Kenntnisprüfung Zahnmedizin · Speicheldrüsen

Xerostomie und Hyposalivation – Diagnostik, Therapie und Prävention

Subjektive Mundtrockenheit, objektive Speichelminderung, Medikamente, Sjögren-Syndrom, Sialometrie, Speichelstimulation und intensive Kariesprävention.

KP NiedersachsenXerostomie11 LernabschnitteStand August 2026
00 · Klinische Orientierung

Xerostomie ist ein Symptom – Hyposalivation ein Messbefund

Xerostomie bezeichnet das subjektive Gefühl eines trockenen Mundes. Hyposalivation bedeutet eine objektiv verminderte Speichelsekretion. Eine Person kann Xerostomie bei noch messbar normalem Speichelfluss empfinden; umgekehrt kann eine deutliche Hyposalivation subjektiv zunächst wenig Beschwerden verursachen.

Klinischer Leitsatz: Die Frage „Ist Ihr Mund trocken?“ wird durch eine klinische Untersuchung und bei relevanten Beschwerden durch Sialometrie ergänzt. Subjektives Empfinden und objektive Drüsenfunktion sind nicht dasselbe.

01 · Ätiologie

Ursachen

Medikamente

Die häufigste Ursache in der Praxis ist häufig die Medikamentenlast, insbesondere die anticholinerge Gesamtwirkung. Relevante Gruppen umfassen unter anderem:

  • Anticholinergika;
  • viele Antidepressiva und Antipsychotika;
  • sedierende Medikamente;
  • Antihistaminika;
  • Diuretika;
  • einige Antihypertensiva;
  • Opioide und weitere zentral wirksame Präparate.

Nicht nur ein Einzelmedikament, sondern Polypharmazie und kumulative anticholinerge Belastung sind bedeutsam.

Systemische und lokale Ursachen

  • Dehydratation, Fieber und eingeschränkte Flüssigkeitsaufnahme;
  • Sjögren-Syndrom und andere Autoimmunerkrankungen;
  • Kopf-Hals-Radiotherapie;
  • Radiojodtherapie;
  • Diabetes mellitus, besonders bei unzureichender Einstellung und Flüssigkeitsverlust;
  • chronische Graft-versus-Host-Erkrankung;
  • Speicheldrüsenerkrankungen oder operative Entfernung;
  • Mundatmung und nächtliche Atemwegsprobleme;
  • Angst und Stress als Verstärker des Trockenheitsgefühls.

Hohes Alter allein führt nicht zwangsläufig zu klinisch relevanter Hyposalivation. Häufiger sind Begleiterkrankungen und Medikamente verantwortlich.

02 · Orale Konsequenzen

Folgen für Mundhöhle und Lebensqualität

  • schnell progrediente Glattflächen-, Zahnhals- und Wurzelkaries;
  • Demineralisation an atypischen Stellen, beispielsweise Inzisalkanten;
  • Candidose und anguläre Cheilitis;
  • trockene, klebrige, gerötete oder leicht verletzliche Schleimhaut;
  • Brennen, Dysgeusie und Halitosis;
  • erschwertes Sprechen, Kauen und Schlucken trockener Nahrung;
  • schlechter Prothesenhalt und Druckstellen;
  • Schlafstörung durch nächtliches Trinken;
  • deutlich eingeschränkte Lebensqualität.
03 · Symptomprofil

Anamnese

Praktische Fragen sind:

  • Müssen Sie beim Essen trockener Nahrung trinken?
  • Wachen Sie nachts wegen Mundtrockenheit auf?
  • Klebt die Zunge am Gaumen?
  • Haben Sie trockene Augen, Gelenkbeschwerden oder wiederholte Parotisschwellungen?
  • Welche Medikamente nehmen Sie einschließlich Bedarfs- und frei verkäuflicher Präparate?
  • Gab es Bestrahlung, Radiojod oder eine Transplantation?
04 · Klinischer Befund

Klinische Untersuchung

Hinweise auf orale Trockenheit sind fehlender Speichelsee im Mundboden, zäher oder schaumiger Speichel, an Spiegel oder Handschuh haftende Schleimhaut, glatte gerötete Zunge, Fissuren, Candidose und ungewöhnlich rasche Kariesprogression.

Die Gangpapillen werden inspiziert und die großen Drüsen ausgestrichen. Zähne, Restaurationen, Prothesen, Mundschleimhaut und Parodont werden vollständig beurteilt.

05 · Funktionsmessung

Sialometrie

Die unstimulierte Gesamtspeichelrate kann standardisiert über einen definierten Zeitraum gemessen werden. Ein Wert von höchstens 0,1 ml/min ist Bestandteil der ACR/EULAR-Klassifikationskriterien für das primäre Sjögren-Syndrom und kennzeichnet eine ausgeprägte Verminderung. Für die allgemeine klinische Beurteilung werden teilweise höhere Schwellen verwendet; Messzeit, Hydratation, Tageszeit, Essen, Trinken, Rauchen und Medikamente beeinflussen das Ergebnis.

Eine stimulierte Messung, etwa nach standardisiertem Kauen, zeigt die funktionelle Reserve. Ein stimulierter Fluss von höchstens ungefähr 0,5 bis 0,7 ml/min wird häufig als vermindert gewertet, muss aber mit Methode und Referenzbereich interpretiert werden.

