Kenntnisprüfung Zahnmedizin · Speicheldrüsen

Speicheldrüsen – Anatomie, Funktion, Diagnostik und Erkrankungen

Anatomie, Speichelphysiologie, klinische Untersuchung, Bildgebung, Sialolithiasis, Sialadenitis, Xerostomie und Speicheldrüsentumoren.

KP NiedersachsenSpeicheldrüsen12 LernabschnitteStand August 2026
00 · Systemüberblick

Speicheldrüsen – Anatomie und klinische Entscheidungslogik

Die Speicheldrüsen sichern die Befeuchtung und Integrität der Mundschleimhaut, ermöglichen Sprechen und Schlucken, unterstützen Geschmack und Verdauung und schützen Zähne durch Pufferung, Spülung und Remineralisation. Für die zahnärztliche Diagnostik ist jedoch nicht nur die Anatomie entscheidend. Besonders wichtig ist das klinische Muster einer Schwellung: schmerzhaft oder schmerzlos, ein- oder beidseitig, dauerhaft oder mahlzeitenabhängig, diffus oder knotig.

Klinischer Leitsatz: Eine mahlzeitenabhängige Schwellung spricht primär für eine Abflussstörung. Schmerz, Fieber und eitriges Sekret sprechen für eine bakterielle Entzündung. Eine persistierende einseitige, schmerzlose Raumforderung muss bis zur fachärztlichen Klärung als möglicher Tumor betrachtet werden.

01 · Anatomie

Große und kleine Speicheldrüsen

Große Speicheldrüsen

DrüseSekretAusführungsgangMündungKlinischer Schwerpunkt
Glandula parotis rein serös Ductus parotideus nach Stensen Wangenschleimhaut gegenüber dem oberen zweiten Molaren N. facialis, Parotitis, Tumoren
Glandula submandibularis gemischt, überwiegend serös Ductus submandibularis nach Wharton Caruncula sublingualis neben dem Frenulum linguae Hauptanteil des Ruhespeichels, Sialolithiasis
Glandula sublingualis gemischt, überwiegend mukös zahlreiche Ductus sublinguales minores; variabler Ductus sublingualis major entlang der Plica sublingualis beziehungsweise an der Caruncula Ranula, Beziehung zu N. lingualis und Wharton-Gang

Kleine Speicheldrüsen

Hunderte kleine Speicheldrüsen liegen in Lippen, Wangen, Gaumen, Zunge, Mundboden und Retromolarregion. Sie geben überwiegend kontinuierlich muköses Sekret ab und sind für die lokale Schleimhautbefeuchtung bedeutsam. Im Bereich der Wallpapillen liegen seröse von-Ebner-Drüsen. Gingiva und vorderer harter Gaumen besitzen keine beziehungsweise nur sehr wenige kleine Speicheldrüsen.

Kleine Speicheldrüsen können ebenfalls von Entzündungen und Tumoren betroffen sein. Eine persistierende, derbe oder ulzerierte Raumforderung am Gaumen ist deshalb nicht automatisch odontogen und muss fachärztlich abgeklärt werden.

02 · Funktion

Speichelphysiologie

Die tägliche Speichelmenge schwankt stark und liegt bei Erwachsenen typischerweise in einer Größenordnung von etwa 0,5 bis 1,5 Litern. Hydratation, Tageszeit, Medikamente, Nahrungsreize, psychovegetative Faktoren und Erkrankungen beeinflussen die Sekretion.

In Ruhe liefert die Glandula submandibularis den größten Anteil, häufig etwa 60 bis 70 Prozent. Die Parotis trägt ungefähr ein Fünftel bei; Glandula sublingualis und kleine Drüsen liefern den verbleibenden Anteil. Unter starker Stimulation nimmt der relative Beitrag der Parotis deutlich zu. Prozentangaben sind Näherungswerte und keine unveränderlichen Konstanten.

