Risikopatienten · Zahnchirurgie · Blutungsmanagement

Gerinnungsstörungen und Antikoagulation in der Zahnchirurgie

Dieses Kapitel erklärt, wie Gerinnungspatienten vor zahnärztlich-chirurgischen Eingriffen sicher eingeschätzt werden: primäre und sekundäre Hämostase, Marcumar/INR, DOAK, ASS/Clopidogrel, Hämophilie, von-Willebrand-Syndrom, Thrombozytopenie und lokale Hämostase. Entscheidend ist nicht pauschales Absetzen, sondern sichere Blutungskontrolle bei möglichst geringem Thromboserisiko.

Prüfungsfokus Blutung kontrollieren · Thrombose vermeiden

Die zentrale Frage lautet: Ist die Blutung lokal beherrschbar, ohne ein gefährliches thromboembolisches Risiko auszulösen?

KP-Leitsatz Nicht alles absetzen.

Viele Nachblutungen sind lokal behandelbar; Schlaganfall, Lungenembolie oder Stentthrombose nach falschem Absetzen können lebensbedrohlich sein.

FürKenntnisprüfung, Praxisentscheidung und OP-Planung
§FachgebietOralchirurgie · Risikopatienten
!FokusINR, DOAK, ASS/Plavix, Hämophilie, lokale Hämostase
Aktualisiert25. Mai 2026

Klinische Bedeutung

Gerinnungsstörungen gehören zu den häufigsten Risikosituationen in der zahnärztlichen Chirurgie. Das Hauptproblem ist nicht die normale intraoperative Blutung, sondern die prolongierte Nachblutung, die der Patient zu Hause nicht kontrollieren kann.

Die bessere Frage lautet nicht: „Blutet der Patient mehr?“, sondern: „Kann ich diese Blutung lokal sicher kontrollieren, ohne ein gefährliches Thromboserisiko auszulösen?“

KP-Leitsatz: Bei Gerinnungspatienten gewinnt nicht der Zahnarzt, der alles absetzt, sondern der Zahnarzt, der Blutung lokal kontrolliert und Thrombosen vermeidet.
RisikoKlinische BedeutungPraxislogik
Nachblutungmeist lokal behandelbarNaht, Druck, Hämostyptika, Kontrolle
Thrombosepotenziell lebensbedrohlichMedikation nicht eigenmächtig pausieren
Unklare Gerinnungnicht planbares OP-RisikoLabor/Rücksprache vor Eingriff
Schwere GerinnungsstörungKlinik- oder Hämatologiebedarfkein Routineeingriff in der Praxis

Hämostase verstehen: primär vs. sekundär

Für die Prüfung ist die Trennung zwischen primärer und sekundärer Hämostase zentral. Thrombozyten bilden den ersten Pfropf; Gerinnungsfaktoren stabilisieren ihn durch Fibrin.

Primäre Hämostase

Gefäßwand, Thrombozyten und von-Willebrand-Faktor. Störungen führen eher zu Schleimhautblutungen, Petechien, Sofortblutung und diffusem Nachsickern.

Sekundäre Hämostase

Gerinnungsfaktoren und Fibrinbildung. Störungen führen eher zu tiefer, verzögerter Nachblutung, Hämatomen und persistierender Alveolenblutung.

StörungTypische UrsachenBlutungsbild
PrimärASS, Clopidogrel, Thrombozytopenie, vWSSofortblutung, Schleimhautblutung, Petechien
SekundärMarcumar, Hämophilie, Faktorendefekte, Lebererkrankungverzögerte Blutung, Hämatom, tiefe Nachblutung

Präoperative Checkliste

Vor jedem Eingriff müssen Medikation, Indikation, letzte Einnahme, Eingriffsgröße, lokale Kontrollierbarkeit der Blutung, Nachsorge und Dokumentation geklärt werden.

Medikation erfassenIndikation klärenEingriff einstufenLabor prüfenHämostase planenNachkontrolle sichern
Dokumentation: Medikament, Dosis, letzter Einnahmezeitpunkt, relevanter Laborwert, Rücksprache, Aufklärung und Hämostaseplan müssen nachvollziehbar dokumentiert werden.

Marcumar / Phenprocoumon, INR und Quick

Marcumar ist ein Vitamin-K-Antagonist und hemmt die Bildung der vitamin-K-abhängigen Gerinnungsfaktoren II, VII, IX und X. Typische Indikationen sind Vorhofflimmern, mechanische Herzklappen, tiefe Beinvenenthrombose, Lungenembolie und thrombophile Erkrankungen.