06 · Autoimmunerkrankung

Sjögren-Syndrom

Xerostomie zusammen mit trockenen Augen, rezidivierender Parotisschwellung oder systemischen Symptomen weckt den Verdacht. Die Diagnose darf nicht auf „ANA, Anti-SSA und Anti-SSB bestimmen“ reduziert werden.

Die ACR/EULAR-Klassifikation von 2016 berücksichtigt gewichtet:

  • Anti-SSA/Ro;
  • fokale lymphozytäre Sialadenitis in der kleinen Speicheldrüsenbiopsie mit Focus Score;
  • okuläre Färbung;
  • Schirmer-Test;
  • unstimulierte Gesamtspeichelrate.

Klassifikationskriterien sind nicht identisch mit einer alleinigen klinischen Diagnoseregel. Die Abklärung erfolgt interdisziplinär mit Rheumatologie und Ophthalmologie; Anti-SSB/La allein ist in diesen Kriterien kein eigenständiges Hauptkriterium.

07 · Behandlung & Prävention

Therapie – Ursache, Funktion und Prävention

Ursache behandeln

  • Hydratation und behandelbare Allgemeinerkrankungen optimieren;
  • Medikamentenplan einschließlich anticholinerger Belastung ärztlich überprüfen;
  • Diabetes, Candidose und andere Begleiterkrankungen behandeln;
  • bei Sjögren oder Therapiefolgen interdisziplinär vorgehen.

Medikamente werden nicht eigenständig abgesetzt. Oft sind Einnahmezeit, Dosierung oder ein alternatives Präparat möglich, aber nur nach Abstimmung.

Speichel stimulieren

Bei Restfunktion helfen zuckerfreies Kauen und milde, nicht erosive Geschmacksreize. Saure Bonbons und häufiges Zitronenlutschen sind wegen Erosions- und Kariesrisiko keine gute Standardempfehlung.

Systemische Sialogoga wie Pilocarpin können bei ausgewählten Patientinnen und Patienten mit Restfunktion erwogen werden. Sie sind verschreibungspflichtig und können Schwitzen, Flush, Harndrang, gastrointestinale Beschwerden und kardiopulmonale Effekte verursachen. Kontraindikationen und Interaktionen müssen ärztlich geprüft werden.

Speichel ersetzen und Schleimhaut befeuchten

Sprays, Gele und Lösungen werden nach Alltagssituation und Verträglichkeit gewählt. Nachts haften Gele häufig länger. Produkte sollten möglichst pH-neutral beziehungsweise nicht erosiv sein. Regelmäßiges Wassertrinken lindert kurzfristig, ersetzt aber nicht die Schutzfunktionen des Speichels.

Kariesprävention

Das Präventionskonzept ist zentral:

  • zweimal tägliche fluoridhaltige Zahnpasta;
  • bei hohem Risiko für Erwachsene gegebenenfalls hochkonzentrierte Fluoridzahnpasta nach zahnärztlicher Indikation und lokalen Vorgaben;
  • professioneller Fluoridlack in risikoadaptierten Intervallen;
  • konsequente Plaquekontrolle;
  • zuckerarme und wenig frequente Nahrungsaufnahme;
  • Verzicht auf dauerhaft saure Sialogoga;
  • kurze Recallintervalle mit Kontrolle initialer Läsionen;
  • Candidose nur bei klinischer Erkrankung behandeln.
08 · Prüfungsantwort

90-Sekunden-Prüfungsantwort

„Xerostomie ist das subjektive Gefühl der Mundtrockenheit, Hyposalivation eine objektiv verminderte Speichelsekretion. Ich erhebe eine vollständige Medikamenten- und Systemanamnese, frage nach trockenen Augen, Bestrahlung und Diabetes und untersuche Schleimhaut, Speichelsee, Gangsekret und Kariesmuster. Bei relevanten Beschwerden messe ich den unstimulierten und gegebenenfalls stimulierten Speichelfluss. Ein unstimulierter Wert von höchstens 0,1 Milliliter pro Minute ist stark vermindert und Teil der Sjögren-Klassifikationskriterien. Therapeutisch behandle ich die Ursache, lasse den Medikamentenplan ärztlich prüfen, stimuliere vorhandene Restfunktion, setze bei Bedarf Speichelersatz ein und etabliere eine intensive Fluorid- und Kariesprophylaxe. Bei Verdacht auf Sjögren überweise ich interdisziplinär.“

09 · Prüfungsfallen

Häufige Fehler

  • Xerostomie und Hyposalivation synonym verwenden.
  • Alter allein als Ursache akzeptieren.
  • pauschal Zitronenbonbons empfehlen.
  • Medikamente ohne Rücksprache absetzen.
  • Sjögren nur anhand von Anti-SSA/SSB diagnostizieren.
  • Kariesprävention auf „besser putzen“ reduzieren.
10 · Evidenz

Quellen

  • Shiboski CH et al.: 2016 ACR/EULAR classification criteria for primary Sjögren syndrome.
  • Mercadante V et al.: ISOO/MASCC/ASCO Guideline on salivary gland hypofunction and xerostomia after nonsurgical cancer therapy. 2021.
  • Villa A et al.: Evaluation and management of dry mouth and its complications. 2023.
Nächstes Kapitel: Speicheldrüsentumoren

Vertiefe benigne und maligne Entitäten, Fazialis-Red-Flags, Bildgebung, Gewebediagnostik und Therapieplanung.

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