Speicheldrüsen – Anatomie, Funktion, Diagnostik und Erkrankungen
Anatomie, Speichelphysiologie, klinische Untersuchung, Bildgebung, Sialolithiasis, Sialadenitis, Xerostomie und Speicheldrüsentumoren.
Speicheldrüsen – Anatomie und klinische Entscheidungslogik
Die Speicheldrüsen sichern die Befeuchtung und Integrität der Mundschleimhaut, ermöglichen Sprechen und Schlucken, unterstützen Geschmack und Verdauung und schützen Zähne durch Pufferung, Spülung und Remineralisation. Für die zahnärztliche Diagnostik ist jedoch nicht nur die Anatomie entscheidend. Besonders wichtig ist das klinische Muster einer Schwellung: schmerzhaft oder schmerzlos, ein- oder beidseitig, dauerhaft oder mahlzeitenabhängig, diffus oder knotig.
Klinischer Leitsatz: Eine mahlzeitenabhängige Schwellung spricht primär für eine Abflussstörung. Schmerz, Fieber und eitriges Sekret sprechen für eine bakterielle Entzündung. Eine persistierende einseitige, schmerzlose Raumforderung muss bis zur fachärztlichen Klärung als möglicher Tumor betrachtet werden.
Große und kleine Speicheldrüsen
Große Speicheldrüsen
| Drüse | Sekret | Ausführungsgang | Mündung | Klinischer Schwerpunkt |
|---|---|---|---|---|
| Glandula parotis | rein serös | Ductus parotideus nach Stensen | Wangenschleimhaut gegenüber dem oberen zweiten Molaren | N. facialis, Parotitis, Tumoren |
| Glandula submandibularis | gemischt, überwiegend serös | Ductus submandibularis nach Wharton | Caruncula sublingualis neben dem Frenulum linguae | Hauptanteil des Ruhespeichels, Sialolithiasis |
| Glandula sublingualis | gemischt, überwiegend mukös | zahlreiche Ductus sublinguales minores; variabler Ductus sublingualis major | entlang der Plica sublingualis beziehungsweise an der Caruncula | Ranula, Beziehung zu N. lingualis und Wharton-Gang |
Kleine Speicheldrüsen
Hunderte kleine Speicheldrüsen liegen in Lippen, Wangen, Gaumen, Zunge, Mundboden und Retromolarregion. Sie geben überwiegend kontinuierlich muköses Sekret ab und sind für die lokale Schleimhautbefeuchtung bedeutsam. Im Bereich der Wallpapillen liegen seröse von-Ebner-Drüsen. Gingiva und vorderer harter Gaumen besitzen keine beziehungsweise nur sehr wenige kleine Speicheldrüsen.
Kleine Speicheldrüsen können ebenfalls von Entzündungen und Tumoren betroffen sein. Eine persistierende, derbe oder ulzerierte Raumforderung am Gaumen ist deshalb nicht automatisch odontogen und muss fachärztlich abgeklärt werden.
Speichelphysiologie
Die tägliche Speichelmenge schwankt stark und liegt bei Erwachsenen typischerweise in einer Größenordnung von etwa 0,5 bis 1,5 Litern. Hydratation, Tageszeit, Medikamente, Nahrungsreize, psychovegetative Faktoren und Erkrankungen beeinflussen die Sekretion.
In Ruhe liefert die Glandula submandibularis den größten Anteil, häufig etwa 60 bis 70 Prozent. Die Parotis trägt ungefähr ein Fünftel bei; Glandula sublingualis und kleine Drüsen liefern den verbleibenden Anteil. Unter starker Stimulation nimmt der relative Beitrag der Parotis deutlich zu. Prozentangaben sind Näherungswerte und keine unveränderlichen Konstanten.
Zentrale Funktionen
- Lubrikation: erleichtert Sprechen, Kauen, Schlucken und Prothesentragen.
- Pufferung: vor allem Bicarbonat neutralisiert Säuren; die Pufferkapazität steigt mit dem Speichelfluss.