SituationINRQuickBedeutung
normalca. 1,0ca. 100 %normale Gerinnung
therapeutisch antikoaguliertca. 2,0–3,0ca. 30 %verzögerte Gerinnung
stark antikoaguliertca. 4,0ca. 15 %hohes Blutungsrisiko
INRZahnärztliche Konsequenz
≤ 3,0kleine Eingriffe meist ambulant möglich, wenn lokale Hämostase und Nachkontrolle gesichert sind
3,0–3,5individuell; nur klein, atraumatisch, mit konsequenter Hämostase und ggf. Rücksprache
> 3,5elektiv verschieben und ärztlich rücksprechen
unklarvor OP klären
KP-Leitsatz: Marcumar wird nicht eigenmächtig abgesetzt. Routine-„Bridging“ mit Heparin wird heute deutlich zurückhaltender bewertet und ist nicht automatisch notwendig. Der INR wird geprüft, das Blutungsrisiko lokal geplant und bei zu hohem INR rückgesprochen.

DOAK / NOAK

DOAK sind direkte orale Antikoagulanzien. Sie haben keinen verlässlichen INR-Steuerwert, einen schnellen Wirkeintritt, eine kürzere Halbwertszeit und eine relativ planbare Wirkung. Besonders Dabigatran ist stark von der Nierenfunktion abhängig.

GruppeWirkstoffAngriffspunkt
Faktor-Xa-HemmerApixabanFaktor Xa
Faktor-Xa-HemmerRivaroxabanFaktor Xa
Faktor-Xa-HemmerEdoxabanFaktor Xa
ThrombinhemmerDabigatranFaktor IIa

Bei kleinen Eingriffen ist meist keine Pause nötig. Sinnvoll ist ein Termin zum Talspiegel, also möglichst kurz vor der nächsten regulären Einnahme. Die nächste Einnahme erfolgt erst bei stabiler Blutstillung.

KP-Leitsatz: Bei DOAK entscheidet nicht der INR, sondern Einnahmezeitpunkt, Nierenfunktion, Blutungsrisiko und Eingriffsgröße.

ASS und Plavix / Clopidogrel

ASS hemmt die Thrombozytenaggregation über COX-1; Clopidogrel hemmt den ADP-Rezeptor der Thrombozyten. Beide betreffen die primäre Hämostase und werden häufig bei KHK, Stent, Herzinfarkt, Schlaganfall/TIA und pAVK eingesetzt.

MedikationZahnärztliche Strategie
ASS 100 mgbei kleinen oralchirurgischen Eingriffen meist nicht pausieren; Blutung lokal kontrollieren
Clopidogrel-Monotherapiekleine Eingriffe oft möglich; lokale Hämostase; Rücksprache bei großem Eingriff
ASS + Clopidogrelduale Hemmung nie eigenständig pausieren; elektiv ggf. verschieben und ärztlich rücksprechen
Prüfungsfalle: Eine lokale Nachblutung ist meistens behandelbar. Eine Stentthrombose nach unkritischem Absetzen von ASS/Clopidogrel kann tödlich sein.

Hämophilie und von-Willebrand-Syndrom

Hämophilie A ist ein Faktor-VIII-Mangel, Hämophilie B ein Faktor-IX-Mangel. Typisch sind verzögerte Nachblutungen, Hämatome, Gelenkblutungen und starke Blutungen nach kleinen Traumata.

Das von-Willebrand-Syndrom ist die häufigste angeborene Blutungsneigung. Es betrifft die Thrombozytenadhäsion und die Stabilisierung von Faktor VIII, also primäre und teilweise sekundäre Hämostase.

ErkrankungVor OP klärenKonsequenz
Hämophilie A/BTyp, Schweregrad, Faktorwert, Hemmkörper, Zentrumkeine invasive OP ohne hämatologisches Konzept
von-Willebrand-SyndromTyp, Schweregrad, vWF/FVIII, BlutungsanamneseDDAVP oder vWF/FVIII-Konzentrat je nach Typ, Tranexamsäure, Naht
KP-Leitsatz: Ein Hämophiliepatient wird nicht „einfach extrahiert“, sondern unter hämatologischem Schutz behandelt.

Thrombozytopenie

Thrombozytopenie bedeutet eine verminderte Thrombozytenzahl. Ursachen sind unter anderem Chemotherapie, Leukämie, Leberzirrhose, Immunthrombozytopenie, Medikamente, Knochenmarkserkrankungen und schwere Infektionen.

Wichtige klinische Verbindung: Leberzirrhose kann gleichzeitig Gerinnungsfaktoren, Thrombozytenzahl und Wundheilung beeinflussen. Deshalb ist bei Leberpatienten nicht nur die Blutungsneigung, sondern die gesamte chirurgische Kontrollierbarkeit entscheidend.
ThrombozytenzahlZahnärztliche Konsequenz
> 100.000/µlkleine Eingriffe meist möglich
50.000–100.000/µlkleine atraumatische Eingriffe mit guter Hämostase
< 50.000/µlkeine elektive ambulante OP; Rücksprache/Klinik
< 20.000/µlhohes Spontanblutungsrisiko, keine Praxis-OP
KP-Leitsatz: Unter 50.000 Thrombozyten/µl ist eine ambulante Extraktion in der Regel nicht sicher planbar.