Zentrale Funktionen

  • Lubrikation: erleichtert Sprechen, Kauen, Schlucken und Prothesentragen.
  • Pufferung: vor allem Bicarbonat neutralisiert Säuren; die Pufferkapazität steigt mit dem Speichelfluss.
  • Remineralisation: Calcium, Phosphat und speichelgebundene Proteine stabilisieren die Zahnhartsubstanz.
  • Reinigung: Flüssigkeitsstrom reduziert Nahrungsreste und mikrobielle Belastung.
  • Abwehr: unter anderem sekretorisches IgA, Lysozym, Lactoferrin und Peroxidasen.
  • Verdauung und Geschmack: α-Amylase beginnt den Stärkeabbau; gelöste Geschmacksstoffe erreichen die Rezeptoren.
  • Gewebeschutz: Muzine und Wachstumsfaktoren schützen und unterstützen die Schleimhaut.

Autonome Regulation

Parasympathische Aktivierung erzeugt überwiegend eine reichliche, eher dünnflüssige Sekretion und steigert die Durchblutung der Drüse. Sympathische Stimulation führt tendenziell zu einer geringeren, proteinreicheren Sekretmenge. Beide Systeme beeinflussen die Speichelbildung; „Sympathikus bedeutet nur zäh, Parasympathikus bedeutet nur viel“ ist eine didaktische Vereinfachung.

03 · Befunderhebung

Klinische Untersuchung

Anamnese

Gezielt gefragt wird nach:

  • Beginn, Dauer, Wachstum und Rezidiven;
  • Zusammenhang mit Mahlzeiten;
  • Schmerz, Fieber, Schüttelfrost und Allgemeinzustand;
  • Mundtrockenheit, trockenen Augen, Dysphagie und Geschmacksveränderung;
  • Medikamenten, Radiotherapie, Radiojodtherapie und systemischen Erkrankungen;
  • Gewichtsverlauf, Essstörung, Alkoholgebrauch und Stoffwechselerkrankungen;
  • früheren Speichelsteinen, Eingriffen und Tumoren.

Inspektion und Palpation

Beurteilt werden Symmetrie, Haut, Mundboden, Gangpapillen und Sekret. Die Parotis wird extraoral, die Submandibularis bimanuell von intra- und extraoral palpiert. Der Ductus submandibularis wird vom Drüsenbereich nach anterior ausgestrichen; ein distaler Stein kann dabei tastbar sein. An der Papille wird geprüft, ob klares, vermindertes, trübes oder eitriges Sekret austritt.

Bei einer Parotisraumforderung wird die Funktion sämtlicher Fazialisäste dokumentiert. Zusätzlich werden Mundhöhle, Zähne, Tonsillenregion und zervikale Lymphknoten untersucht, weil odontogene Infektionen, Lymphadenopathien und andere Halsraumforderungen eine Speicheldrüsenerkrankung imitieren können.

04 · Differenzialdiagnostik

Klinische Muster richtig einordnen

Leitsymptom Wahrscheinliche Gruppe Wichtige Differenzialdiagnosen
Schmerz und Schwellung beim Essen Obstruktion durch Stein oder Stenose chronische Sialadenitis, seltener Tumorkompression
Akut schmerzhaft, gerötet, Fieber, Eiter aus Papille akute bakterielle Sialadenitis Abszess, odontogene Infektion, infizierter Stein
Akute bilaterale Parotisschwellung ohne Eiter virale Sialadenitis Medikamentenreaktion, Autoimmunerkrankung
Chronisch bilateral, schmerzlos, keine Entzündungszeichen Sialadenose Sjögren-Syndrom, HIV-assoziierte Erkrankung, Lymphom
Mundtrockenheit ohne Schwellung Xerostomie mit oder ohne Hyposalivation Medikamente, Dehydratation, Sjögren, Bestrahlung, Diabetes
Persistierend einseitig und schmerzlos Neoplasie bis zur Klärung Zyste, intraglandulärer Lymphknoten, chronische Entzündung
Fazialisparese, Fixierung, rasches Wachstum oder Lymphknoten Malignitätsverdacht invasive Entzündung als seltene Alternative
Bläuliche Mundbodenschwellung orale Ranula Dermoid-/Epidermoidzyste, vaskuläre oder lymphatische Malformation

Red Flags: Atemnot, Dysphagie mit Speichelverhalt, rasch progrediente Mundboden- oder Halsschwellung, Sepsiszeichen, Abszessverdacht, Fazialisparese, Hautinfiltration, fixierte Raumforderung, neu aufgetretene Sensibilitätsstörung oder suspekte Halslymphknoten erfordern eine dringliche fachärztliche beziehungsweise notfallmedizinische Abklärung.

