion steigt meist retrograd über den Ausführungsgang auf. Verminderter Speichelfluss und Stase erleichtern die bakterielle Besiedlung. Besonders gefährdet sind ältere oder dehydrierte Menschen, postoperative Patientinnen und Patienten, Personen mit reduziertem Allgemeinzustand, Immunsuppression, ausgeprägter Mundtrockenheit, Mangelernährung, Speichelstein oder Gangstenose.
Häufig nachgewiesen werden Staphylococcus aureus, Streptokokken und anaerobe Bestandteile der Mundflora. Erregerspektrum und Resistenzlage hängen vom Versorgungskontext ab.
Klinik
- akuter, meist einseitiger Schmerz und Drüsenschwellung;
- Druckdolenz, gegebenenfalls Hautrötung und Überwärmung;
- trübes oder eitriges Sekret aus der Gangpapille;
- Fieber, Abgeschlagenheit und erhöhte Entzündungsparameter;
- bei Obstruktion zusätzlich Verstärkung durch Mahlzeiten.
Eitriges Sekret ist ein starkes Zeichen, sein Fehlen schließt eine bakterielle Entzündung jedoch nicht sicher aus.
Diagnostik
Therapie
Die Behandlung kombiniert, soweit klinisch geeignet:
- Rehydratation;
- sorgfältige Mundpflege;
- vorsichtige Drüsenmassage in Richtung der Papille;
- Speichelstimulation bei erhaltener Passage, bevorzugt zuckerfrei und zahnschonend;
- Analgesie und Antiphlogese unter Berücksichtigung von Kontraindikationen;
- empirische Antibiotikatherapie mit Abdeckung von S. aureus und oraler Flora bei gesicherter oder klinisch wahrscheinlicher bakterieller Infektion;
- Anpassung an Mikrobiologie, lokale Resistenzlage, Allergien, Nieren-/Leberfunktion und Schweregrad;
- Entlastung eines Abszesses und Behandlung eines zugrunde liegenden Steins beziehungsweise einer Stenose.
Eine fixe Antibiotikawahl für alle Fälle ist unseriös. Ambulante und stationäre Regime unterscheiden sich. Bei Sepsis, Immunsuppression, fehlender oraler Aufnahme, rascher Progression oder tiefer Ausbreitung ist eine stationäre intravenöse Behandlung zu prüfen.
Der Drainageweg richtet sich nach betroffener Drüse, Abszesslage und umgebenden Strukturen. Die pauschale Aussage „Speicheldrüsenabszesse werden vorzugsweise intraoral inzidiert“ ist falsch; ein Parotisabszess erfordert wegen des Fazialisverlaufs eine spezialisierte Planung und kann offen oder bildgesteuert drainiert werden.
Chronische und rezidivierende Sialadenitis
Wiederkehrende Schwellung und Beschwerden entstehen häufig durch Stein, Stenose, Gangektasie oder chronische Parenchymschädigung. Der Speichel kann vermindert oder zäh sein; zwischen Episoden kann die Untersuchung unauffällig sein.
Der diagnostische Schwerpunkt liegt auf:
- Mahlzeitenbezug und Rezidivmuster;
- Sonographie;
- Suche nach Stein oder Gangdilatation;
- gegebenenfalls MR-Sialographie oder Sialendoskopie;
- Abgrenzung zu Autoimmunerkrankung und Tumor.
Die Therapie ist möglichst ursachenbezogen und drüsenerhaltend. Sialendoskopie kann Stenosen dilatieren, Gänge spülen und kleine Steine entfernen. Eine Sialadenektomie bleibt ausgewählten, trotz angemessener Therapie symptomatischen Fällen vorbehalten.
Autoimmune und spezielle Formen
Sjögren-Syndrom
Die autoimmune lymphozytäre Sialadenitis führt häufig zu Xerostomie, trockenen Augen und strukturellen Drüsenveränderungen. Wiederholte Parotisschwellungen können vorkommen. Diagnose und Behandlung sind interdisziplinär; ein einzelner positiver Antikörpertest reicht nicht.
IgG4-assoziierte Sialadenitis
Die chronisch sklerosierende Sialadenitis, historisch teilweise als Küttner-Tumor bezeichnet, kann Teil einer IgG4-assoziierten Systemerkrankung sein. Sie kann eine harte Submandibularisschwellung verursachen und einen Tumor imitieren. Histologie und systemische Abklärung sind entscheidend.
Radio- und Radiojod-assoziierte Schädigung
Ionisierende Strahlung im Kopf-Hals-Bereich und Radiojod können das Drüsenparenchym schädigen. Beschwerden reichen von akuter Schwellung bis zu chronischer Hyposalivation. Prävention und Behandlung hängen von onkologischer Therapie, Restfunktion und Zeitpunkt ab.
Differenzialdiagnosen
| Befund | Eher passend zu | Was darf nicht übersehen werden? |
|---|---|---|
| prandial rezidivierend | Stein/Stenose | chronische Entzündung und Funktionsverlust |
| akut, Fieber, Eiter | bakterielle Sialadenitis | Abszess, Sepsis, tiefe Ausbreitung |
| akut bilateral ohne Eiter | viral | Autoimmunerkrankung, Arzneireaktion |
| chronisch bilateral mit Sicca | Sjögren | Lymphomrisiko bei persistierender asymmetrischer Schwellung |
| harte Submandibularisschwellung | chronisch sklerosierend/IgG4 | maligner Tumor |
| einseitig, schmerzlos, persistierend | Tumor | Malignität auch ohne Schmerz |
Red Flags
- Dyspnoe, Stridor oder rasch zunehmende Mundboden-/Halsschwellung;
- Dysphagie mit Dehydratation oder Unfähigkeit zur oralen Aufnahme;
- Sepsiszeichen;
- Fluktuation oder Bildgebungshinweis auf Abszess;
- Immunsuppression oder schwere Komorbidität;
- Fazialisparese;
- fehlende Besserung trotz adäquater Behandlung;
- persistierende harte oder knotige Raumforderung nach Abklingen der Entzündung.
Prüfungsantwort
„Bei einer akuten Sialadenitis beurteile ich zuerst Allgemeinzustand, Atemweg und Abszesszeichen. Typisch für die bakterielle Form sind einseitige schmerzhafte Schwellung, Fieber und eitriges Sekret aus der Papille. Ich untersuche Gang und Drüse, suche nach einer Obstruktion und nutze bei Bedarf die Sonographie. Eitriges Sekret wird möglichst mikrobiologisch untersucht. Die Therapie umfasst Hydratation, Mundpflege, Massage, geeignete Speichelstimulation, Analgesie und bei bakterieller Genese eine risikoadaptierte Antibiotikatherapie. Ein Abszess wird anatomiegerecht drainiert. Bei Rezidiven suche ich nach Stein oder Stenose und strebe eine drüsenerhaltende Behandlung an.“
Quellen
- Urbain E et al.: Salivary gland infections or sialadenitis. 2023.
- AWMF: S3-Leitlinie Speicheldrüsentumoren des Kopfes, zur Tumordifferenzialdiagnostik.
Vertiefe Steinlokalisation, Mahlzeitenbezug, Bildgebung und moderne drüsenerhaltende Therapie.