- Remineralisation: Calcium, Phosphat und speichelgebundene Proteine stabilisieren die Zahnhartsubstanz.
- Reinigung: Flüssigkeitsstrom reduziert Nahrungsreste und mikrobielle Belastung.
- Abwehr: unter anderem sekretorisches IgA, Lysozym, Lactoferrin und Peroxidasen.
- Verdauung und Geschmack: α-Amylase beginnt den Stärkeabbau; gelöste Geschmacksstoffe erreichen die Rezeptoren.
- Gewebeschutz: Muzine und Wachstumsfaktoren schützen und unterstützen die Schleimhaut.
Autonome Regulation
Parasympathische Aktivierung erzeugt überwiegend eine reichliche, eher dünnflüssige Sekretion und steigert die Durchblutung der Drüse. Sympathische Stimulation führt tendenziell zu einer geringeren, proteinreicheren Sekretmenge. Beide Systeme beeinflussen die Speichelbildung; „Sympathikus bedeutet nur zäh, Parasympathikus bedeutet nur viel“ ist eine didaktische Vereinfachung.
Klinische Untersuchung
Anamnese
Gezielt gefragt wird nach:
- Beginn, Dauer, Wachstum und Rezidiven;
- Zusammenhang mit Mahlzeiten;
- Schmerz, Fieber, Schüttelfrost und Allgemeinzustand;
- Mundtrockenheit, trockenen Augen, Dysphagie und Geschmacksveränderung;
- Medikamenten, Radiotherapie, Radiojodtherapie und systemischen Erkrankungen;
- Gewichtsverlauf, Essstörung, Alkoholgebrauch und Stoffwechselerkrankungen;
- früheren Speichelsteinen, Eingriffen und Tumoren.
Inspektion und Palpation
Beurteilt werden Symmetrie, Haut, Mundboden, Gangpapillen und Sekret. Die Parotis wird extraoral, die Submandibularis bimanuell von intra- und extraoral palpiert. Der Ductus submandibularis wird vom Drüsenbereich nach anterior ausgestrichen; ein distaler Stein kann dabei tastbar sein. An der Papille wird geprüft, ob klares, vermindertes, trübes oder eitriges Sekret austritt.
Bei einer Parotisraumforderung wird die Funktion sämtlicher Fazialisäste dokumentiert. Zusätzlich werden Mundhöhle, Zähne, Tonsillenregion und zervikale Lymphknoten untersucht, weil odontogene Infektionen, Lymphadenopathien und andere Halsraumforderungen eine Speicheldrüsenerkrankung imitieren können.
Klinische Muster richtig einordnen
| Leitsymptom | Wahrscheinliche Gruppe | Wichtige Differenzialdiagnosen |
|---|---|---|
| Schmerz und Schwellung beim Essen | Obstruktion durch Stein oder Stenose | chronische Sialadenitis, seltener Tumorkompression |
| Akut schmerzhaft, gerötet, Fieber, Eiter aus Papille | akute bakterielle Sialadenitis | Abszess, odontogene Infektion, infizierter Stein |
| Akute bilaterale Parotisschwellung ohne Eiter | virale Sialadenitis | Medikamentenreaktion, Autoimmunerkrankung |
| Chronisch bilateral, schmerzlos, keine Entzündungszeichen | Sialadenose | Sjögren-Syndrom, HIV-assoziierte Erkrankung, Lymphom |
| Mundtrockenheit ohne Schwellung | Xerostomie mit oder ohne Hyposalivation | Medikamente, Dehydratation, Sjögren, Bestrahlung, Diabetes |
| Persistierend einseitig und schmerzlos | Neoplasie bis zur Klärung | Zyste, intraglandulärer Lymphknoten, chronische Entzündung |
| Fazialisparese, Fixierung, rasches Wachstum oder Lymphknoten | Malignitätsverdacht | invasive Entzündung als seltene Alternative |
| Bläuliche Mundbodenschwellung | orale Ranula | Dermoid-/Epidermoidzyste, vaskuläre oder lymphatische Malformation |
Red Flags: Atemnot, Dysphagie mit Speichelverhalt, rasch progrediente Mundboden- oder Halsschwellung, Sepsiszeichen, Abszessverdacht, Fazialisparese, Hautinfiltration, fixierte Raumforderung, neu aufgetretene Sensibilitätsstörung oder suspekte Halslymphknoten erfordern eine dringliche fachärztliche beziehungsweise notfallmedizinische Abklärung.