05 · Bildgebung

Diagnostische Verfahren im Überblick

Die Sonographie ist bei vielen Erkrankungen der oberflächlichen großen Speicheldrüsen die erste apparative Untersuchung. Sie kann Steine, Gangdilatationen, entzündliche Parenchymveränderungen, Abszesse, solide oder zystische Läsionen und regionale Lymphknoten darstellen. Sie ist jedoch kein universeller „Goldstandard“ für jede Fragestellung.

Verfahren Hauptstärke Typische Grenze
Sonographie mit Doppler schnell, strahlenfrei, oberflächliche Drüsen, Steine, Entzündung, Biopsiesteuerung tiefer Parotislappen, Schädelbasis und kleine distale Gangsteine nur eingeschränkt
CT Verkalkungen, Knochen, tiefe Infektion, Abszess und Notfalldiagnostik ionisierende Strahlung, geringerer Weichteilkontrast als MRT
MRT Tumorausdehnung, tiefer Parotislappen, Weichteile, perineurales Wachstum längere Untersuchung, Bewegung und Metall-/Implantatfragen
MR-Sialographie nicht invasive Darstellung flüssigkeitsgefüllter Gangabschnitte weniger therapeutische Information als direkte Endoskopie
konventionelle Sialographie detaillierte Gangmorphologie invasiv; bei akuter eitriger Entzündung ungeeignet
Sialendoskopie direkte Ganginspektion und gleichzeitige Therapie nur für das Gangsystem; Expertise und passende Anatomie erforderlich
sonographisch gesteuerte FNA/CNB Gewebe- beziehungsweise Zellgewinnung bei Raumforderung gehört in einen geplanten spezialisierten Diagnostikpfad
06 · Krankheitsgruppen

Erkrankungsgruppen

Obstruktive Erkrankungen

Die Sialolithiasis betrifft am häufigsten das submandibuläre System. Klinik und Therapie hängen nicht nur von der Steingröße ab, sondern auch von Lage, Mobilität, Gangstenose und Drüsenfunktion. Ziel ist heute nach Möglichkeit die Drüsenerhaltung durch Sialendoskopie, transorale oder kombinierte Verfahren und gegebenenfalls Lithotripsie.

Entzündliche Erkrankungen

Eine Sialadenitis kann bakteriell, viral, chronisch-obstruktiv, autoimmun oder therapiebedingt sein. Eitriges Sekret stützt eine bakterielle Genese; sein Fehlen schließt sie nicht sicher aus. Bei wiederholten Entzündungen muss eine zugrunde liegende Abflussstörung gesucht werden.

Nicht entzündliche Schwellung

Die Sialadenose ist eine nicht entzündliche, nicht neoplastische, häufig beidseitige Drüsenvergrößerung. Sie ist eine Ausschlussdiagnose und kann mit metabolischen, nutritiven oder toxischen Faktoren assoziiert sein.

Xerostomie und Hyposalivation

Xerostomie bezeichnet die subjektive Mundtrockenheit, Hyposalivation eine objektiv messbare Sekretionsminderung. Beide können gemeinsam oder getrennt auftreten. Die zahnärztliche Bedeutung liegt vor allem im stark erhöhten Risiko für Wurzel- und Glattflächenkaries, Candidose, Schleimhautverletzungen und eingeschränkte Lebensqualität.

Tumoren

Speicheldrüsentumoren sind histologisch heterogen. Die meisten entstehen in der Parotis und sind dort überwiegend gutartig; in kleineren Drüsen ist der relative Anteil maligner Tumoren höher. Klinik allein kann Benignität nicht sicher beweisen. Die deutsche S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie von Speicheldrüsentumoren des Kopfes“, Version 1.0, ist seit August 2025 gültig.