Lokale Hämostase

Die lokale Hämostase ist der Schlüssel der zahnärztlichen Chirurgie bei Antikoagulation. Sie entscheidet, ob ein Eingriff ambulant kontrollierbar ist.

Mechanisch

Atraumatische OP, Kompression, Naht, Kreuznaht, Matratzennaht, primärer Wundverschluss und ggf. Verbandplatte.

Hämostyptika

Kollagenschwamm, Gelatineschwamm, oxidierte Zellulose, Fibrinkleber und resorbierbare Tamponaden stabilisieren das Koagel.

Tranexamsäure

Hemmt die Fibrinolyse und stabilisiert das Gerinnsel, zum Beispiel als Mundspülung, getränkter Tupfer oder lokale Applikation.

Postoperative InstruktionZiel
30–60 Minuten auf Tupfer beißenDruck und Koagelstabilisierung
am OP-Tag nicht spülen, nicht saugen, nicht rauchenKoagel schützen
keine starke körperliche Belastung, kein AlkoholNachblutungsrisiko senken
bei Blutung sauberen Tupfer 30 Minuten komprimierenerste Selbstmaßnahme
bei persistierender Blutung Praxis / Notdienstsichere Nachsorge
kein unkontrolliertes NSARzusätzliches Blutungsrisiko vermeiden

Extraktionsalgorithmus bei Gerinnungsstörung

Wann keine ambulante Praxis-OP?
Keine elektive ambulante Chirurgie bei schwerer angeborener Gerinnungsstörung ohne hämatologisches Konzept, unklarer Gerinnungslage, Thrombozyten <50.000/µl, unkontrollierbarer Nachblutung oder fehlender Nachsorgemöglichkeit.
Risiko identifizierenEingriff einstufenMedikation bewertenOP-Technik planenHämostase sichernNachsorge organisieren
GruppePrüfungslogik
MarcumarINR prüfen; therapeutischer INR oft möglich; >3,5 verschieben/rücksprechen
DOAKINR nicht hilfreich; Einnahmezeitpunkt, Nierenfunktion und Eingriff beachten
ASSmeist weiterführen; lokale Hämostase
Duale Plättchenhemmungniemals eigenständig pausieren; Rücksprache, elektiv ggf. verschieben
Hämophilie / vWSkeine invasive OP ohne hämatologisches Konzept
ThrombozytopenieThrombozytenzahl bestimmt ambulante Sicherheit

Kompakte KP-Antwort

Bei Gerinnungsstörungen unterscheide ich primäre und sekundäre Hämostasestörungen. Ich erfasse Medikation, Indikation, letzten Einnahmezeitpunkt, Laborwerte und Eingriffsgröße. Marcumar steuere ich über den INR; DOAK beurteile ich über Einnahmezeitpunkt, Nierenfunktion und Blutungsrisiko. ASS wird meist nicht pausiert, duale Hemmung nur nach Rücksprache verändert. Entscheidend sind atraumatische Technik, Naht, Kompression, Hämostyptika, Tranexamsäure und sichere Nachkontrolle.

Schnell-Merker

Marcumar → INR prüfen DOAK → Einnahmezeitpunkt + Nierenfunktion ASS → meist weiterführen Duale Hemmung → nie eigenständig pausieren Hämophilie/vWS → hämatologische Planung Thrombozytopenie → Thrombozytenzahl entscheidet Lokale Hämostase → Naht, Druck, Hämostyptika, TXA Nachsorge → schriftliche Regeln + Notfallkontakt

Häufige Prüfungsfragen

Wird Marcumar vor einer Extraktion automatisch abgesetzt?

Nein. Der INR wird geprüft, das Blutungsrisiko wird lokal geplant und bei therapeutischem INR sind kleine Eingriffe häufig ambulant möglich. Eigenmächtiges Absetzen kann thromboembolische Risiken erhöhen.

Warum ist der INR bei DOAK nicht hilfreich?

DOAK wirken direkt auf Faktor Xa oder Thrombin und werden nicht über den INR gesteuert. Entscheidend sind Einnahmezeitpunkt, Nierenfunktion, Blutungsrisiko und Eingriffsgröße.

Was ist der wichtigste Unterschied zwischen ASS und Marcumar?

ASS beeinflusst die primäre Hämostase über Thrombozytenaggregation. Marcumar beeinflusst die sekundäre Hämostase über vitamin-K-abhängige Gerinnungsfaktoren.

Welche lokale Hämostase ist besonders wichtig?

Atraumatische Technik, Kompression, Naht, Hämostyptika, Tranexamsäure, Koagelschutz und klare postoperative Instruktionen.

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