Diagnostische Verfahren im Überblick
Die Sonographie ist bei vielen Erkrankungen der oberflächlichen großen Speicheldrüsen die erste apparative Untersuchung. Sie kann Steine, Gangdilatationen, entzündliche Parenchymveränderungen, Abszesse, solide oder zystische Läsionen und regionale Lymphknoten darstellen. Sie ist jedoch kein universeller „Goldstandard“ für jede Fragestellung.
| Verfahren | Hauptstärke | Typische Grenze |
|---|---|---|
| Sonographie mit Doppler | schnell, strahlenfrei, oberflächliche Drüsen, Steine, Entzündung, Biopsiesteuerung | tiefer Parotislappen, Schädelbasis und kleine distale Gangsteine nur eingeschränkt |
| CT | Verkalkungen, Knochen, tiefe Infektion, Abszess und Notfalldiagnostik | ionisierende Strahlung, geringerer Weichteilkontrast als MRT |
| MRT | Tumorausdehnung, tiefer Parotislappen, Weichteile, perineurales Wachstum | längere Untersuchung, Bewegung und Metall-/Implantatfragen |
| MR-Sialographie | nicht invasive Darstellung flüssigkeitsgefüllter Gangabschnitte | weniger therapeutische Information als direkte Endoskopie |
| konventionelle Sialographie | detaillierte Gangmorphologie | invasiv; bei akuter eitriger Entzündung ungeeignet |
| Sialendoskopie | direkte Ganginspektion und gleichzeitige Therapie | nur für das Gangsystem; Expertise und passende Anatomie erforderlich |
| sonographisch gesteuerte FNA/CNB | Gewebe- beziehungsweise Zellgewinnung bei Raumforderung | gehört in einen geplanten spezialisierten Diagnostikpfad |
Erkrankungsgruppen
Obstruktive Erkrankungen
Die Sialolithiasis betrifft am häufigsten das submandibuläre System. Klinik und Therapie hängen nicht nur von der Steingröße ab, sondern auch von Lage, Mobilität, Gangstenose und Drüsenfunktion. Ziel ist heute nach Möglichkeit die Drüsenerhaltung durch Sialendoskopie, transorale oder kombinierte Verfahren und gegebenenfalls Lithotripsie.
Entzündliche Erkrankungen
Eine Sialadenitis kann bakteriell, viral, chronisch-obstruktiv, autoimmun oder therapiebedingt sein. Eitriges Sekret stützt eine bakterielle Genese; sein Fehlen schließt sie nicht sicher aus. Bei wiederholten Entzündungen muss eine zugrunde liegende Abflussstörung gesucht werden.
Nicht entzündliche Schwellung
Die Sialadenose ist eine nicht entzündliche, nicht neoplastische, häufig beidseitige Drüsenvergrößerung. Sie ist eine Ausschlussdiagnose und kann mit metabolischen, nutritiven oder toxischen Faktoren assoziiert sein.
Xerostomie und Hyposalivation
Xerostomie bezeichnet die subjektive Mundtrockenheit, Hyposalivation eine objektiv messbare Sekretionsminderung. Beide können gemeinsam oder getrennt auftreten. Die zahnärztliche Bedeutung liegt vor allem im stark erhöhten Risiko für Wurzel- und Glattflächenkaries, Candidose, Schleimhautverletzungen und eingeschränkte Lebensqualität.
Tumoren
Speicheldrüsentumoren sind histologisch heterogen. Die meisten entstehen in der Parotis und sind dort überwiegend gutartig; in kleineren Drüsen ist der relative Anteil maligner Tumoren höher. Klinik allein kann Benignität nicht sicher beweisen. Die deutsche S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie von Speicheldrüsentumoren des Kopfes“, Version 1.0, ist seit August 2025 gültig.