07 · Entscheidungsweg

Diagnostischer Gesamtalgorithmus

1
Notfall? Atemweg, Sepsis, rasche Ausbreitung und Abszess ausschließen.
2
Zeit und Schmerz: akut oder chronisch, schmerzhaft oder schmerzlos?
3
Seitenverteilung: einseitig, beidseitig oder multifokal?
4
Mahlzeitenbezug: spricht für eine Obstruktion.
5
Gangbefund: Sekretmenge, Sekretqualität und tastbarer Stein.
6
Nerven und Lymphknoten: Fazialisfunktion bei Parotisbefund immer dokumentieren.
7
Sonographie: bei den meisten Erkrankungen der großen Drüsen die erste apparative Stufe.
8
Eskalation: CT bei Kalk, Knochen oder akuter tiefer Komplikation; MRT bei Tumor, tiefem Lappen oder perineuraler Ausbreitung.
9
Gewebediagnostik: suspekte Raumforderungen im spezialisierten onkologischen Pfad sonographisch gesteuert punktieren beziehungsweise biopsieren.
10
Ursache behandeln: drüsenerhaltend, risikoadaptiert und interdisziplinär.
08 · Prüfungsantwort

90-Sekunden-Antwort für die Kenntnisprüfung

„Bei einer Speicheldrüsenschwellung unterscheide ich zunächst einen Notfall von einem stabilen Befund. Danach frage ich nach Dauer, Schmerzen, Fieber und einem Zusammenhang mit Mahlzeiten. Eine prandiale Schwellung spricht für eine Obstruktion, insbesondere durch Sialolithiasis. Schmerz, Rötung und eitriges Sekret aus der Papille sprechen für eine bakterielle Sialadenitis. Eine beidseitige schmerzlose Schwellung kann zu einer Sialadenose oder Autoimmunerkrankung passen. Eine persistierende einseitige schmerzlose Raumforderung muss als Tumor abgeklärt werden. Klinisch inspiziere ich die Gangpapillen, palpiere die Drüsen und den Mundboden bimanuell und prüfe bei Parotisbefunden immer die Fazialisfunktion. Die Sonographie ist meist die erste Bildgebung. CT nutze ich vor allem für Verkalkungen, Knochen und akute tiefe Komplikationen, MRT für Tumorausdehnung und perineurales Wachstum. Bei einer Raumforderung erfolgt die Gewebediagnostik geplant in einer spezialisierten Einheit.“

09 · Prüfungsfallen

Häufige Prüfungsfehler

  • Sonographie als universellen Goldstandard für jede Speicheldrüsenfrage bezeichnen.
  • Eine schmerzlose Schwellung automatisch als Sialadenose einordnen, ohne Tumor und Autoimmunerkrankung auszuschließen.
  • Bei Parotisschwellung die Fazialisfunktion nicht prüfen.
  • Sialendoskopie mit einer reinen Bildgebung verwechseln.
  • Xerostomie und Hyposalivation synonym verwenden.
  • Eine Parotisraumforderung in der Hauszahnarztpraxis offen biopsieren.
  • Antibiotika bei jeder Speicheldrüsenschwellung verordnen.
  • Bei akuter bakterieller Sialadenitis die mögliche Abflussstörung übersehen.
10 · Patientenfragen

FAQ

Welche Speicheldrüse produziert den meisten Ruhespeichel?

Die Glandula submandibularis liefert den größten Anteil des unstimulierten Gesamtspeichels. Bei starker Stimulation steigt der relative Anteil der Parotis deutlich.

Welche Untersuchung kommt zuerst?

Nach Anamnese, Inspektion und Palpation ist die Sonographie bei vielen Erkrankungen der großen Speicheldrüsen die erste apparative Untersuchung. Die Wahl kann sich bei Notfall, tiefer Raumforderung oder Tumorverdacht ändern.

Was bedeutet eine Schwellung beim Essen?

Sie spricht für eine Abflussbehinderung, meist durch einen Stein oder eine Gangstenose. Sekundär kann sich die Drüse entzünden.

Warum ist eine Fazialisparese bei Parotisschwellung gefährlich?

Sie kann auf eine Infiltration des N. facialis durch einen malignen Tumor hinweisen und erfordert eine dringliche spezialisierte Abklärung.

Ist Mundtrockenheit immer mit vermindertem Speichelfluss verbunden?

Nein. Xerostomie ist ein subjektives Symptom; Hyposalivation wird objektiv gemessen. Beide Befunde können voneinander abweichen.

11 · Evidenz

Quellen und Leitlinien

Nächstes Kapitel: Bildgebung der Speicheldrüsen

Vertiefe Sonographie, CT, MRT, Sialographie und Sialendoskopie im diagnostischen Ablauf.

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