Diagnostischer Gesamtalgorithmus
90-Sekunden-Antwort für die Kenntnisprüfung
„Bei einer Speicheldrüsenschwellung unterscheide ich zunächst einen Notfall von einem stabilen Befund. Danach frage ich nach Dauer, Schmerzen, Fieber und einem Zusammenhang mit Mahlzeiten. Eine prandiale Schwellung spricht für eine Obstruktion, insbesondere durch Sialolithiasis. Schmerz, Rötung und eitriges Sekret aus der Papille sprechen für eine bakterielle Sialadenitis. Eine beidseitige schmerzlose Schwellung kann zu einer Sialadenose oder Autoimmunerkrankung passen. Eine persistierende einseitige schmerzlose Raumforderung muss als Tumor abgeklärt werden. Klinisch inspiziere ich die Gangpapillen, palpiere die Drüsen und den Mundboden bimanuell und prüfe bei Parotisbefunden immer die Fazialisfunktion. Die Sonographie ist meist die erste Bildgebung. CT nutze ich vor allem für Verkalkungen, Knochen und akute tiefe Komplikationen, MRT für Tumorausdehnung und perineurales Wachstum. Bei einer Raumforderung erfolgt die Gewebediagnostik geplant in einer spezialisierten Einheit.“
Häufige Prüfungsfehler
- Sonographie als universellen Goldstandard für jede Speicheldrüsenfrage bezeichnen.
- Eine schmerzlose Schwellung automatisch als Sialadenose einordnen, ohne Tumor und Autoimmunerkrankung auszuschließen.
- Bei Parotisschwellung die Fazialisfunktion nicht prüfen.
- Sialendoskopie mit einer reinen Bildgebung verwechseln.
- Xerostomie und Hyposalivation synonym verwenden.
- Eine Parotisraumforderung in der Hauszahnarztpraxis offen biopsieren.
- Antibiotika bei jeder Speicheldrüsenschwellung verordnen.
- Bei akuter bakterieller Sialadenitis die mögliche Abflussstörung übersehen.
FAQ
Welche Speicheldrüse produziert den meisten Ruhespeichel?
Die Glandula submandibularis liefert den größten Anteil des unstimulierten Gesamtspeichels. Bei starker Stimulation steigt der relative Anteil der Parotis deutlich.
Welche Untersuchung kommt zuerst?
Nach Anamnese, Inspektion und Palpation ist die Sonographie bei vielen Erkrankungen der großen Speicheldrüsen die erste apparative Untersuchung. Die Wahl kann sich bei Notfall, tiefer Raumforderung oder Tumorverdacht ändern.
Was bedeutet eine Schwellung beim Essen?
Sie spricht für eine Abflussbehinderung, meist durch einen Stein oder eine Gangstenose. Sekundär kann sich die Drüse entzünden.
Warum ist eine Fazialisparese bei Parotisschwellung gefährlich?
Sie kann auf eine Infiltration des N. facialis durch einen malignen Tumor hinweisen und erfordert eine dringliche spezialisierte Abklärung.
Ist Mundtrockenheit immer mit vermindertem Speichelfluss verbunden?
Nein. Xerostomie ist ein subjektives Symptom; Hyposalivation wird objektiv gemessen. Beide Befunde können voneinander abweichen.
Quellen und Leitlinien
- AWMF/Leitlinienprogramm Onkologie: S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie von Speicheldrüsentumoren des Kopfes“, Version 1.0, gültig bis 03.08.2030.
- WHO Classification of Tumours: Head and Neck Tumours – Salivary Gland.
- Geiger JL et al.: Management of Salivary Gland Malignancy: ASCO Guideline. Journal of Clinical Oncology. 2021.
- Stryjewska-Makuch G et al.: Success rate of sialendoscopy – systematic review and meta-analysis. 2023.
Vertiefe Sonographie, CT, MRT, Sialographie und Sialendoskopie im diagnostischen Ablauf.